Azubi gesucht

Duale Ausbildung in Coronazeiten

30.09.2020

Auszubildende gesuchtAzubis gesucht!Die Coronakrise setzt auch den Ausbildungsmarkt unter Druck. Unternehmen und Jugendliche finden mühsamer und später zusammen als in den Vorjahren, am 31. August  waren noch 1.186 Ausbildungsstellen unbesetzt, so viel wie lange nicht mehr zu diesem Zeitpunkt. Viele Firmen möchten trotz der Krise an ihrem Ausbildungsengagement fest-halten. Die IHK unterstützt sie sowie suchende Jugendliche auf vielfältige Weise. Lesen Sie, wie Unternehmen jetzt von Ausbildung profitieren, wie die IHK hilft – und wie vier Betriebe aus der Region in Coronazeiten mit Ausbildung umgehen.

 

Ausbildung lohnt sich. Nicht nur im übertragenen Sinn. Die Corona-Pandemie hatte Wirtschaft und Gesellschaft schon seit einigen Wochen im Griff und – neben vielen anderen Krisen – auch eine Ausbildungskrise ausgelöst, da veröffentlichte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn die Ergebnisse einer Kosten-Nutzung-Erhebung.

 

Die Investitionen in Auszubildende zahlen sich demnach in vielen Fällen bereits während der zwei- bis dreieinhalbjährigen Ausbildungszeit aus – insbesondere jedoch bei Übernahme der Azubis. Denn dann müssten die Betriebe nicht auf dem Arbeitsmarkt nach Fachkräften suchen, die meist noch über zusätzliche Weiterbildungs- und Einarbeitungsmaßnahmen integriert werden müssen, so das BIBB. Dadurch würden Personalgewinnungskosten eingespart, Abhängigkeiten vom Arbeitsmarkt reduziert und mögliche Ausfallkosten durch Personalengpässe vermieden.

 

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Praesident des Bundesinstituts fuer Berufsbildung (BIBB)"Die Auszubildenden von heute sind die so dringend benötigten Fachkräfte von morgen," so Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).„Vor dem Hintergrund des weiter anhaltenden Fachkräftebedarfs tun die Betriebe also gut daran, ihr Ausbildungsengagement aufrechtzuerhalten“, betonte BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser im Juni. „Denn die Auszubildenden von heute sind die so dringend benötigten Fachkräfte von morgen. Alle Untersuchungen des BIBB zeigen, dass auch in Zukunft dual ausgebildete Fachkräfte gefragt sein werden.“

 

Der Appell des BIBB-Präsidenten war nicht der einzige seiner Art. Bis hinauf zur Staatsspitze ging im Juni die Sorge um das Thema Ausbildung. Gemeinsam mit den Spitzen der Sozialpartner aus Wirtschaft und Gewerkschaften rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 23. Juni die Arbeitgeber in Deutschland auf: „Engagieren Sie sich auch jetzt für Ihre Auszubildenden! Erhalten und schaffen Sie Ausbildungsplätze!“ An die jungen Menschen appellierten sie: „Bewerben Sie sich auch jetzt, trotz aller Widrigkeiten, um Lehrstellen! Unsere Wirtschaft braucht Sie, aber nicht nur die: Unser Land braucht Sie!“

 

Unternehmen, Schülerinnen und Schüler vorübergehend in Schockstarre

 

Der ungewöhnliche Appell hatte einen triftigen Grund: Das Land hatte sich zu diesem Zeitpunkt stark verändert. Auch in Sachen Ausbildung. In vielen Medienberichten war von einer Art Schockstarre die Rede – etwa unter zahlreichen Schülerinnen und Schülern, die eine Zeit lang nicht mal wussten, wann genau sie die Schule abschließen können, geschweige denn, ob es sich überhaupt lohnt, sich um einen Ausbildungsplatz zu bewerben.

