Die Rolle der Frau im Berufsleben

"Wir brauchen eine Kombination von Berufstätigkeit und Mutterschaft."

11.03.2011

Prof. Dr. Una M. Röhr-Sendlmeier ist Leiterin der Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Zu ihren wissenschaftlichen Schwerpunkten zählen das Lernen im Beruf, die Auswirkungen der mütterlichen Berufstätigkeit und die Weiterbildung im mittleren und höheren Erwachsenenalter. Ursula Katthöfer sprach mit ihr über die Rolle der Frau im Berufsleben.

Wo sehen Sie die Gründe für die geringe Anzahl von Frauen in Führungspositionen deutscher Unternehmen?
In Deutschland dominiert noch immer das eher traditionelle Zuverdiener-Modell. Der Haupternährer wird steuerlich begünstigt und die Kinderbetreuung ist noch zu gering ausgebaut. Hinzu kommt, dass Führungspositionen längere Arbeitszeiten, hohe Anforderungen an die Flexibilität und Arbeit am Wochenende mit sich bringen. Man muss die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hier miteinbeziehen.

Fehlt den Frauen der Wille zur Macht?
Unsere Forschung zeigt, dass junge, gut ausgebildete deutsche Frauen sagen: „Ich könnte mir auch vorstellen, Hausfrau und Mutter zu sein.“ Akademisch gebildete Frauen mit einem anderen kulturellen Hintergrund, etwa aus der Türkei, wollen nach dem Studium in aller Regel in den Beruf. Deutsche Frauen fühlen sich freier, auch unabhängig von ihrer Qualifikation unterschiedliche Lebensentwürfe zu wählen. Sie entscheiden individuell, ob Macht und Ansehen ihnen wichtiger sind oder beispielsweise mehr Zeit für Freunde und Familie. Studien zeigen außerdem, dass Frauen häufig weniger Spaß an Wettbewerbssituationen haben als Männer.

Netzwerken Frauen anders?
Sie netzwerken oft ganz ähnlich wie die Männer. Aber Frauen in Führungspositionen fehlen oft gleichrangige Frauen, um sich zu vernetzen. Sie sind Einzelkämpferinnen und finden über ihre fachliche und kommunikative Kompetenz Wege, ihre Führungsposition zu stabilisieren. Es gibt aber auch eine  Konkurrenz unter Frauen. Gerade kinderlose Frauen in Führungspositionen machen es jüngeren Frauen oft ganz besonders schwer, Beruf und Familie zu vereinbaren.

Fehlen in unserem Alltagsleben immer noch die weiblichen Vorbilder?
Diese Frage zielt meist darauf ab, ob es genügend Frauen in Führungspositionen gibt. Die bessere Frage wäre aber, ob es genug Frauen gibt, die Familie und Beruf gut miteinander vereinbaren können.  Bei einer Untersuchung dazu haben wir herausgefunden, dass berufstätige, gut ausgebildete Mütter ein gutes Vorbild für ihre Töchter und Söhne sind. Die Kinder sind häufiger in Begabtenklassen, sind teamfähig und leistungsmotiviert. Sie zeigen später eine höhere Berufswahlreife als andere. Berufliche Vorbilder durch eine Quote zu erzwingen, führt in die Sackgasse, weil so die ohnehin hohe Kinderlosigkeit unter hoch qualifizierten Frauen noch stärker würde.

Sie forschen unter anderem zu Rolleneinstellungen im Elternhaus. Wie wirkt sich die Berufstätigkeit der Mütter auf die spätere Rollenentwicklung der Kinder aus?
Studien belegen, dass Kinder berufstätiger Mütter weniger geschlechtsspezifische Stereotype zeigen. Das sieht man zum Beispiel an den Schulnoten. Die Jungen sind in den Sprachen durchschnittlich besser als Mitschüler aus Familien, in denen der Vater der einzige Ernährer ist. Bei den Mädchen verbessert sich die Leistung in Mathematik. Denn wenn die Mutter berufstätig ist, erleben die Kinder Väter, die auch mit ihnen zum Arzt gehen oder die Hausarbeit machen. Je mehr Egalität in der Familie, desto geringer die Stereotype.

Außerdem können wir belegen, dass berufstätige Mütter im Schnitt zufriedener sind als andere. Die Herausforderung und das Bewusstsein, die doppelten Aufgaben zu meistern, führt auch zur Zufriedenheit.

Sind die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Karriere und Familie noch zu schlecht?
Hier haben wir ein ganz großes Manko. Kinderbetreuung ist heutzutage immer noch sehr teuer. Für Eltern, die erst am Beginn ihres Berufslebens stehen, sind die Kosten ein großer Posten. Dabei wissen wir inzwischen, dass qualitativ gute Kinderbetreuung eine Mutter wunderbar ersetzen kann. Voraussetzung ist, dass die Eltern ihre Freizeit mit der Familie und mit Zuwendung für die Kinder verbringen. Wenn das stattfindet, sind Schuldgefühle nicht nötig.

An den deutschen Universitäten sind inzwischen 18 Prozent der Professoren Frauen. Das sind fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen im Rückblick auf Ihre Karriere?
Als ich 1990 als Professorin berufen wurde, war ich eine Exotin, die erste Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft überhaupt. Ich war 35, hatte bis dahin unglaublich viel gearbeitet und war zufrieden mit meinem Leben. Doch richtig glücklich war ich erst, als dann meine drei Söhne kamen.