Sozial denken, wirtschaftlich handeln

Social Entrepreneurship: Mehr Verantwortung übernehmen

10.03.2020

Wirtschaftlich handeln und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen muss für Unternehmen kein Widerspruch sein. Sogenannte „Social Entrepreneurs“ machen es erfolgreich vor, auch in der Region Bonn. Eine exakte Definition gibt es nicht, doch klar ist: Wenn von „Social Entrepreneurship“ die Rede ist, sind Unternehmen gemeint, bei denen Gewinn nicht die einzige Maxime ist, sondern die auch Mensch und Umwelt im Blick haben. Wie sich beides – schwarze Zahlen und gesellschaftliche Verantwortung – kombinieren lässt, davon erzählt diese Titelgeschichte.

Post von Larry Fink bekommt längst nicht jeder. Man muss schon Konzernchef sein und in der ökonomischen Hierarchie weit oben stehen. Doch wer weiß: Mancher deutsche Unternehmenslenker hätte den Brief, der Mitte Januar an sie adressiert war, vielleicht lieber nicht erhalten. Denn er enthielt einige ungewöhnliche Botschaften.

Larry Fink ist Chef von BlackRock, einer weltweit agierenden Fondsgesellschaft, die nicht immer für positive Schlagzeilen sorgt. Das „Handelsblatt“ nennt ihn den „mächtigsten Mann der Finanzmärkte“. Laut „tagesschau.de“ stehen hinter Blackrock Anlagegelder von rund sieben Billionen Dollar. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 betrug das gesamte Bruttoinlandsprodukt Deutschlands rund 3,44 Billionen Euro, also gerade mal die Hälfte.

 „Ich bin überzeugt, dass wir vor einer fundamentalen Umgestaltung der Finanzwelt stehen“, schreibt Fink. Die nicht von der Hand zu weisenden Klimarisiken würden Anleger zwingen, ihre zentralen Annahmen zur modernen Finanzwirtschaft zu überdenken. Schon bald werde es zu einer erheblichen Umverteilung von Kapital kommen. Deshalb werde BlackRock „Nachhaltigkeit ins Zentrum seines Investmentansatzes rücken (…). Wir werden uns von Anlagen trennen, die ein erhebliches Nachhaltigkeitsrisiko darstellen, wie zum Beispiel Wertpapiere von Kohleproduzenten.“

Fink ist überzeugt: Unternehmen hätten die Verantwortung und die ökonomische Pflicht, ihren Aktionären ein klares Bild darüber zu vermitteln, ob sie auf die Veränderungen angemessen vorbereitet sind. Und: „Sie als Unternehmen müssen sich bewusst und entschieden für Ihren Zweck und Ihre Stakeholder einsetzen – für Ihre Aktionäre, Kunden, Mitarbeiter und Gemeinden, in denen Sie tätig sind. Auf diese Weise wird Ihr Unternehmen langfristig prosperieren – zum Wohle Ihrer Anleger, Mitarbeiter und der Gesellschaft als Ganzes.“

Das Leitbild des „Ehrbaren Kaufmanns“

Die Worte des BlackRock-Chefs sind eine klare Ansage. Er fordert von den Unternehmen mehr Nachhaltigkeit ein und erinnert sie an ihre gesellschaftliche Verantwortung. Die liegt laut Milton Friedman, dem 2006 verstorbenen Wirtschaftsnobelpreisträger, einzig darin, die Gewinne zu steigern. Das sieht man bei BlackRock offenbar nicht (mehr) so. Und nicht nur dort. Immer mehr Unternehmen – vom Start-up über Mittelständler bis zu großen Firmen – stellen sich verstärkt ihrer Verantwortung und begeben sich auf den Weg zu mehr ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit.

Dabei ist dieser Weg eigentlich längst geebnet. Schon die Kaufleute im Mittelalter wussten, worauf eine gute Wirtschaftsordnung gründen sollte. Um sich gegen Misstrauen und Bedrohung zu wappnen, grenzten sie sich mithilfe eines Ehrenkodexes gegen Betrüger ab – das „Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns“ war geboren. Es steht für ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein für das eigene Unternehmen, für die Gesellschaft und die Umwelt.

Sogar in der Weltliteratur ist es verankert – Thomas Mann sei Dank. Mit Johann Buddenbrook schuf er den „Ehrbaren Kaufmann“ par excellence. Seinem Unternehmensnachfolger schreibt der alte Buddenbrook ins Stammbuch: „Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können!“ Diese Maxime hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt.

Und sie ist ein Pfeiler der Wirtschaftsordnung in Deutschland. „Das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns und die Soziale Marktwirtschaft sind im Grunde eins“, sagt Prof. Dr. em. Joachim Schwalbach. „Der ehrbar, also verantwortungsvoll handelnde Unternehmer verfolgt seine Unternehmensziele, ohne dabei die Ziele der Gemeinschaft aus dem Auge zu verlieren.“

Schwalbach ist Wirtschaftswissenschaftler und emeritierter Professor an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Während seiner aktiven Zeit setzte er sich mit allen Kräften dafür ein, das Leitbild stärker ins Bewusstsein der wirtschaftlichen Akteure zu rücken. An der Humboldt-Universität forschte er nicht nur viele Jahre zum „Ehrbaren Kaufmann“, sondern baute das Thema auch in seine Lehrveranstaltungen ein.

Vor kurzem fand das Leitbild sogar erstmals Eingang in die aktuelle Fassung des „Deutschen Corporate Governance Kodexes“, den die entsprechende Regierungskommission im Januar beim Bundesjustizministerium zur Prüfung und Veröffentlichung eingereicht hat. Der Kodex enthält Grundsätze, Empfehlungen und Anregungen für Vorstände und Aufsichtsräte, die dazu beitragen sollen, dass die deutschen börsennotierten Gesellschaften im Unternehmensinteresse geführt werden.

Doris Sommer ist eine Verfechterin dieses Leitbilds. An der Sozialen Marktwirtschaft schätzt sie beide Wortbestandteile. „Ich bin überzeugt von der Sozialen Marktwirtschaft, und auch die Bezeichnung „Ehrbarer Kaufmann“ trifft es ganz gut. Es darf in unserer Branche niemals das Ziel sein, höchste Gewinnmaximierung zu erzielen; das finde ich nicht angemessen“, sagt die Geschäftsführerin der Pflegeteam Wentland GmbH & Co. KG in Rheinbach. Ihr Unternehmen versorgt mit rund 350 Mitarbeitern täglich über 550 Kunden in der ambulanten Pflege.

Zugleich ist für sie klar: „Als familiengeführtes Unternehmen, das verschiedene Pflegedienstleistungen anbietet, müssen wir Geld verdienen, um langfristig qualitative Leistungen erbringen zu können.“ Der Anspruch des Unternehmens sei es, professionelle und ehrliche Dienstleistungen für Menschen anzubieten. „Diese wiederum müssen gut bezahlt werden, damit wir Arbeitsplätze für Mitarbeiter und das Unternehmen langfristig sichern können“, erklärt Sommer. Das alles zählt für sie zu verantwortlichem unternehmerischem Handeln.

Verantwortung übernehmen – Corporate Social Responsibility

Wem der Begriff „Ehrbarer Kaufmann“ zu altertümlich ist – es gibt auch einen englischsprachigen Begriff, der im Grunde für eine zeitgemäße Variante des Konzepts vom „Ehrbaren Kaufmanns“ steht: „Corporate Social Responsibility“, kurz: CSR. Das steht für gesellschaftliche Unternehmensverantwortung – und die spielt im Alltag von immer mehr Firmen eine Rolle.

„Sozialunternehmen reagieren mit innovativen Geschäftsmodellen auf aktuelle gesellschaftliche Fragen wie beispielsweise Klimawandel oder nachhaltige Produktion“, weiß IHK-Pressesprecher Michael Pieck. Als Leiter des CSR-Kompetenzzentrums beobachtet er schon länger, dass auch bei etablierten Unternehmen in der Region das  Engagement  für Umweltschutz und soziale Nachhaltigkeit wächst.

„Für mich war CSR sogar eine Motivation, mein eigenes Unternehmen zu gründen“, sagt Severine Profitlich, Inhaberin der Profitlich & Co. Immobilien KG in Bonn. Die Maklerin war bis 2012 in einem Unternehmen der Immobilienwirtschaft tätig. „Dort spielte CSR eigentlich gar keine Rolle“, erinnert sie sich, „das fand ich sehr bedauerlich.“ Sie wollte zeigen, dass auch im Immobiliengeschäft gesellschaftliche Verantwortung möglich und nötig ist, deshalb wurde sie Unternehmerin. Was sie antreibt: Sie möchte, dass ihr Unternehmen qualitativ eine erste Adresse auf dem Markt ist. Dazu gehört für die 37-Jährige auch die Weitergabe von Wissen an die nächste Generation – sie bildet von Anfang an fundiert aus und ermöglicht Einstiegsqualifizierungen sowie Schülerpraktika. Und sie hat sich ganz den Prinzipien guter Unternehmensführung verschrieben.

Doch das ist nicht alles. „Eine besondere Motivation von mir ist es, auf die besonderen Belange von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen und ihnen nach Möglichkeit Zugang zu adäquatem Wohnraum zu verschaffen“, betont Profitlich. Das tut sie mit ihrem Unternehmen – und auf dem Wege ehrenamtlichen Engagements. Die Unternehmerin ist unter anderem im Vorstand der Behindertengemeinschaft der Stadt Bonn aktiv. Zudem wirbt sie auch öffentlich für die Prinzipien der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen, nämlich als „CSR-Botschafterin“ des CSR-Kompetenzzentrums Rheinland bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

Solide wirtschaften, ohne Mensch und Natur auszubeuten

Auch Annette Hoffman und Elke Schilling waren mit ihrem früheren Berufsweg unzufrieden. Die Modedesignerin und die Bekleidungstechnik-Ingenieurin waren viele Jahre in der konventionellen Modebranche beschäftigt. Bis ihnen jeweils klar wurde: „So wollten wir nicht mehr weiterarbeiten!“

2011 lernten sie sich kennen, bereits bei der zweiten Begegnung war die Idee geboren: „Wir stellen selbst Damenoberbekleidung her und vertreiben sie – schick und ökologisch“, erzählt Hoffman. Sie gründeten in Bonn die Alma & Lovis GmbH.

Bereits bei ihrem ersten Besuch einer Messe für nachhaltige Mode in Berlin konnten sie mit ihrem neuen Label auf sich aufmerksam machen und erste Kunden gewinnen. Zum Beispiel kiss the inuit mit Läden in Köln und Bonn oder Fashion for Friends aus dem Allgäu. Inzwischen finden sich auch in ersten herkömmlichen Modegeschäften die nachhaltigen Produkte von Alma & Lovis.

„Unser Antrieb: Wir wollen beweisen, dass man solide wirtschaften kann, ohne Menschen und Natur auszubeuten“, sagt Schilling. Produzieren lassen die beiden ausschließlich in Europa und Peru (Alpaca) in zertifizierten Betrieben, sie zahlen faire Löhne, achten auf die Arbeitsbedingungen in den Fabriken, auf die Haltung der Tiere bei den Landwirten, von denen sie Wolle oder Leder beziehen, und darauf, dass etwa Baumwolle ausschließlich aus kontrolliert ökologischem Anbau kommt. Als eines der ersten Modelabels in Deutschland hat sich Alma & Lovis dazu mit dem „Grünen Knopf“ zertifizieren lassen, dem ersten staatlichen Siegel für nachhaltige Mode.

Geprüft werden dabei übrigens auch die Arbeitsbedingungen im Inland, also in der kleinen Zentrale in Bonn, wo außer den beiden Unternehmerinnen fünf fest Angestellte sowie immer wieder Studierende und Minijobber an Kreation, Vertrieb und Marketing mitwirken sowie für die Büroarbeit sorgen. „Die Beschäftigten wurden befragt, außerdem mussten wir die Arbeitsverträge vorlegen“, erzählt Hoffman.

Demnächst geht das Unternehmen sogar noch einen Schritt weiter: „Wir wollen für 2020 erstmals eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen“, sagt Schilling. Die „Gemeinwohl-Ökonomie“ versteht sich als konkret umsetzbare Alternative für Unternehmen verschiedener Größen und Rechtsformen. Auf der Homepage des Vereins International Federation for the Economy for the Common Good e.V. heißt es: „Der Zweck des Wirtschaftens und die Bewertung von Unternehmenserfolg werden anhand gemeinwohl-orientierter Werte definiert.“ Grundlagen seien unter anderem die Ethik der Achtung vor der Natur und der Schutz der Erde.

„Wir sind von der Idee dahinter überzeugt und finden, dass alle Unternehmen viel stärker als bisher Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und dass auch die Beschäftigten viel mehr in strategische Entscheidungen einbezogen werden sollten“, begründet Hoffman diesen Schritt, „deshalb gehen auch wir diesen Schritt.“

Ende Januar wurde übrigens bekannt, dass Alma & Lovis für den diesjährigen CSR-Preis der Bundesregierung nominiert wurde – als eines von 25 Unternehmen in fünf Kategorien. „Die Unternehmen zeigen, dass sie sich in besonderem Maße für eine sozial, ökonomisch und ökologisch verträgliche Arbeitsweise engagieren“, hieß es in einer Pressemitteilung. Verliehen wird der Preis im Juni in Berlin.

Soziale und ökologische Verantwortung gehören ins Kerngeschäft eines Unternehmens

Folgt man den Überlegungen von Prof. Dr. Stephan Hankammer, kann man Annette Hoffman und Elke Schilling als „Social Entrepreneurs“ bezeichnen. Wobei dem Juniorprofessor für Nachhaltige Unternehmensführung und Entrepreneurship an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter das Wörtchen „Social“ an dieser Stelle weniger gut gefällt, er spricht lieber von „Sustainable Entrepreneurship“, also nachhaltigem Unternehmertum.

„Eine klare, einfache Definition gibt es leider nicht“, bedauert der Wissenschaftler – und wagt eine Annäherung: „Ich spreche von sozialem oder nachhaltigem Unternehmertum, wenn ein Unternehmen wichtige Aspekte sozialer und ökologischer Verantwortung systematisch in seinem Kerngeschäft verankert, wenn es eine entsprechende gesellschaftliche Mission hat und sein Handeln so konsequent wie möglich daran ausrichtet.“

So wichtig es sei, wenn ein Unternehmen den örtlichen Sportverein sponsert, Kulturveranstaltungen fördert oder Geld für den Neubau einer Kita gibt – so lange dieses Engagement ein Nebenaspekt des unternehmerischen Handelns bleibe, wolle er nicht von „Sustainable Entrepreneurship“ sprechen.

Die Herangehensweise der Unternehmerin oder des Unternehmers müsse vielmehr lauten: „Existieren wir in erster Linie, um finanzielle Interessen der Shareholder zu befriedigen – oder weil wir eine soziale oder ökologische Herausforderung lösen möchten, also um einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten?“

Wie wird man „Social Entrepreneur“? Für Hankammer ist die Antwort klar: „Wenn man sich systematisch Gedanken darüber macht, welche Auswirkungen das eigene unternehmerische Handeln auf alle relevanten Akteure – von den eigenen Beschäftigten bis zu den Lieferanten und Kunden – und auf die Umwelt hat, wenn diese Erkenntnisse das Handeln beeinflussen und man dann immer wieder kritisch prüft, ob das Handeln den aus den Erkenntnissen abgeleiteten Unternehmenszielen entspricht, und nachsteuert.“ Ziel müsse es sein, nachhaltig zu wirtschaften und zugleich auch Vorbild für andere zu sein.

Transparenz in der Lieferkette, faire Löhne, Teilhabe

Dies trifft auch auf Arne Rohlfs zu. Der Unternehmer aus Much betrieb früher einige Restaurants, bevor ihn ein schwerer Motorradunfall vorübergehend aus der Bahn warf. Dann wurde er auf die Moringa-Pflanze aufmerksam, die über vielfältige Mineralien, Vitamine und Nährstoffe verfügt und deren Blatt als Eiweißquelle der Zukunft gilt, und hatte eine Idee: Er eignete sich relevantes Wissen über die Pflanze an, die in manchen Kulturen auch als „Wunderbaum“ oder „Baum des Lebens“ bezeichnet wird, bestellte ein Kilo Moringa-Pulver, erwarb auf E-Bay eine Kapselmaschine und stellte sein erstes Nahrungsergänzungsmittel her. Später gründete er das Unternehmen Estancia Verde, seit 2015 eine GmbH. Inzwischen arbeitet er in Kooperation mit Moringa-Plantagen und Moringa-Felder-Kooperativen im Kongo, in Tansania und in Kenia zusammen. In Much zählt Rohlfs zwei Festangestellte.

Verarbeiten lassen sich vor allem die Blätter und die Samen, aus denen man hochwertiges Öl gewinnen kann. Rohlfs‘ Geschäftsmodell: Zum einen verkauft er diese Rohstoffe in Blatt-, Pulver- und Ölform, etwa an Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika. Dabei sorgt er für eine transparente Lieferkette, zahlt den Kleinbauern in Afrika faire Löhne und lässt alle Prozesse regelmäßig zertifizieren. Zum anderen produziert er selbst nachhaltige Lebensmittel, etwa einen „Bio-Energy-Drink“ sowie einen „Moringa Bio Tee“. Damit ist er unter anderem bei Rewe gelistet. Für 2020 plant er erstmals schwarze Zahlen.

Natürlich könne man auch herkömmlich wirtschaften, Gewinne erzielen und dann etwas davon spenden. „Doch das ist nicht mein Modell, denn dann ist das Kind ja schon in den Brunnen gefallen“, betont Rohlfs. Sein Antrieb: umwelt- und sozialverträglich zu arbeiten, für möglichst viel Wertschöpfung in der Lieferkette zu sorgen und auch die Kleinbauern am Gewinn teilhaben zu lassen.

Schwarze Zahlen und Inklusion sind kein Widerspruch

Die Gemeinnützigkeit bereits im Firmennamen trägt die PRIMA Bonn-Rhein-Sieg gGmbH mit Sitz in Bonn; das kleine „g“ steht für „gemeinnützig“. Das Unternehmen ist eine Tochterfirma der Stiftung Gemeindepsychiatrie Bonn-Rhein-Sieg. Diese wurde 2018 von dem Bonner Verein für gemeindenahe Psychiatrie errichtet, der seit 40 Jahren aktiv ist und seit 2019 als Gemeindepsychiatrie Bonn-Rhein-Sieg gGmbH firmiert. Ziel der Bonner Stiftung ist es einerseits, Aufklärungsarbeit zu psychischen Erkrankungen zu leisten, andererseits Möglichkeiten zu schaffen, damit psychisch Erkrankte am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Ein großes Thema dabei: Teilhabe am Arbeitsleben. „Insofern ist es ein weiteres Ziel, für diese Personengruppe sowie für Menschen mit Behinderung einen inklusiven Arbeitsmarkt zu schaffen und somit auch einen Beitrag für die Reduzierung des Fachkräftemangels zu leisten“, erklärt Wolfgang Pütz, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung. „Außerdem wollen wir Perspektiven ermöglichen!“

Dazu gründete der Verein nach und nach vier unterschiedlich spezialisierte Tochterfirmen, darunter die heutige PRIMA Bonn-Rhein-Sieg gGmbH. Diese wiederum betreibt unter anderem das Restaurant „Godesburger“, nach eigenen Angaben Deutschlands erstes inklusives Burger-Restaurant. Hier arbeiten zwölf Menschen mit und ohne Behinderung Seite an Seite. Das Restaurant wurde 2016 vom NRW-Integrationsministerium mit dem Inklusionspreis des Landes NRW ausgezeichnet. Es gilt als Leuchtturmprojekt des ebenfalls von der Stiftung initiierten Netzwerkes bonn-rhein-sieg-fairbindet.

„Wir wollen zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und Inklusion kein Widerspruch ist.“ - Wolfgang Pütz (l.), Geschäftsführer der PRIMA Bonn-Rhein-Sieg gGmbH, die unter anderem das inklusive Burger-Restaurant „Godesburger“ betreibt (rechts im Bild Küchenchef Bruno Straub).

Vordergründig lautet der Unternehmenszweck: Burger-Restaurant. „Unser eigentlicher Unternehmenszweck ist es jedoch, Vorbild zu sein“, stellt Pütz klar. Was er meint: Vorbild dafür, dass man auf dem Markt erfolgreich und gleichzeitig gemeinwohlorientiert sein kann. „Die Leute sollen nicht kommen, weil sie Mitleid haben, sondern weil es ihnen schmeckt, weil es ihnen bei uns gefällt, weil wir sie mit unserer Leistung überzeugen“, betont Pütz. „Wir wollen zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und Inklusion kein Widerspruch ist.“ Mehr noch: Schwarze Zahlen seien ein Muss, schließlich benötige man Gewinne, um das Unternehmen voranzubringen. Aber: „Hier hält kein Gesellschafter die Hände auf“, erklärt Pütz, „sondern das Geld wird reinvestiert, es fließt zurück in das Restaurant und dient dem Unternehmenszweck.“

Wer die Prinzipien von Sozialer Marktwirtschaft und Gemeinwohlorientierung, von CSR und „Social Entrepreneurship“ konsequent weiterdenkt, landet fast zwangsläufig bei der Frage, wie es denn eigentlich um die Besitzverhältnisse von Unternehmen steht. Im November vergangenen Jahres gründeten 30 Unternehmen in Berlin die „Stiftung Verantwortungseigentum“. Sie gibt einer Unternehmensform eine Stimme, die nach Stiftungsangaben bereits von über 200 Unternehmen in Deutschland, die heute rund 1,2 Millionen Menschen beschäftigen und für 270 Milliarden Euro Jahresumsatz stehen, praktiziert wird.

„Unternehmen in Verantwortungseigentum funktionieren eigentlich wie Familienunternehmen, nur wird das Unternehmen nicht automatisch an genetisch Verwandte weitergegeben, sondern an Werte- und Fähigkeitenverwandte. Damit bleibt das Unternehmen auch unabhängig von der Familie selbstständig und werteorientiert erhalten“, erklärte Thomas Bruch, Unternehmer und Gründungsvorstand der Stiftung, bei der Gründung. Die Gründungsvorständin und leitende Mitarbeiterin der Suchmaschine Ecosia.org, Genica Schäfgen, fügte hinzu: „Diese Unternehmen setzen eine Vermögensbindung um, die sicherstellt: Keine Generation von Verantwortungseigentümern kann ein Unternehmen leerräumen und Vermögen entnehmen. In diesem Sinn gehört das Unternehmen sich selbst, es dient nicht den Shareholdern, sondern seinem Zweck.

Mit dieser Idee können Blackrock-Chef Larry Fink und seine Anleger womöglich nicht so viel anfangen. Doch wer weiß? Vielleicht greift Fink sie in einem seiner nächsten Jahresbriefe an die Wirtschaftselite auf…

Lothar Schmitz,
Wirtschaftsjournalist, Bonn