Auf ein Neues!

Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge

30.09.2020

Unternehmensgruendungen und UnternehmensnachfolgeEin Unternehmen gründen? Oder eine Firma als Nachfolgerin oder Nachfolger zu übernehmen? Ausgerechnet jetzt? Keine leichte Entscheidung. Die IHK ermuntert Menschen mit ernsthaftem unternehmerischem Interesse auch in der Coronakrise, ihre Gründungs- oder Nachfolgeabsichten nicht aufzugeben. Und unterstützt sie auf dem Weg von der Idee bis zum Start – und darüber hin-aus – mit umfangreichen Beratungs- und Informationsangeboten. Wegen Corona hat sich lediglich die Form geändert: Viele Formate finden digital statt.

 

Auf ein Neues

 

Wenn man die Menschen nach einem Produkt fragt, das in Coronazeiten besonders gesucht ist oder war, würden viele vermutlich als erstes Toilettenpapier nennen. Bei Heimsportgeräten, Gartenmöbeln und Stand-up-Paddling-Boards gingen die Verkaufszahlen seit März ebenfalls rapide nach oben. Was kaum einer weiß: Auch die Nachfrage nach Trockeneis stieg deutlich an.

 

Werner und Alexander Boehm (v.l.)Werner Böhm (l.) begann 2007 mit der Produktion von Trockeneis. Sohn Alexander stieg erst ins Unternehmen ein. Jetzt gründete er die ProTrockeneis GmbH und kaufte anschließend die Firma des Vaters.Das ist gut für Alexander Böhm und seinen Vater Werner. Letzterer begann 2007 in Wachtberg mit der Produktion von Trockeneis. Sein Sohn Alexander setzt die unternehmerische Tradition fort. 2012 stieg der 29-Jährige ins väterliche Unternehmen ein. Der Plan war klar: Er sollte den Betrieb eines Tages übernehmen.

 

Nun ist es so weit: Alexander Böhm gründete die ProTrockeneis GmbH und kaufte die Firma des Vaters. Der ist nun formal bei seinem Sohn angestellt und begleitet ihn noch einige Zeit in der Nachfolge. Die Firma produziert Trockeneis, Trockeneisboxen sowie Maschinen zur Herstellung von Trockeneis. Das brauchen die Kunden etwa, um pharmazeutische Produkte oder Lebensmittel zu kühlen. Es eignet sich aber auch zur Reinigung von Häuserfassaden, Getrieben und Anlagen. Das Geschäft läuft, derzeit entsteht in Rheinbach ein Neubau.

 

Corona hat dem kleinen Unternehmen nun einen zusätzlichen Schub verpasst. „Bereits seit einiger Zeit boomt das Segment ‚Home Delivery‘“, erzählt Alexander Böhm, „und seit Beginn der Coronakrise lassen sich noch viel mehr Menschen Essen und Lebensmittel nach Hause liefern. Um das effizient zu kühlen, eignen sich unsere verpackten Trockeneis-Scheiben am besten.“

 

Die Zahl der Gründungen geht in der Krise zurück

 

Ob es auch hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren? Den brauchen Gründerinnen und Gründer derzeit nämlich. Ebenso wie etablierten Firmen brachen auch vielen Start-ups ab März die Einnahmen weg. Statt sich am Markt etablieren zu können, rangen und ringen viele ums wirtschaftliche Überleben. Wer dagegen mitten in der Gründung steckte oder ganz am Anfang stand, wurde von der Krise ausgebremst.

 

Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen dies. Im 1. Halbjahr 2020 wurden in Deutschland rund 58.000 Betriebe gegründet, deren Rechtsform und Beschäftigtenzahl auf eine größere wirtschaftliche Bedeutung schließen lassen. Das sind 9,4 Prozent weniger als im 1. Halbjahr 2019. Die Zahl neu gegründeter Kleinunternehmen lag im 1. Halbjahr 2020 mit rund 68.100 sogar noch deutlicher unter dem Vorjahreswert, nämlich um 21,1 Prozent.