 

Schulleiter Dirk ThomasDer Schulleiter des Berufskollegs des Rhein-Sieg-Kreises Bonn Duisdorf, Dirk Thomas, rechnet damit, dass es auch künftig phasenweise Online-Unterricht geben wird.Mit den allgemeinbildenden Schulen mussten auch die Berufskollegs für einige Wochen schließen. Allein 2.000 Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs des Rhein-Sieg-Kreises Bonn-Duisdorf waren davon betroffen, darunter viele Azubis in kaufmännischen Berufen. Auch nach Ende des Lockdowns ging es zunächst nur für bestimmte Schülergruppen wieder los. „Wir hatten am 24. April zunächst nur für die Abschlussjahrgänge wieder geöffnet“, berichtet Schulleiter Dirk Thomas.

 

Die Gruppengrößen wurden halbiert, Unterricht fand nur in den prüfungsrelevanten Fächern statt, außerdem lief einiges, wie schon während des Lockdowns, online. „Wir sind digital zum Glück gut ausgestattet“, betont Thomas, „sodass das Distanzlernen für die meisten Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte gut funktioniert hat.“ Der Schulleiter rechnet damit, dass es auch weiterhin Onlinephasen geben wird.

 

Auch die ausbildenden Unternehmen konnten nicht weitermachen wie bisher. Je nach Branche mussten sie wochenlang schließen, mit unterbrochenen Lieferketten zurechtkommen, massive Auftrags- und Umsatzeinbrüche verkraften, Kurzarbeit an-melden. Das hatte nicht nur Auswirkungen auf die aktuelle Ausbildung im Unternehmen, sondern auch auf die Gewinnung neuer Azubis fürs nächste Ausbildungsjahr, wie vier Firmenporträts beispielhaft zeigen.

 

Ausbildung: kein Lockdown – aber ein deutlicher Slowdown

 

Wer die Akquise noch vor Corona abgeschlossen hatte, war zwar auf der sicheren Seite. Je nach individuellem Krisenverlauf stehen manche dennoch in diesem Herbst vor der Frage, ob sie neuen Azubis über-haupt eine Perspektive bieten können. Wer mit Beginn von Corona noch Azubis suchte, sah sich mit sinkenden Bewerberzahlen konfrontiert, aber auch damit, dass IHKs und andere Institutionen eine Zeitlang keine Berufsorientierungsveranstaltungen anbieten konnten.

 

„Wir mussten unser Orientierungsangebot stark reduzieren, es blieb fast nur telefonische Beratung“, berichtet Jürgen Hindenberg, Geschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg für Berufsbildung und Fachkräftesicherung. Die Folge: zwar kein Lockdown, aber eine Art „Slowdown“. Weniger Bewerbungen, spätere Bewerbungen. Auch die Einstellungsprozesse waren für Wochen ins Stocken geraten. Die Bundesagentur für Arbeit sprach im Juni von einer Verzögerung von sechs bis acht Wochen.

 

Das spiegelt sich in den Zahlen wider. In der Region Bonn-Rhein-Sieg waren zum Stichtag 31. Au-gust noch 1.186 Berufsausbildungsstellen unbesetzt, dem gegenüber standen 1.085 Bewerberinnen und Bewerber. Bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg waren bis dahin 2.233 Ausbildungsverträge registriert worden; im Vorjahr waren es 2.807. Das ist ein Minus von 20,4 Prozent.

 

Deshalb warben der Bundespräsident, der BIBB-Präsident und viele andere für Ausbildung auch in Krisenzeiten. Unter der Überschrift „Der Countdown um den Wunschberuf hat begonnen“, rührte die Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg im Juni die Werbetrommel in der Region. „Das Schuljahr ist in wenigen Wochen beendet“, sagte Stefan Krause, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg. „Damit auch ein Ausbildungsanschluss dem Schulabschluss folgt, ist es spätestens jetzt wichtig, die guten Chancen am Ausbildungsmarkt zu ergreifen und Kontakt mit unserer Berufsberatung aufzunehmen. Ausbildungssuchende haben trotz der gegenwärtigen Situation gute Aussichten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.“

 

