Bonner Startups verbessern die Welt

Die Sieger des 7. Ideenmarktes „Best of Startups“

12.02.2020

Ideenmarkt Bonn/Rhein-Sieg [(© stockphoto-graf (fotolia.com)]Die Handwerkerpritsche wird zum Camper, der Designer aus den Niederlanden zum Kunst-händler in Bonn, aus einem Schulprojekt geht eine neue Brennstoffzelle hervor: Beim 7. Ideenmarkt der IHK Bonn/Rhein-Sieg konnten junge Unternehmen zeigen, dass sie mitdenken, neu denken, weiter denken. Unter dem Motto „innovativ – kreativ – exzellent“ präsentierten 24 Startups der Region ihre Konzepte. Der Ideenmarkt ist eine Gelegenheit zum Austausch, zum Netzwerken – und zum Wettbewerb. Denn passend zum Ideen-Ping-Pong stimmen die Besucher mit Tischtennisbällen über ihre Favoriten ab. Das Ergebnis zeigt:

RougesHand – das Secondhand-Zalando

Im Sommer 2019 sind auf den Straßen Bonns viele Transparente zu sehen. „Fridays for Future“, Critical Mass, Kleidertausch am Hauptbahnhof: Menschen jeden Alters demonstrieren, kritisieren, hinterfragen, was in der Welt passiert. Es geht um Klimaschutz und Menschenrechte. Neben politischen Entscheidungen stehen besonders große Modemarken in der Kritik für ökologisch bedenkliche Produktionswege und schlechte Arbeitsbedingungen.

Róza JaroszewskaRóza Jaroszewska (s. Bild) geht nicht mit dem Megafon auf die Straße. Aber auch sie denkt in diesen Tagen viel nach, über Produktion und Preise, über Klima und Konsum. Und ihr kommt eine Idee, die Idee, mit der sie einige Wochen später zu den Gewinnerinnen des Ideenmarkts gehören wird: Sie will eine App entwickeln, die Secondhandläden und kleinen, lokalen Boutiquen eine Plattform gibt. Sie möchte sie sichtbar machen und vor allem jungen Menschen zeigen, welche Alternativen Bonn zu den großen Ketten zu bieten hat.

Die Idee ist das Ergebnis einer Entwicklung, die lange vor diesem Sommer und weit weg von Bonn beginnt. Róza Jaroszewska interessiert sich immer schon für Mode, eine Zeit lang arbeitet sie in London für Zara und Mango. Dabei stellt sie fest, dass sie bei den bekannten Marken nicht immer findet, was sie sucht: einen ausgefallenen Stil, Kleidung, die nicht jeder hat. So entdeckt sie Secondhandläden für sich.

Zurück in Bonn ist sie überrascht, wie viele Läden gebrauchte Kleidung verkaufen. Das Angebot der Secondhandshops ist breit, von schön bis schräg ist alles dabei. Mode aus zweiter Hand zu kaufen ist günstiger und umweltfreundlicher als fabrikneue Teile zu tragen und sollte damit genau den Nerv der Generation von „Fridays for Future“ treffen.

Trotzdem stellt Jaroszewska fest, dass hauptsächlich Seniorinnen hier einkaufen. In Gesprächen mit Inhabenden der Läden zeigt sich, dass kaum jemand aktiv auf eine jüngere Zielgruppe zugeht, kaum ein Shop ist im Internet oder in sozialen Medien aktiv. Es scheint starke Berührungsängste zu geben, in Gesprächen hört sie immer wieder, es sei weder genug Zeit noch Kompetenz vorhanden, um sich darum zu kümmern.

Jaroszewska selbst betreut als Projektreferentin den Social-Media-Auftritt der DIHK-Bildungs-GmbH. Sie hat genau die Kompetenz, die in den Läden fehlt. So formt sich ihre Idee, die Secondhandshops und Boutiquen von Bonn in einer App zu bündeln. Inspiriert ist sie von Webseiten wie Zalando, die vielen Marken gleich-zeitig eine Plattform geben.

Jeder Laden soll ein Profil bekommen mit einer Beschreibung, die App soll eine Plattform sein um Neuigkeiten zu verbreiten, Highlights aus dem Sortiment zu zeigen und besondere Aktionen zu bewerben. Besonders wichtig ist Jaroszewska die Verbindung der App mit einem Instagram-Account, um Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen.

Der Name „RougesHand“ leitet sich von ihrem polnischen Vornamen ab. Róza Jaroszewska lebt seit 13 Jahren in Deutschland. Ihr sei schnell aufgefallen, dass viele Menschen Probleme mit der Aussprache ihres Namens hätten: „Ich erkläre ihn immer so: Das französische ‚rouge’ plus ‚a’.“ RougesHand steht also nicht nur für Secondhand, sondern auch für die Hand, die sie allen kleinen, unabhängigen Modeläden in Bonn reicht. Ein erster Entwurf der App ist fertig, erste Gespräche mit Ladenbesitzenden sind geführt. Ab 2020 soll aus der Idee ein Unternehmen wachsen.

Adiubyte: Der Mensch, die Maschine und der Pflegenotstand

Pflegedienstleitende sind selten Mathematiker. Trotzdem lösen sie jeden Tag eines der komplexesten Probleme der Kombinatorik: Sie planen Touren für ein Team von Pflegenden zu einer Menge von Gepflegten. Dabei müssen sie nicht nur Bahnschranken, Rheinbrücken und die Rush Hour beachten, sondern eine ganze Reihe von Faktoren. Patientinnen haben Lieblingspfleger, das Personal hat unterschiedliche Qualifikationen, eine Pflegerin hat Angst vor Hunden.

Vanessa Wolf, Eric Schricker, Philipp Rinner, Dr. Dustin Feld - die Gruender von adiubyte „Selbst bei einfachen Dienstplänen gibt es mehr mögliche Kombinationen als Elementarteilchen im Universum vermutet werden“, sagt der Mathematiker und Informatiker Dustin Feld (s. Bild, rechts). Und in Zeiten von Pflegenotstand und Fachkräftemangel haben die meisten Pflegedienstleitenden dringendere Aufgaben, als Elementarteilchen zu zählen.

Dieses Problem wollen Feld und sein Mitgründer Philipp Rinner mit ihrem Startup „adiutaByte“ lösen. Seit drei Jahren bieten sie eine Software an, die die Tourenplanung für Flotten optimiert. Der Mensch gibt die Variablen ein, Qualifikationen, Lieblingspflegende, Hundephobien, die Maschine rechnet. Das ganze funktioniert webbasiert, Nutzende müssen also weder ein Programm installieren noch Geräte anschaffen, sondern erhalten einen Online-Zugang zu der Software.

Die Daten werden an den adiutaByte-Server übertragen und verarbeitet. Das passiert verschlüsselt, bei dem Team von Feld und Rinner kommen nur Zahlen und mathematische Modelle an, keine Namen, Adresse, Diagnosen. Am Ende präsentieren die Algorithmen verschiedene Lösungen und ihre Vorteile: Die effizienteste Route, die fairste Auslastung, die stärkste Berücksichtigung von Vorlieben.

adiutaByte soll ausdrücklich keine bestehende Pflegesoftware ersetzen: „Wir wollen Kooperation, keinen Krieg“. Statt mit spitzen Ellbogen auf den Markt zu drängen, richten die Gründer lieber Schnittstellen zu bestehenden Management-Programmen für Pflegedienste ein. Auf diese Weise muss bei dem Dienst nicht die gesamte Verwaltung umgestellt werden, die Tourenplanung ist ein zusätzliches Tool, ein Werkzeug – und zwar eines mit doppelter Funktion.

Denn der Algorithmus gibt Pflegedienstleitenden mehr Macht über ihr Geschäftsmodell. Einerseits können sie effizientere Routen planen, also mehr Patientinnen und Patienten aufnehmen und den Umsatz erhöhen. Für Pflegende und Pflegebedürftige dagegen ist die Alternative oft attraktiver: Bei gleicher Patientenzahl bedeutet weniger Zeit im Stau mehr Zeit pro Besuch. Dustin Feld sieht hier ein starkes Argument nicht nur für die Kundschaft, sondern auch im schärfer werdenden Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte – ein Problem, mit dem viele Pflegedienste kämpfen.

Der soziale Aspekt motiviert die Gründer, ihre Nische haben sie allerdings auch aus wirtschaftlicher Überlegung gewählt. „Die Pflegebranche wurde lange vernachlässigt. Deshalb sprechen wir hier schon mit den Marktführern – in anderen Bereichen würde das viel länger dauern“, erklärt Dustin Feld.