 

Auch die IHK Bonn/Rhein-Sieg beobachtet die Entwicklung sehr genau. Doch sie ermuntert Gründungswillige, an ihren Plänen festzuhalten und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. „Wer eine gute Geschäftsidee hat und einen soliden Businessplan, dem raten wir zu, denn Krisenzeiten sind auch Gründerzeiten, sie bieten Chancen für Nachwuchsunternehmerinnen und -unternehmer“, betont Regina Rosenstock, Gesamtbereichsleiterin Unternehmensförderung bei der IHK.

 

Ebenso wichtig ist ihr eine zweite Botschaft: „Wir unterstützen Start-ups auf ihrem kompletten Weg – von der ersten Idee über die rechtlichen, steuerlichen und finanziellen Aspekte der Grün-dung bis zur Festigung der Marktposition“, unterstreicht die Expertin. Zwar konnten einige Wochen lang keine persönlichen Beratungsgespräche und Präsenzveranstaltungen stattfinden. Dafür jedoch sattelte die IHK schnell auf digitale Formate um.

 

Erst vor einigen Tagen richtete sie gemeinsam mit dem BeraterinnenNetzwerk Bonn/Rhein-Sieg den traditionellen Gründerinnentag erstmals als Hybrid-Veranstaltung aus. Es gab virtuelle Kurzvorträge, drei Gründerinnen berichteten über ihre ersten Erfahrungen. Das Interesse war hoch.

 

Gründen in Coronazeiten? Mit Mut und Unterstützung geht’s

 

Mitten in der Coronakrise feilen auch Claudia Zenkert und ihre Mitgründerin, die namentlich noch nicht in Erscheinung treten möchte, an ihrem Start in die Selbstständigkeit: Ursprünglich wollten sie eine klassische TV-Produktionsfirma für Wissenschafts- und Tierdokumentationen gründen. Inzwischen haben sie ihr Konzept erweitert: ein Inhalt, mehrere Produkte.

 

Claudia ZenkertClaudia Zenkert und ihre Mitgründerin feilen am Start in die Selbstständigkeit.Idealerweise wollen sie Stoffe so aufbereiten, dass sie gleich mehrere Zielgruppen bedienen – von Fernsehsendern und Streaming-Plattformen über Museen und Schulen bis zu Unternehmen und Institutionen. Der Businessplan und das Finanzierungskonzept stehen, in Sachen Marketing sind die beiden Gründerinnen ebenfalls schon weit, derzeit entwickeln sie Projektideen und knüpfen relevante Kontakte. Offiziell losgehen soll’s im ersten Quartal 2021.

 

Das IHK-Angebot nutzen sie von Anfang an – und das ist wörtlich gemeint: Ohne die IHK-Veranstaltung „Nachfolge ist weiblich“ gäbe es die beiden als Gründerinnenteam gar nicht, dort haben sie sich kennengelernt. Zenkerts Geschäftspartnerin sollte ursprünglich die Nachfolge im väterlichen Unternehmen antreten, Zenkert selbst die Medienproduktionsfirma übernehmen, in der sie bis vor kurzem knapp acht Jahre lang arbeitete.

 

Aus beidem wurde nichts, stattdessen bringen sie nun in Bad Honnef ein eigenes Unternehmen an den Start. Dabei halfen ihnen weitere Beratungsgespräche mit der IHK sowie deren Veranstaltungen, etwa der Finanzierungssprechtag, Formate wie „Rechten und Pflichten des GmbH-Geschäftsführers“ oder auch die Onlineplattform www.gruendungswerkstatt-nrw.de, an der die 16 NRW-IHKs beteiligt sind.

 

30.000 Nachfolgerinnen und Nachfolger gesucht – pro Jahr

 

Gründen war Plan B – eigentlich hatten die beiden, wie gesagt, Nachfolgepläne. „Davon bräuchten wir mehr in Deutschland und in der Region“, sagt Prof. Dr. Andreas Wiesehahn, Autor des Praxishandbuchs „Unternehmensnachfolge“ und Leiter des Masterstudiengangs „Controlling und Management“ an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (HBRS).

 

Prof. Dr. Andreas WiesehahnLeitet künftig das Kompetenzzentrum für Unternehmensnachfolge an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg: Prof. Dr. Andreas Wiesehahn.In Coronazeiten beobachtet er allerdings eine deutliche Zurückhaltung bei potenziellen Gründern und Nachfolgern. „Gleichzeitig legen viele Firmen ihre Nachfolgepläne auf Eis: Liquiditätssicherung steht derzeit an erster Stelle“, erklärt Wiesehahn. Durch die Krise würden die Schwächen vieler Geschäftsmodelle deutlich. Dies wirke sich wiederum nachteilig auf eine mögliche Übergabe solcher Unternehmen aus.

