„Die Welt zu einem besseren Ort machen“

Interview mit Stephan Grabmeier, Autor und Kreativberater

10.03.2020

Soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit sind für Stephan Grabmeier mehr als Schlagworte. Auf vielen seiner Karrierestationen befasste und befasst er sich mit diesen Themen. Grabmeier zählt zu den führenden Vordenkern für Innovation, New Work und Transformation zur Nachhaltigkeit. Bis Mitte vergangenen Jahres war der Bonner Chief Innovation Officer von Kienbaum Consultants International in Köln. Seit August 2019 arbeitet er als Partner von Hans Reitz, seiner Agentur circ und Prof. Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger 2006, im Grameen Creative Lab. Zudem engagiert er sich als „Business Angel“ für Start-ups.  2018 gründete er die Stiftung und Bildungsinitiative „Next Entrepreneurs“. Im Oktober erschien sein neues Buch „Future Business Kompass – der Kopföffner für besseres Wirtschaften“.

„Die Wirtschaft“: Herr Grabmeier, weshalb machen Sie sich für „Social Entrepreneurship“ stark?

Stephan Grabmeier: Das liegt in meiner Natur. Ich habe mich schon immer für eine gerechte und inklusive Welt eingesetzt. In meiner Schulzeit stand Umweltschutz im Vordergrund, und ich bin groß geworden in der Zeit von „Atomkraft? Nein danke“, was die heutige „Friday for Future“-Bewegung ist, das waren auch meine ersten Demonstrationen. Ich bin in Bayern groß geworden und da gab es viele Themen, gegen die es sich zu demonstrieren lohnte, etwa die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf oder den Rhein-Main-Donau-Kanal, so wie es heute den Hambacher Forst gibt. Mein Streben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, hat bis heute nicht nachgelassen, im Gegenteil.

 

Und im Berufsleben?

Zum ersten Mal mit dem Thema Social Business bin ich 2008, 2009 in Berührung gekommen. Das war zu Zeiten, als ich bei der Deutschen Telekom für Change Management und Future Work verantwortlich war und mein damaliger CEO René Obermann vom Davoser Weltwirtschaftsforum zurückkam. Dort hatte er Professor Muhammad Yunus kennengelernt und meinte, dass er die Idee vom Social Business verstanden habe und nun eine Initiative bei der Telekom starten wolle, wie man Social und Business in Einklang bringen und Geschäftsmodelle neu denken könne.

 

Im Anschluss haben Sie sich verstärkt mit dem Thema befasst. Was ist der Unterschied zu normalen Geschäftsmodellen?

Es gibt laut Professor Yunus sieben Prinzipien des Social Business. Der wesentliche Unterschied ist, dass das Geld, das verdient wird, nicht der Gewinnmaximierung und der Ausschüttung an Shareholder dient, sondern immer wieder in den Investitionskreislauf direkt ins Unternehmen zurückfließt. Und es bedeutet auch, Probleme in der Welt mit Unternehmergeist zu lösen. Wenn man allerdings in die heutige westliche Start-up-Szene schaut, dann sieht man, dass 50 bis 60 Prozent der Produkte oder Services, die dort entwickelt werden, kein Mensch braucht. Es ist teilweise ein Potenzieren unserer Wohlstandsgesellschaft, in der wir noch fauler werden und den exorbitanten Wohlstand, den wir schon haben, ausweiten. Aber grundlegende Probleme lösen wir viel zu wenig. Wenn wir wollen, dass wir unseren Planeten enkeltauglich an die nächste Generation übergeben wollen, dann müssen wir Unternehmertum und unsere Haltung für Wirtschaften neu denken.

 

Es gibt immer mehr Unternehmen, die sich sozial engagieren. Gibt es eine Änderung in der Arbeitswelt?

Ich hoffe es. In meinem aktuellen Buch „Future Business Kompass“ habe ich genau die Indikatoren dazu gesucht und gefunden. Wir werden noch viele Geschäftsmodelle erleben, die viel mehr auf Kooperation sowie soziale und ökologische Problemlösungen setzen. Allerdings sehe ich auch, dass wir die Gemeinwohlorientierung verlernt haben. Dazu wurden wir durch die ökonomischen Wirtschaftsmodelle in den letzten 250 Jahren geprägt. Die Prinzipien unserer Betriebswirtschaft fußen auf Egoismus und auf Wettbewerb. Das ist allerdings immer eine Win-Lose-Situation. Kooperation erzeugt Win-Win. Und unsere Probleme auf der Welt lösen wir nicht in Konkurrenz, sondern nur in Gemeinschaft, in Kooperation. Wir hatten in der Vergangenheit schon immer wertebasiertes Unternehmertum – Bosch, Siemens, Krupp oder Miele, die auch für das Gemeinwohl gesorgt haben. Leider sind viele von ihrem wertebasierten Weg abgekommen. Den Mittelstand allerdings prägt das wesentlich deutlicher als Vertreter aus dem DAX. Wir müssen vielerorts wieder zu unseren unternehmerischen Tugenden zurück.

 

Was raten Sie Gründern?

Wenn man heute gründet, sollte man daran denken, welche Probleme wir in der Welt haben. Wie kann man sie lösen, ein guter Unternehmer werden und einen Beitrag für das Gemeinwohl leisten? Nur so können wir die Welt enkelfähig halten. Verantwortungsvolle Gründer gibt es immer mehr, das stimmt mich hoffnungsvoll.