ISC AlHilal bereitet junge Migranten auf das Berufsleben vor

Soft Skills auf dem Ascheplatz

11.02.2011

Anstoß auf dem Sportplatz Heiderhof in Bonn-Bad Godesberg: Sechs Bambini stürzen sich auf den orangen Lederball, um ihn ins Tor zu jagen, es steht 3:3. Gerade noch haben sie mit großen Augen zu ihrem Fußballtrainer Younis Kamil aufgesehen, als der sie nach einem Foul um sich scharte und erklärte: „Wenn jemand früher am Ball ist als ihr, schubst ihr nicht. Wir wollen nur an den Ball.“ Jetzt sprühen sie wieder vor Spielbegeisterung.

Jeden Dienstagnachmittag trainieren die Bambini II des Internationalen Sportclubs AlHilal Bonn e.V., selbst bei Regen, Wind und Dunkelheit. Fast alle Kinder kommen aus Familien mit Migrationshintergrund, oft ist ein Elternteil deutsch. Da ist der fünfjährige Deutsch-Marokkaner Yassine. Er ist Same, dessen Eltern aus Afghanistan stammen. Und da ist der Deutsch-Ägypter Yunis, der seiner Mutter begeistert sein neues Trikot mit dem Abzeichen des ISC AlHilal zeigt.

Die Kinder wollen einfach nur Fußball spielen, doch der Ansatz des Vereins geht weiter: „Wir haben im vergangenen Jahr ein Konzept mit dem Titel ‚Integration ist das Ziel – Fußball unser Weg’ entwickelt“, sagt Younis Kamil, diplomierter Sportwissenschaftler und Sportwart des Vereins. Für dieses Konzept ist der ISC AlHilal im November 2010 von Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit dem Integrationspreis der Deutschen Islam Konferenz ausgezeichnet worden. Ausgeschrieben war der Preis, um den sich insgesamt 186 Migrantenorganisationen, Vereine und Bürgerinitiativen bewarben, für „vorbildliche Projekte von und mit Muslimen“. Der ISC AlHilal erreichte den ersten Platz und erhielt ein Preisgeld von 5.000 Euro.

Pünktlichkeit, Zielstrebigkeit und Umgang mit Vorgesetzten

Streit auf dem Fußballplatz, die Bambini diskutieren: „Ich krieg den Ball, der hat gefoult“, meint Husam und klemmt sich den Ball unter den Arm. Alle stürzen auf ihn zu. „Nein, du hast gefoult“, ruft Yunis wütend. „So etwas lassen wir laufen“, sagt Trainer Kamil, der die Situation vom Spielfeldrand aus beobachtet. „Wir greifen erst ein, wenn es nicht mehr weiter geht.“ Was er schließlich tut. Kamil nimmt den Ball, wirft ihn ein und schon jagen sie wieder hinterher.

"Integration ist das Ziel - Fußball unser Weg". Für dieses Konzept ist der Verein ISC AlHilal mit dem Integrationspreis der Deutschen Islam Konferenz ausgezeichnet worden. Younis und Maryam Kamil nahmen den preis von Bundesinnenminister Thomas de Maiziére (r.) entgegen.

Allein die Kurzform des Integrationskonzepts des Vereins ist etwa 30 Seiten stark. „Ich bin von mehreren Seiten angesprochen worden, ob ich nicht ein Integrationsprojekt für Migranten in Bad Godesberg aufbauen möchte“, erzählt Kamil, der im Sudan geboren wurde und als Sechsjähriger nach Deutschland kam. „Es geht darum, interkulturellen Konflikten vorzubeugen, deshalb fangen wir bei den Kleinen an. Vorsorge ist besser als Nachsorge.“ In einem strikten Lehrplan hat er sportliche, soziale und mentale Ziele für jede Altersstufe entwickelt. Die Trainer wurden ein Vierteljahr lang geschult, alle haben eine Lizenz des Fußballverbandes Mittelrhein. „In unserer Trainerausbildung vermitteln wir ganz bewusst den Punkt Teammanagement. Wir übertragen die Erkenntnisse der modernen Managementlehre auf den Fußball und die Jugendarbeit. Die Nachwuchstrainer und Trainerinnen erhalten einen kleinen Einblick ins Berufsleben, da wir viele Beispiele aus der Praxis einbeziehen.“

Klare Regeln, keine Schimpfwörter

Die Vorbereitung auf das Berufsleben betrifft nicht nur die Trainer, sondern die Spieler selbst. „Die Basis unseres Trainings mit den Bambini ist das freie Spiel. Sie sollen viel selbst ausprobieren, um Technik und Kreativität zu entwickeln“, sagt Kamil. „Bei den Zwölfjährigen beginnen wir damit, berufsqualifizierende Schlüsselkompetenzen zu vermitteln. Dazu zählen Selbstständigkeit, Disziplin, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit und nicht zuletzt auch der Umgang mit Vorgesetzten. All diese Werte lassen sich wunderbar über den Fußball und das Leben einer Mannschaft erarbeiten.“ Mit den Spielern der U15 beispielsweise übe er hartes und konzentriertes Arbeiten durch Laufen. „Die Jugendlichen müssen bei 10  mal 100 Metern richtig ans Limit gehen. Wir kommunizieren: Wer dieses Ziel erreichen will, der muss auch etwas dafür tun.“

Hinzu kommen weitere klare Regeln für alle Altersklassen: Auf dem Platz wird nur Deutsch gesprochen. Schimpfwörter sind streng verboten. „Das finde ich sehr eindrucksvoll, das wird auch durchgezogen“, sagt Ruth-Nadja Luther, die gemeinsam mit anderen Müttern im Schutz der Umkleiden das Training beobachtet. Sie meint: „Jeder Sportverein hat das Ziel, Teamgeist zu vermitteln und gemeinsam etwas zu erreichen. Doch hier geht das soziale Miteinander noch weiter. Die Kinder lernen Respekt und die Nationalität spielt überhaupt keine Rolle. Deutsche und Ausländer spielen einfach zusammen.“ Shekiba Mohmand ergänzt: „Mein älterer Sohn hat früher in einem anderen Verein gespielt, da hat er sich nicht wohl gefühlt. Hier geht er gern hin.“

Die Mütter haben ihre Autos an der Straße geparkt. Manchmal bringen sie die Kinder mit dem Bus. Sportwart Younis Kamil möchte hingegen noch ganz andere Familien erreichen: „Uns sind die Kinder wichtig, deren Eltern sich nicht um Sport und Freizeit kümmern. Deshalb werden wir von unserem Preisgeld ein Shuttle-Mobil kaufen, mit dem wir die Kinder und Jugendlichen an bestimmten Sammelpunkten zum Training abholen und wieder zurückbringen.“

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn