Werbungskosten

Doppelte Haushaltsführung

10.05.2011

Spätestens an der Tankstelle stellt sich vielen Berufspendlern derzeit die Frage, ob eine Unterkunft nahe ihrer oft weit entfernten Arbeitsstelle nicht billiger kommt. Eine steuerlich begünstigte doppelte Haushaltsführung liegt laut Einkommensteuergesetz (EStG) aber nur dann vor, wenn ein Arbeitnehmer aus beruflichen Gründen neben seinem Heimatwohnsitz eine Zweitwohnung am Beschäftigungsort unterhält und dort mindestens gelegentlich übernachtet. Zudem setzt die Anerkennung dadurch verursachter Mehraufwendungen (siehe Übersicht) seit einigen Jahren voraus, dass der Arbeitnehmer zuvor bereits einen eigenen Hausstand hatte. Sofern er sich finanziell an der Haushaltsführung beteiligt, werden zwar auch allein vom Lebenspartner angemietete Wohnungen anerkannt. Zumindest bislang verneinen die Lohnsteuer-Richtlinien jedoch noch das Vorhandensein eines eigenen Hausstandes in all jenen Fällen, in denen der Arbeitnehmer gegen Kostenbeteiligung in den Haushalt der Eltern eingegliedert ist oder in deren Wohnung ein Zimmer bewohnt. Besonders kritisch wird darüber hinaus jedwede unentgeltliche Wohnraumüberlassung beäugt. Dieser restriktiven Handhabung ist der Bundesfinanzhof (BFH) kürzlich entgegen getreten: In seinem Urteil vom 21. April 2010 (Aktenzeichen VI R 26/09) stellten die Richter klar, dass auch eine unentgeltlich überlassene Wohnung durchaus einen eigenen Hausstand darstellen könne. Im Streitfall hatte der ledige Kläger die Kosten seiner Dreizimmerwohnung am Beschäftigungsort beim Finanzamt als Werbungskosten abziehen wollen, obwohl er im Haus seiner Eltern als Haupthausstand lediglich das Dachgeschoss bewohnte und dort Küche, Bad und WC teilen musste.

Kehrtwende in Wegverlegungsfällen

Bereits zuvor waren die höchsten Finanzrichter zu Gunsten betroffener Arbeitnehmer von ihrer langjährigen Rechtsprechung abgewichen, nach der ein (Haupt‑)Hausstand zwingend schon vor Einrichtung einer Zweitwohnung am Beschäftigungsort bestanden haben musste. So gelangten sie in ihrer Enscheidung vom 30. Oktober 2008 (Aktenzeichen VI R 10/07) zur Einsicht, dass sich die Verlegung des Familienwohnsitzes an den Beschäftigungsort des anderen Ehegatten unter Beibehaltung der ursprünglichen Familienwohnung als Erwerbswohnung keinesfalls schädlich auf den Werbungskostenabzug auswirken dürfe. In derartigen Fällen ist es damit neuerdings unerheblich, ob der gemeinsame Wohnsitz der Ehegatten über die Jahre gleich bleibt oder verändert wird – maßgeblich ist allein der Umstand, ob die Unterhaltung der Zweitwohnung auf einer Berufstätigkeit des anderen Ehepartners an einem weiteren Ort beruht.

Darüber hinaus hat der BFH kurz darauf den Werbungskostenabzug für eine doppelte Haushaltsführung selbst bei kompletter Wegverlegung des Familienwohnsitzes vom Beschäftigungsort zugelassen. Auf die Vorgaben der BFH-Richter sind zwischenzeitlich auch die Finanzbehörden eingeschwenkt und erkennen in ihren aktuellen Lohnsteuer-Richtlinien 2011 eine aus beruflichem Anlass begründete doppelte Haushaltsführung an, sofern der Haupthausstand aus privaten Gründen vom Beschäftigungsort wegverlegt und die bereits vorhandene oder eine neu eingerichtete Wohnung am Beschäftigungsort aus beruflichen Gründen als Zweithaushalt genutzt wird. Beruflich veranlasst ist der Zweithaushalt am Beschäftigungsort übrigens schon dann, wenn der Arbeitsplatz von dort aus angefahren wird. Akzeptiert werden infolge dessen auch tatsächlich entstandene Umzugskosten, die nach Wegverlegung des Lebensmittelpunktes vom Beschäftigungsort für den Umzug in eine andere, ausschließlich aus beruflichen Gründen genutzte Unterkunft am Beschäftigungsort entstehen. Auf Ablehnung stößt der Werbungskostenabzug indes in allen Fällen, in denen bereits zum Zeitpunkt der Wegverlegung des Lebensmittelpunktes vom Beschäftigungsort ein Rückumzug an den Beschäftigungsort geplant ist oder feststeht. Und auch künftig bleiben nur die Kosten der Zweitwohnung, nicht jedoch die des Hauptwohnsitzes als Werbungskosten abziehbar.

Steuervorteil ohne Wohnungswechsel

Den vorläufigen Abschluss der zunehmend arbeitnehmerfreundlichen Finanzrechtsprechung bildet die erst kürzlich veröffentlichte BFH-Entscheidung, wonach eine erneute doppelte Haushaltsführung am früheren Beschäftigungsort selbst ohne Wohnungswechsel zu abzugsfähigen Werbungskosten führt. Im zugrunde liegenden Sachverhalt hatte ein Arbeitnehmer seine Zweitwohnung am Beschäftigungsort wegen eines Arbeitsplatzwechsels für eine zweijährige Übergangszeit nicht nutzen können und erst nach Wiederaufnahme seiner ursprünglichen Tätigkeit erneut bezogen. Maßgeblich für den begehrten Steuerabzug sei allein der zweite Haushalt am Beschäftigungsort.

Bernhard Lindgens