Mittlerweile erweitert adiutaByte sein Geschäftsmodell, Geldtransporte und Sperrmüllabholung sind dazugekommen. Für 2020 ist ein Projekt in Kooperation mit Siemens geplant. Egal, wo: „Planung war nie eine Aufgabe für Men-schen“, sagt Feld. Er sieht die größte Leistung von adiutaByte darin, Prozesse so zu planen, dass der Mensch mit seinen Interessen und Fähigkeiten im Mittelpunkt steht: „Die Maschine hat den Algorithmus, vom Menschen kommt die Empathie.“

Radeln ohne Alter: Für das Recht auf Wind im Haar

„Wer in einer Rikscha sitzt, winkt automatisch wie die Queen von England“, sagt Natalie Chirchietti. Gemeinsam mit Caroline Kuhl verhilft sie seit drei Jahren Seniorinnen und Senioren zu ihrem „Recht auf Wind im Haar“ – so lautet das Motto ihres Vereins „Radeln ohne Alter“. Dessen Mitglieder bieten ehrenamtlich Rikscha-Ausfahrten für Menschen in Alters- und Pflegeheimen an.

Die Idee kommt ursprünglich – nicht ganz überraschend – aus der Fahrradmetropole Kopenhagen. 2013 ruft der Däne Ole Kassow „Cycling uden alder“ ins Leben. 2017 lernt Natalie Chirchietti das Konzept in Berlin kennen, bringt es nach Bonn, veranstaltet einen Infoabend in ihrer WG-Küche und gründet einen Monat später den Verein.

Wer fit genug ist, ein Fahrrad zu fahren, kann seitdem Pilot oder Pilotin der Rikscha werden. Für die Pflegeeinrichtungen ist der Service kostenlos. Die Finanzierung sichern Spenden und Beiträge von Fördermitgliedern. Das bedeutet: Eine Rikschafahrt kann nicht als Transportmittel bestellt werden. Fahrten werden in Absprache zwischen den Einrichtungen und den Frei-willigen organisiert.

Die Ziele sind vielfältig, die Ausflüge führen zu Museen, auf den Weihnachtsmarkt, in den botanischen Garten oder in die ehemaligen Wohngebiete der Mitfahrenden. Dabei geht es nicht nur um Frischluft und Tapetenwechsel: „Mit der Rikscha wird man wahrgenommen. Die Senioren fühlen sich wieder als Teil der Gesellschaft“, erklärt Chirchietti.

Radeln ohne Alter spricht die Trendthemen des demografischen Wandels an: Mobilität und Einsamkeit im Alter. Das Konzept zieht, auch in Deutschland. In den drei Jahren seit der Gründung ist die Bonner Initiative zum größten Radeln ohne Alter-Verein Deutschlands gewachsen, mit zehn Rikschas und 160 Mitgliedern. 60 davon fahren die Rikschas, der Rest sind Fördermitglieder. Die Freiwilligen sind 19 bis 71 Jahre alt, viele Seniorinnen und Senioren haben selbst Freude daran, in die Pedale zu treten und Ausflüge zu begleiten.

Der Erfolg von Radeln ohne Alter zieht Kreise. Die Idee verbreitet sich in ganz Deutschland, vor allem seitdem der Bonner Verein zwei große Touren mit einer Gruppe von Rikschapilotinnen und -piloten organisiert hat, die vom Bodensee nach Bonn und von Bonn nach Berlin gefahren sind, um unterwegs in Senioreneinrichtungen Ausflüge anzubieten. Aus deutschen Städten von München bis Kiel kommen Anfragen von Interessierten, die an ihrem Standort einen Verein gründen wollen.

Natalie Chirchietti und Caroline KuhlBisher ist Radeln ohne Alter nicht zentral organisiert, für Neugründungen gibt es außer einer Website-Vorlage kaum Unterstützung. Natalie Chirchietti und Caroline Kuhl (s. Bild) wollen das jetzt ändern und haben sich aus ihrem Bonner Verein zurückgezogen, um einen Dachverband zu gründen.

Seit dem 1. Januar 2020 ist Radeln ohne Alter kein Ehrenamt mehr für sie. Ihr Projekt ist aus der WG-Kuche herausgewachsen und in Büroräume am Hofgarten umgezogen, sie selbst sind als Geschäftsführerinnen angestellt.

Die Rikscha fahren sie trotzdem noch  

Nach unserem Treffen nehmen Chirchietti und Kuhl mich in der Rikscha mit zum Bahnhof. So muss sich die Business Class des Fahrradfahrens anfühlen. Ich habe den Impuls, zu winken wie die Queen.

Viktoria Thiele, freie Journalistin, Bonn