Kurzarbeitergeld (KuG) - Ein Unterstützungsbaustein für Unternehmen in der Corona Krise

Interview mit Bernd Lohmüller, Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg

25.05.2020

Bernd Lohmüller, Geschäftsführer Operativ der Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg, BonnVor der Corona-Krise gab es im Unternehmen alle Hände voll zu tun – jetzt fehlen Aufträge, Lieferungen oder schlichtweg Kunden. Die Folge: Den Beschäftigten mangelt es an Arbeit. Sollen die Personalkosten den Betrieb nicht ruinieren, wäre dies eigentlich ein Grund für Kündigungen. Glücklicherweise hat der Gesetzgeber im Zuge der Corona-Krise das Instrument der Kurzarbeit erweitert. Damit bleiben den Unternehmen wertvolle Arbeitskräfte auch bei geringen oder keinen Aufträgen weiter erhalten, ohne dass sie durch die Personalkosten in die roten Zahlen rutschen müssen.

Beantragt wird das Kurzarbeitergeld (KuG) bei den Arbeitsagenturen. Viele Unternehmen im Kammerbezirk hatten bis zum Ausbruch von Corona noch nie einen entsprechenden Antrag stellen müssen – und dementsprechend viele Fragen. Der Anstieg der Nachfragen konnte von der Agentur für Arbeit allein kaum bewältigt werden.

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IHK wurden daher geschult, um erste Fragen zu beantworten und Unsicherheiten auszuräumen. In Spitzenzeiten saßen 50 Personen an den Telefonen der dafür eingerichteten Hotline. „Unser Ziel war es, den überwiegenden Teil der Basisfragen bereits im Vorfeld zu beantworten“, so die IHK-Gesamtbereichsleiterin Unternehmensförderung Regina Rosenstock, Initiatorin und Koordinatorin der IHK-Service-Hotline.

Ein weiterer Vorteil: Die Gespräche in der Hotline machten deutlich, wo genau die Unternehmer der sprichwörtliche Schuh drückte. Beispielsweise, dass die maximale Laufzeit von zwölf Monaten für einen Betrieb, der bereits in 2019 KuG beantragt hatte, ein Problem darstellte. Hier konnte dann gemeinsam mit dem DIHK eine Verlängerung erreicht werden. Weitere Infos unter www.ihk-bonn.de | Webcode 3518.

DIE WIRTSCHAFT: Seit mehreren Wochen sind Sie und Ihr Team zum Thema Kurzarbeitergeld (KuG) als Unterstützungsbaustein für Unternehmen in der Corona Krise gefordert. Wie haben Sie darauf reagiert, welche Maßnahmen mussten Sie ergreifen, um diesen Ansturm an Fragen und Anträgen zu beherrschen?

Bernd Lohmüller, Geschäftsführer Operativ der Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg, Bonn: Tatsächlich war in den ersten beiden Wochen der Krise der Informationsbedarf rund um das Thema Kurzarbeit sehr hoch. Viele Unternehmen wollen glücklicherweise ihr Personal weiter beschäftigen und hatten Fragen zum Anzeigeverfahren.

Wir haben darauf gemeinsam mit der IHK Bonn/Rhein-Sieg und weiteren Partnern unmittelbar reagiert und Servicehotlines für Arbeitgeber und Unternehmen eingerichtet und unser Personal des Arbeitgeberservice kurzfristig zum Thema qualifiziert und eingesetzt.

Gleichzeitig war aber auch die Sorge bei den Arbeitnehmern sehr groß und auch dort herrschte ein großer Bedarf an zusätzlichen Informationen. Auch hier haben wir kurzfristig Sammelrufnummern eingerichtet, um für alle Kunden/-innen erreichbar zu sein.

Inzwischen haben wir im großen Umfang unser Personal in die leistungsgewährende Sachbearbeitung verschoben, um den Menschen, den Firmen und Unternehmen in dieser schwierigen Phase ihre Leistungen so rasch wie möglich auszuzahlen. Wenn die Antragsunterlagen vollständig und elektronisch eingereicht werden, gelingt uns die Auszahlung schneller, so unsere Erfahrungen.

Die Antragsunterlagen können über unseren eService (https://www.arbeitsagentur.de/eservices) oder nun auch über eine neue KuG-APP der Bundesagentur übermittelt werden. Daneben beantworten unsere Mitarbeitenden jetzt verstärkt die Fragen der Unternehmen zum Sachstand der KuG-Auszahlungen und auch zum Thema Kurzarbeit für Auszubildende.

Kurz: wir haben unser operatives Geschäft völlig neu ausgerichtet und priorisiert, sind aber weiterhin auch für unsere Kundinnen und Kunden da, die sich zur Ausbildung beraten lassen wollen oder Fragen rund um ihre Arbeitsvermittlung und Weiterbildung haben.