 

Trotzdem steigt der Nachfolgebedarf. „Laut einer aktuellen Einschätzung der Bundesregierung sind 44 Prozent der Unternehmerinnen und Unternehmer im Mittelstand 55 Jahre oder älter“, gibt Wiesehahn zu Bedenken. Dies sei das Alter, in dem man mit der Nachfolgeplanung beginnen müsse, damit einem für diesen komplexen Vorgang nicht die Zeit davonlaufe. Laut Institut für Mittelstandsforschung (IfM) stünden zwischen 2018 und 2022 jährlich 30.000 Übergaben an – 36 Prozent mehr als im Zeitraum von 2010 bis 2014.

 

Nun ist der Hochschullehrer von einer ganzen Reihe junger Menschen umgeben, die eines Tages für eine Nachfolge in Frage kommen könnten. Aber: „Unter unseren Studierenden können sich zwar einige vorstellen, einmal zu gründen – aber es gibt kaum jemanden, der davon spricht, eine Firma übernehmen zu wollen“, sagt Wiesehahn.

 

Das möchte er ändern. Das Centrum für Entrepreneurship, Innovation und Mittelstand (CENTIM) der HBRS plane ein neues Kompetenzzentrum für Unternehmensnachfolge unter Wiesehahns Leitung. Eine Idee: ältere Unternehmerinnen und Unternehmer mit interessierten Hochschulabsolventen zusammenzubringen. „Warum sollten letztere nicht nach dem Studium in ein Unternehmen einsteigen, um gezielt auf eine Nachfolge vorbereitet zu werden?“, fragt der Experte eher rhetorisch.

 

Warum nicht beides: Gründen und Nachfolgen

 

Christine Batsch entschied sich – ähnlich wie Alexander Böhm – für beides: Gründen und Nachfolgen. Die Diplom-Ingenieurin war 2011 in das Unternehmen ihres Vaters eingestiegen, das auf den Bau von Anlagen zur industriellen Teilereinigung spezialisiert ist. Das erklärte Ziel war von vornherein die mögliche Nachfolge.

 

Christine BatschChristine Batsch wurde 2019 mit dem Gründerpreis NRW ausgezeichnet.2014, als ihr Vater 70 wurde, war es so weit. Weil die Umwandlung des Einzelunternehmens in eine GmbH sehr komplex gewesen wäre, entschied sie sich für die Neugründung der Ch. Batsch Verfahrenstechnik GmbH. Mit diesem Unternehmen mietete sie sich im Firmengebäude des Vaters in Meckenheim ein. So kann sie das Know-how und die Anlagen der bestehenden Firma nutzen – und zugleich das Lebenswerk des Vaters fortsetzen.

 

Das ist derzeit allerdings schwieriger als bis vor einem Jahr. Das stetige Wachstum wurde durch die Coronakrise jäh ausgebremst. „Wir hatten gerade unsere Geschäftsbeziehungen zu China ausgebaut“, erzählt die Unternehmerin, „als die Krise ausbrach. Zum Glück profitiere die Firma von finanziellen Reserven der Vorjahre. „Außerdem“, sagt Batsch, „nutzen wir die Zeit, unser Profil zu schärfen und uns kreativ weiterzuentwickeln.“

 

Speziell für Frauen, die bei Gründungen und Nachfolgen traditionell unterrepräsentiert sind, hat sie zwei Tipps: „Seien Sie selbstbewusst, stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel, führen Sie sich immer wieder den Wert vor Augen, den Ihr Tun darstellt!“ Viele Frauen würden eher tiefstapeln, was sich beispielsweise auch bei Preisverhandlungen nachteilig auswirken würde.

 

Tipp Nummer 2: „Viele Frauen sind Expertinnen auf ihrem Gebiet – etwa als Ingenieurin. Das Studium befähigt aber meist nicht zum Unternehmertum, leider. Suchen Sie sich deshalb Unterstützung, werden Sie in Netzwerken aktiv, erarbeiten Sie sich das fehlende Gründer-Know-how!“

 

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn

 

Gründen

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