Katrin TremelDie Vorsitzende des IHK-Berufsbildungsausschusses Katrin TremelAuch die IHK hält die Chancen für sehr gut. „Viele Unternehmen halten trotz der Krise an ihrem Ausbildungsengagement fest“, betont IHK-Berufsbildungsgeschäftsführer Hindenberg. Katrin Tremel, Vorsitzende des IHK-Berufsbildungsausschusses und Teamleitung Young Talents in der Abteilung Recruiting der Deutschen Post AG, sagt: „Verantwortungsvoll haben viele Unternehmen ihre Auswahlinstrumente an Corona angepasst und geben so interessierten Jugendlichen die Möglichkeit, sich vorzustellen und einen der freien Ausbildungsplätze zu bekommen. Auch jetzt kann man sich noch bewerben!“

 

Mit ihrer alljährlichen Azubi-Hotline – gemeinsam mit der IHK Köln –, mit passgenauer Besetzung, Ausbildungsberatung und anderen Instrumenten engagierte die IHK Bonn/Rhein-Sieg sich den Sommer über intensiv dafür, dass möglichst viele Jugendliche und Unternehmen in Sachen Ausbildung zusammenkommen. Auch im Herbst macht sie sich weiter für Ausbildung stark.

 

„Wir gehen angesichts der besonderen Umstände davon aus, dass die Betriebe in bestimmten Branchen erst mit mehreren Monaten Verzögerung wieder ihr Ausbildungsengagement starten“, sagt Hindenberg. Deshalb setzt sich die IHK unter anderem dafür ein, dass zum Beispiel in der Hotellerie und Gastronomie, oder in der Tourismus- und Veranstaltungsbranche ein Ausbildungsstart auch zum 1. Februar 2021 möglich wird.

 

Hilfsprogramm, um bedrohte Ausbildungsplätze zu sichern

 

Ende Juni brachte die Bundesregierung ein 500 Millionen Euro schweres Hilfsprogramm für kleine und mittelgroße Ausbildungsbetriebe auf den Weg, um durch die Corona-Pandemie bedrohte Ausbildungsplätze zu sichern (s. Infokasten unten).
Gefördert werden Betriebe mit bis zu 249 Beschäftigten, die eine Berufsausbildung in anerkannten Ausbildungsberufen oder in den bundes- und landesrechtlich geregelten praxisintegrierten Ausbildungen im Gesundheits- und Sozialwesen durchführen. Die IHK unterstützt Ratsuchende Betriebe bei der Beantragung!

 

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn

 

Prämien für Ausbildung in der Coronakrise

Die Bundesregierung hat Ende Juni eine Ausbildungsprämie für kleine und mittlere Unternehmen auf den Weg gebracht. Danach erhalten Unternehmen mit bis zu 249 Beschäftigten, die von der Coronakrise erheblich betroffen sind, aber ihr Ausbildungsplatzangebot im Vergleich zu den drei Vorjahren dennoch halten, für jeden für 2020 abgeschlossenen Ausbildungsvertrag einen einmaligen Zuschuss von 2.000 Euro. Unternehmen, die sogar mehr Ausbildungsverträge abschließen, erhalten für jeden zusätzlichen Ausbildungsvertrag 3.000 Euro.

Diese Summe können auch Unternehmen erhalten, die Auszubildende aus Betrieben übernehmen, die in der Pandemie Insolvenz anmelden müssen. Firmen, bei denen aktuell deutlich weniger Arbeit anfällt und die ihr Ausbildungspersonal und ihre Auszubildenden dennoch nicht in Kurzarbeit schicken, werden ebenfalls unterstützt. Zudem sollen Unternehmen, die die Ausbildung im Betrieb nicht fortsetzen können, die Möglichkeit einer vorübergehenden geförderten betrieblichen Verbund- oder Auftragsausbildung erhalten.

Das Team Ausbildungsberatung der IHK berät die Betriebe auch zum Thema Ausbildungsprämie. Beratungshotline der IHK: 0228 228-4444, Weitere Informationen: www.ihk-bonn.de | Webcode @3346