Um die Entwicklung besser einschätzen zu können, haben Sie vielleicht auch ein paar Zahlen für uns? Wie hat sich die Anzahl der Mitarbeiter und Anträge im Vergleich von Januar/Februar zu heute entwickelt?

Im März und April zeigten insgesamt 7.564 Unternehmen der Region Bonn/Rhein Sieg Kurzarbeit an. Im gleichen Vorjahrzweitraum waren dies nur 14 Betriebe. In den Anzeigen wurden der Arbeitsagentur für März und April 76.298 Personen genannt.

Betroffen waren Beschäftigte aus allen Branchen, insbesondere aus dem Gastgewerbe, dem Handel und – besonders in Bonn – aus den Dienstleistungsbereichen wie zum Beispiel Arbeitnehmerüberlassung, Reisebüros, Wach- und Sicherheitsdienste, Garten- und Landschaftsbau und Call Center.

Auskunft, ob die Anzeige tatsächlich realisiert wurde, geben Unternehmen aber erst mit der Abrechnung in einem der drei folgenden Monate - dann liegen abschließende Zahlen vor. Unsere Leistungsabteilung arbeitet derzeit mit und rund 275 Mitarbeitenden im Bereich KuG. Dies entspricht einer Verzehnfachung im Vergleich zum Februar. Allein aus der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg unterstützen knapp 60 bisherige Beratungs- und Vermittlungsfachkräfte bei der Antragsbearbeitung.

Schon relativ früh wurden weitere Akteure aus der Region, wie zum Beispiel Kreishandwerkerschaft und IHK Bonn/Rhein-Sieg zur Unterstützung herangezogen. Wie ist es dazu gekommen und welche Aufgaben konnten übernommen werden, die Ihre Mitarbeiter entlastet haben?

Die Zusammenarbeit mit der IHK Bonn/Rhein-Sieg und der Kreishandwerkerschaft ist großartig und einer der wenigen Lichtblicke in dieser Krisenzeit. Für die kollegiale Unterstützung möchte ich mich an dieser Stelle ganz ausdrücklich bedanken. Sehr schnell, zu Beginn der Krise, haben beide Organisationen der Arbeitsagentur ihre Mithilfe angeboten.

Kurzfristig kam es zu gemeinsamen Telefonkonferenzen, aus denen gemeinsame Presseinformationen, Publikationen auf den jeweiligen Homepages und eine gemeinsame Strategie entstanden sind. Gemeinsam wurden so wichtige Informationen an die Arbeitgeber und Unternehmen in unserer Region weitergegeben.

Dies hat dazu beigetragen, dass bis jetzt so viele Arbeitsplätze erhalten bleiben konnten. Ohne diese tolle Unterstützung, die ja übrigens immer noch laufend fortgesetzt wird, hätten wir als Agentur für Arbeit diesen Ansturm der ersten Wochen sicher nicht bewältigen können.

Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Unternehmen und die Zusammenarbeit in puncto KuG?

Zunächst einmal freuen wir uns sehr über jede Anzeige und jeden Antrag auf KuG, auch wenn es uns natürlich viel lieber gewesen wäre, wir wären nicht in diese Krise hineingeraten. Doch jede KuG Anzeige und jeder KuG Antrag sichert zunächst einmal einen Arbeitsplatz und gibt den Unternehmen Handlungsspielräume, sobald die Situation sich wieder verbessert.

Wir freuen uns über die Anerkennung und jedes Lob von Seiten der Unternehmen und es ist uns extrem wichtig auch und gerade jetzt ein verlässlicher Partner am Arbeitsmarkt zu sein. Unsere Mitarbeitenden sind hochmotiviert und –engagiert, ob in der Agentur oder im Homeoffice. Wir haben unsere Arbeitszeiten erweitert (auch ins Wochenende)  und unser digitales Angebot ausgebaut.

Wir dürfen aber auch nicht die Augen davor verschließen, dass wir erst am Anfang dieser Krisenzeit stehen und noch viele Aufgaben zu meistern haben. Jetzt geht es darum, dass die Unternehmen die beantragten Leistungen erhalten und wir ihnen so vorübergehend eine Sorge nehmen können. Für viele ArbeitgeberInnen sind die Nöte groß, viele werden Existenzängste haben.

Wir wollen als Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg, gemeinsam mit der IHK Bonn/Rhein-Sieg und weiteren Organisationen eng an der Seite der Unternehmen stehen. Gemeinsam handeln und gemeinsam den besten Weg aus dieser herausfordernden Zeit finden, darauf kommt es jetzt an.