Hoch hinaus: Veranstaltungsturm „Aire“

IHK-Vollversammlung will Projekt unterstützen

07.04.2020

AIRE - Entwurfsskizze des Veranstaltungsturmes

Wenn es nach dem Unternehmer Horst Burbulla geht, erhält Bonn in ein paar Jahren einen über 200 Meter hohen Veranstaltungsturm: „Aire“. Die IHK-Vollversammlung begrüßt das Projekt und sagte dem Unternehmer Unterstützung zu. Aus einigen Stadtratsfraktionen sind hingegen kritische Stimmen zu hören. Um die Bevölkerung für das Projekt zu gewinnen, startete der Unternehmer im Herbst ein Bürgerbegehren. „Die Wirtschaft“ stellt das Projekt vor.

Das Bonner Stadtbild könnte sich in einigen Jahren erheblich ändern. Wenn es Horst Burbulla schafft, seine Pläne zu verwirklichen, entsteht am nördlichen Rand der Rheinaue ein ungewöhnlicher Turm: 220 Meter hoch, transparent, mit einem 1.100 Personen fassenden Konzert- und Veranstaltungssaal auf 162 Metern Höhe, Bar, Lobby und Restaurant drumherum sowie Aussichtsplattform direkt darunter.

AIRE - Entwurfsskizze des VeranstaltungsturmesZwischen der Eingangsebene am Boden und der Aussichtsplattform: nichts. Oder richtiger: eine tragende Säule in der Mitte sowie ein Glaskleid außen. Keine Büroflächen, keine Wohnetagen. Lediglich zwei gläserne Außengondeln, die im freien Raum zwischen Säule und Glaswand jeweils 30 Besucher aus dem Erdgeschoss auf eine Ebene befördern, die bereits höher liegt als die Spitzen des Kölner Domes. In der Säule ist ein weiterer Innenaufzug geplant, außerdem vier Treppenhäuser mit je 950 Stufen.

AIRE - Entwurfsskizze des VeranstaltungsturmesAusgedacht hat sich diesen Turm der Bonner Unternehmer selbst. Dabei beschäftigte ihn unter anderem die Frage, wie er seine Kinder für Kultur begeistern könne. Auch das letztlich gescheiterte Beethoven-Festspielhaus spielte eine Rolle. „Ich dachte mir, es würde wahrscheinlich schwierig sein, meine Kinder, die zu dem Zeitpunkt zehn Jahre alt waren, in ein solches Gebäude zu bewegen, um sich ein Konzert anzuschauen“, erzählt Burbulla, „das war für mich der Anlass, über eine Alternative nachzudenken, die in dieser Hinsicht vielleicht wirkungsvoller sein könnte.“

AIRE - Entwurfsskizze des KonzertsaalsAus „Tagträumen und Gedankenspielen“, wie es Burbulla nennt, wurden immer konkretere Pläne. Die gewünschte Wirkung verspricht er sich von einem Turm, in dem das Leben vor allem oben spielt. „Als die Idee einmal geboren war, reizte mich die Frage, ob sich das technisch überhaupt verwirklichen lässt“, berichtet der Bonner Unternehmer. In vielen Gesprächen mit Experten und durch Möglichkeitsstudien sei dann die Erkenntnis gereift, dass es gehe.

Zur Finanzierung gründete Burbulla eine eigene Stiftung, die den Bau bezahlen und auch für den späteren Betrieb zuständig sein soll. In einem Showroom in der Innenstadt zeigt Burbulla sein Projekt. Außerdem stellte er es im März in der IHK-Vollversammlung vor.

„Leuchtturmprojekt mit positiven Effekten“

Die in der IHK-Vollversammlung engagierten Unternehmerinnen und Unternehmer begrüßen die private Initiative und private Finanzierung des Projekts „Aire“. Einen entsprechenden Beschluss fassten sie in ihrer jüngsten Sitzung am 10. März mit großer Mehrheit. „‚Aire‘ hätte im Falle einer erfolgreichen Realisierung positive Effekte mit Blick auf die Attraktivität und das Standortmarketing der Region“, sagt dazu IHK-Präsident Stefan Hagen. „Wir sehen in Bilbao oder Hamburg, wie solche Leuchttürme sich positiv auf andere Wirtschaftsbereiche, wie den Tourismus, Hotels und Gastronomie oder den Einzelhandel, auswirken.“

AIRE - Entwurfsskizze RestaurantIn der Sitzung meldete sich Dr. Hellmuth Hansen zu Wort. Der Vorsitzende des IHK-Ausschusses für Immobilienwirtschaft ließ wissen, dass das Projekt im Ausschuss insgesamt positiv gesehen würde. Eine Herausforderung sähen die Mitglieder allerdings in der geplanten Lage in der Rheinaue. 

Auf Anfrage teilte er seine persönliche Einschätzung mit: „Ein solch ungewöhnliches Bauwerk würde bestimmt viele Besucher anlocken, es wäre schon etwas Besonderes.“ Wenn sogar die Aussichtsplattform des rein funktionalen, 246 Meter hohen Turms in Rottweil, in dem Thyssen Aufzüge testet, so viel Publikum anziehe, dann gelte das erst recht für einen Veranstaltungsturm wie „Aire“, ist der Immobilienfachmann überzeugt.

AIRE - Entwurfsskizze EingangsbereichIm IHK-Ausschuss für Kultur und Tourismus hatte Burbulla sein Projekt bereits Ende 2018 vorgestellt. „Mutig, aber unterstützenswert“, habe damals die einhellige Meinung gelautet, erinnert sich Ausschussmitglied und IHK-Vizepräsidentin Ruth Maria van den Elzen. „Wir waren der Meinung, das Projekt solle eine Chance erhalten, in der Öffentlichkeit angemessen beworben und diskutiert zu werden, denn wir sehen darin ein Leuchtturmprojekt, das die erfolgreiche Vermarktung Bonns als Reisedestination beflügeln würde.“

Auch die Bonner Kreisgruppe des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA hat sich hinter die Pläne von Burbulla gestellt. „Der geplante Veranstaltungsturm wäre als reisestiftende Architektur ein immenser Gewinn für Bonn. Landmarken, die touristisch genutzt werden können, sind für eine Region doppelt wertvoll“, erläutert Michael Schlößer, Vorsitzender der DEHOGA-Kreisgruppe Bonn und Mitglied des IHK-Ausschusses für Kultur und Tourismus. Er glaubt, „Aire“ könnte Zielgruppen erreichen, die ansonsten nicht nach Bonn kämen.

„Einbindung der Bürgerschaft erforderlich“

Dr. Hubertus Hille, Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg, fasst die Diskussion in der Vollversammlung so zusammen: „Soll das Projekt erfolgreich sein, brauchen wir die weitere Einbindung der Bürgerschaft in den Prozess, Transparenz über die Finanzierung des Projekts, für das keine öffentlichen Gelder aufgewendet werden sollen.“ Und: „Die IHK steht den Initiatoren um Horst Burbulla gerne zur Seite, um eine möglichst breite Unterstützung von Politik und Verwaltung für dieses Projekt zu erreichen.“

Die ist bisher allerdings überschaubar. Zum Beispiel im Rat der Stadt Bonn. Dort nehmen bisher einige Politikerinnen und Politiker die Chancen des Projektes wahr. Viele monieren hingegen den Flächenverbrauch sowie den massiven Eingriff in das Landschaftsbild Rheinaue, wenn das Projekt verwirklicht werden sollte. Die Kritiker werten das Ganze zudem als Widerspruch zum Rahmenplan Bundesviertel. Zudem bezweifeln sie den Bedarf für einen weiteren Konzertsaal dieser Größe in Bonn.

Bürgerbegehren: So geht es weiter

Horst Burbulla (s. Bild) lässt sich davon nicht abschrecken. „Es ist jetzt wichtig, behutsam vorzugehen, nicht hektisch zu werden, Einwände ernst zu nehmen und gleichzeitig das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren“, hat er sich vorgenommen. Zudem lässt er die Bürgerinnen und Bürger sprechen. „Mir war schnell klar, dass so etwas Prägnantes, das wir als Bonner jeden Tag sehen werden, von den Bürgern gewollt und ganz breit diskutiert werden muss“, sagt der Unternehmer.

Horst BurbullaIm Herbst vergangenen Jahres startete er deshalb mit viel PR-Aufwand ein Bürgerbegehren. Bis 16. März waren laut Burbulla 6.000 Unterschriften zusammengekommen. Erforderlich sind nach Angaben der Stadt 9.944 gültige Unterschriften, eine Frist für die Einreichung bestehe nicht. Burbulla geht davon aus, diese Marke bis Herbst zu erreichen.

„Wenn die Unterschriften bei der Stadt eingereicht werden, stellt der Rat unverzüglich fest, ob das Bürgerbegehren zulässig ist“, erläutert Markus Schmitz vom Presseamt der Stadt das weitere Verfahren. „Danach entscheidet der Rat über den Antrag. Entspricht der Rat dem zulässigen Bürgerbegehren nicht, so ist innerhalb von drei Monaten ein Bürgerentscheid durchzuführen. Entspricht der Rat dem Bürgerbegehren, so unterbleibt der Bürgerentscheid.“

„In jedem Fall ist für das Projekt ein Bebauungsplanverfahren erforderlich, dessen Einleitung – und nur dessen Einleitung – durch das Bürgerbegehren oder den Bürgerentscheid veranlasst würde“, sagt Martin Seelbach, Leiter der Koordinierungsstelle im Dezernat für Planung, Umwelt und Verkehr der Stadt Bonn. „In einem solchen Verfahren spielen in diesem Fall dann – neben vielen anderen – auch Fragen des Denkmalschutzes der Rheinaue und des Stadtbildes eine Rolle“, erklärt Seelbach auf Nachfrage. Seelbach betreut in seiner Funktion auch geschäftsführend den Städtebau- und Gestaltungsbeirat, der die Bundestadt Bonn bei bedeutsamen städtebaulichen Entwicklungen und Stadtbild prägenden Gestaltungsfragen berät und ebenfalls gehört werden würde. 

Darüber, dass der Turm das Stadtbild prägen würde, sind sich Befürworter und Gegner im Übrigen einig – sowohl wegen seiner Höhe als auch wegen der von Burbulla vorgesehenen Gestaltung. Das nächste Etappenziel für den Unternehmer ist es nun, die erforderlichen Unterschriften einzusammeln. Wegen der Coronavirus-Krise hatte er die Aktivitäten im März zurückgefahren und auch den Showroom in der Innenstadt geschlossen.

„Wenn sich die Lage beruhigt und sich die Menschen keine Sorgen mehr machen müssen, werden wir wieder verstärkt für unser Projekt werben“, sagte Burbulla Mitte März.Er ist jedenfalls optimistisch, dass 10.000 Menschen unterschreiben und damit dafür plädieren, den Veranstaltungsturm zu bauen. Sollte es so kommen, hofft der Unternehmer auf eine positive Ratsentscheidung. Auch einen Bürgerentscheid würde er nicht fürchten, sagt er.

Und für danach hat er schon konkrete zeitliche Vorstellungen. „Ich gehe von drei Jahren für das Bebauungsplanverfahren inklusive Einsprüchen und möglicher Gerichtsverfahren aus, zwei Jahren für die konkrete Bauvorbereitung und ein Jahr fürs Bauen“, sagt er.Und: „Bei normalen Schwierigkeiten könnte ‚Aire‘ in sechs bis sieben Jahren eröffnen.“