Interkulturelles Wirtschaftsleben in Bonn/Rhein-Sieg

Vielfalt der Nationen

11.02.2011

Auf der nahegelegenen Autobahn A 59 kämpfen sich an diesem Morgen die LKWs durch Schnee und Eis. Gleichzeitig wartet in der Lütticher Straße in Troisdorf, in der mehrere Speditionen ihre Lager und Büros haben, Giedrius Banevicius auf den Ausbildungsberater der IHK Bonn/Rhein-Sieg.
Banevicius ist geschäftsführender Gesellschafter der EW Logistics GmbH & Co KG, die sich auf den Transport von Gütern aller Art aus Mitteleuropa nach Osteuropa und Vorderasien spezialisiert hat. „Wir transportieren alles“, sagt der Spediteur, „Gefahrgut, Kühltransporte, Schwertransporte. Das können Maschinenteile für den Iran sein oder Computer für Russland.“ Sogar Walnusswurzeln hat die Spedition schon quer durch den Nahen Osten gefahren.

Dabei nutzt EW Logistics keine eigenen LKWs, sondern bucht europaweit Unternehmen, die sich auf eine bestimmte Strecke oder eine bestimmte Ware spezialisiert haben. Ein internationales Geschäft. Und so ist es keine Koketterie, dass die Webseite der Spedition neben Deutsch auch die Sprachen Russisch, Türkisch und Englisch anbietet. Außerdem zeigt die Seite die aktuelle Uhrzeit in Berlin, Moskau und Taschkent, denn die Zeitverschiebung muss im weltweiten Handel miteinbezogen werden.

Das Unternehmen wächst. Giedrius Banevicius, 1999 aus Litauen nach Bonn gekommen, hat trotz Sprachbarriere und mangelnder Erfahrung mit deutschen Regelungen und Vorschriften, Fuß gefasst. „Wer schwimmen kann, kann überall auf der Welt schwimmen“, sagt er und das klingt aus seinem Mund fast wie eine altrussische Weisheit. Inzwischen hat er sieben Angestellte. Um selbst für qualifizierten Nachwuchs zu sorgen, sucht er zum kommenden Sommer einen Auszubildenden, der Türkisch spricht. „Deutsche Firmen haben in den ehemaligen GUS-Staaten und in Vorderasien einen guten Ruf“, sagt er. „Sie gelten als zuverlässig und vertrauenswürdig. Doch um die Mentalität der Geschäftspartner in diesen Ländern richtig einschätzen zu können, muss man deren Sprache sprechen. Deshalb suche ich Mitarbeiter, die sich auf Russisch oder Türkisch verständigen können.“

Arbeitszeugnisse beweisen fachliche Eignung

Inzwischen ist Dionysis Kotzias, Ausbildungsberater der IHK Bonn/Rhein-Sieg für die Logistikbranche, im Besprechungsraum eingetroffen. Herzlich begrüßt er Banevicius. Servet Akca, Ausbilder bei EW Logistics, setzt sich mit ihnen an den runden Tisch, auf dem Kotzias seine Unterlagen ausbreitet. Schnell sind die drei bei der Frage, wie sich ein geeigneter Auszubildender am besten finden lässt. Akca hat bereits im Internet inseriert. Kotzias empfiehlt die Lehrstellenbörse der Kammer. 

Besuche bei Unternehmen, deren Eigentümer aus dem Ausland stammen, sind für Dionysis Kotzias, der selbst griechische Vorfahren hat, keine Seltenheit. Ebenso wenig wie die Beratung zu Auszubildenden mit Migrationshintergrund. „Wir haben im IHK-Bezirk zur Zeit 571 Auszubildende mit Migrationshintergrund, die Herkunftsländer reichen von Albanien bis Vietnam“, erzählt er. „Mit 220 Auszubildenden ist die Gruppe der türkischstämmigen die größte, gefolgt von Italienern und Portugiesen. Ungezählt sind die Jugendlichen, deren Familien aus dem Ausland stammen und die bereits einen deutschen Pass haben.“

Kotzias hat die Erfahrung gemacht, dass bei Unternehmen, deren Ausbilder einen Migrationshintergrund haben, das Informationsbedürfnis zum Thema Ausbildung genauso groß ist wie bei deutschen Unternehmen. „Allerdings haben die deutschen Ausbilder in der Regel eine in Deutschland anerkannte Berufsausbildung. Bei Migranten hingegen gilt es häufiger zu prüfen, ob die fachliche Eignung vorliegt. Diese fachliche Eignung erkennen wir zum Beispiel an, wenn  sie in Deutschland seit mindestens sechs Jahren tätig sind und das durch Arbeitszeugnisse oder andere Dokumente nachweisen können.“

Außenwirtschaftsdokumente von der IHK

Für Servet Akca von EW Logistics stellt sich diese Frage nicht. Er hat vor einem Jahr die Ausbildereignungsprüfung bei der Weiterbildungsgesellschaft der IHK Bonn/Rhein-Sieg bestanden. „Es war gar nicht so einfach, sich wieder auf das Lernen zu konzentrieren“, erzählt der gelernte Speditionskaufmann, der als 15-jähriger aus der Türkei nach Deutschland kam und die Höhere Handelsschule mit dem Fachabitur abgeschlossen hat. „Es ging unter anderem um die Voraussetzungen, die ein Ausbilder mitbringen muss, um das Jugendarbeitsschutzgesetz und um berufspädagogische Fragen. Etwa darum, wie ich einen Auszubildenden motivieren kann.“

Anzhela Gladkikh

Sein Wissen hat Akca bereits in die Praxis umgesetzt. Die sogenannte Vier-Stufen-Methode, mit der ein Auszubildender lernt, selbstständig zu arbeiten, konnte er bei Anzhela Gladkikh einsetzen. Die gebürtige Russin, die im Jahr 2001 mit ihrem deutschstämmigen Mann aus Moskau nach Deutschland einreiste, arbeitet an ihrem Schreibtisch im Büro der EW Logistics. Vor ihr stapeln sich Ablagefächer und Ordner, auf dem Drucker liegt das „Warenverzeichnis für die Außenhandelsstatistik“.

Gladkikh macht eine Umschulung zur Speditionskauffrau und hat sich auch bei ihrem dritten Praktikum für die Spedition entschieden. „Ich hoffe, dass ich nach bestandener Prüfung übernommen werde“, sagt sie hoffnungsvoll. Am Bildschirm bearbeitet sie Exportpapiere wie Ausfuhranmeldungen und CMR-Frachtbriefe.

Mit der IHK Bonn/Rhein-Sieg hat sie zu tun, wenn es um Außenwirtschaftsdokumente wie das Ursprungszeugnis geht. „Die Kammer bescheinigt, ob ein Produkt „made in Germany“ ist“, erläutert Gladkikh. „Ist der Warenursprung zertifiziert, werden Zölle und Steuern herabgesetzt.“ Und schon wendet sie sich wieder den Frachtpapieren zu. Die LKWs auf der Autobahn A 59 wollen weiter rollen.

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn