Marti Kilisli und Nilüfer Özdemir arbeiten bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg

"Wir gehören zu Deutschland, unsere Wurzeln sind in der Türkei."

11.02.2011

Beim EM-Qualifikationsspiel Deutschland - Türkei im Berliner Olympiastadion hat Nilüfer Özdemir den Türken die Daumen gedrückt. Sie stand auf der Tribüne und musste mitansehen, dass ihre Mannschaft 3:0 verlor. Als Mesut Özil zum 2:0 für das deutsche Team traf, wurde er von den türkischen Fans ausgepfiffen. „Da tat er mir leid“, sagt Nilüfer Özdemir. „Ich weiß nicht, wie Özil sich in einem solchen Moment fühlt. Denn einerseits gehört er wie ich zu Deutschland, andererseits sind unsere Wurzeln in der Türkei.“

Nilüfer Özdemir ist Kauffrau für Bürokommunikation bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Sie hat zwei Staatsbürgerschaften, die türkische und die deutsche. Ebenso wie ihre Kollegin Marti Kilisli, die bei der IHK im dritten Ausbildungsjahr zur Kauffrau für Bürokommunikation ist. „In Deutschland sind wir türkisch und in der Türkei sind wir deutsch“, sagt sie. „Einerseits gehören wir in beide Länder, andererseits nirgendwo richtig hin.“

Gute Schulausbildung ist wichtig

Rund 82 Millionen Einwohner leben in Deutschland - 15,7 Millionen von diesen haben eine Migrationshintergrund.

Das Interkulturelle hat die beiden jungen Frauen im Berufsleben immer wieder begleitet, auch im negativen Sinne. „Als Schülerin habe ich bei einem großen Textilhaus in der Bonner City nach einem Praktikum gefragt. Da hat man mir offen gesagt, dass Ausländer nicht genommen werden“, erzählt Marti Kilisli. Dabei hatte sie bereits als Jugendliche die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, um sich auch die Möglichkeit einer Beamtenlaufbahn offen zu halten. „Der Realschulabschluss reichte nicht, um eine Stelle zu finden“, sagt die 20-jährige, die noch die Höhere Handelsschule besuchte. Auf die Kammer als Ausbildungsbetrieb wurde sie bei der Ausbildungsbörse in der Bonner Beethovenhalle aufmerksam, als ihr das Magazin „Junge Wirtschaft“ in die Hände fiel. „Von all meinen Bewerbungen hat mich nur die IHK Bonn/Rhein-Sieg zum Praktikum eingeladen.“ Gern nahm sie die Einladung an! Es folgte der Ausbildungsvertrag. Auch in Zukunft möchte sie bei der Kammer bleiben.

Für Nilüfer Özdemir hat sich dieser Wunsch bereits erfüllt, sie arbeitet im Bereich Starthilfe und Unternehmensförderung. „Ich habe hier im Haus noch nie das Gefühl gehabt, wegen meiner Herkunft eine Sonderrolle zu spielen“, sagt die 27-jährige. Allerdings sprechen manche Beratungssuchende, die bei ihr anrufen, sie auf Türkisch an. „Sie sehen meinen Namen im Internet und machen es sich leicht“, vermutet sie. „Kürzlich hat jemand seine Frau zum Basisseminar für Existenzgründer angemeldet und meinte, sie könne kein Deutsch. Ob das Seminar auch auf Türkisch stattfinde.“ Woraufhin Özdemir dem Anrufer eine Absage erteilen musste. Doch Broschüren zum Thema „Selbstständig machen“ gibt es über den DIHK in türkisch, polnisch und englisch.

Von der politischen Debatte über mangelnde Integrationsfähigkeit von Migranten fühlen sich weder Marti Kilisli noch Nilüfer Özdemir angegriffen. „Wir verstehen oft nicht, was das Ganze soll.“