TeddyDorado

Das Auktionshaus für Steiff-Tiere

10.03.2020

Carsten Eßer ist der führende Experte, wenn es um die Datierung und Taxierung historischer Plüschtiere mit dem berühmten „Knopf im Ohr“ geht. 2010 gründete der Wachtberger das weltweit erste und bis heute einzige Auktionshaus, das sich auf die Versteigerung von Steiff-Stofftieren und -Teddybären mit hohem Sammlerwert spezialisiert hat.

Generationen von Kindern sind mit ihnen groß geworden, und auch Carsten Eßer konnte sich dem Reiz der Plüschtiere aus der vor 140 Jahren gegründeten Margarete Steiff Manufaktur nicht entziehen. Der heute 48-Jährige besaß bereits in jungen Jahren eine stattliche Sammlung. „Meine Großmutter besuchte uns jeden Donnerstag“, erzählt er, „und dann durften mein Bruder und ich uns in Steiff-Prospekten immer genau ein Tier für die nächste Woche aussuchen.“ Als sie starb, war Eßer rst drei Jahre alt. „Eine wirkliche Erinnerung an sie habe ich nicht – bis auf über 100 Stofftiere von ihr.“

Früh übt sich

Das großmütterliche Erbe hatte Eßers Leidenschaft geweckt. Auf Flohmärkten kaufte er sich weitere Tiere und begann als 11-Jähriger systematisch, Kataloge, Prospekte, Preislisten und Informationen der beliebten Spielzeugmarke zusammenzutragen und eingehend zu studieren. Dabei lernte er schnell, dass Neuheiten auf dem Deckblatt und den ersten Seiten stehen. „Wenn ich ein Tier auf dem Flohmarkt gesehen habe, wusste ich genau: Das ist die Kuh ‚Bessy‘, die steht erstmals auf der dritten Seite im Katalogvon 1958.“ Und er begann, mit den Tieren zu handeln; zunächst auf Sammlerbörsen in Bonn, Hennef, Köln und Wiesbaden, später dann auch bundesweit unter anderem in München, Berlin und Hamburg.

Mit 14 Jahren fuhr Eßer mit seinen Steiff-Tieren im Koffer allein nach Köln. „Eigentlich war ich überhaupt noch nicht geschäftsfähig“, bekennt der studierte Wirtschaftswissenschaftler, was aber damals keinen gestört hätte. „Die haben beim Fachsimpeln schnell gemerkt: Das hat schon Hand und Fuß, was der sagt.“ Mit 16 Jahren umfasste seine Sammlung weit über 1.000 Tiere und er wurde immer öfter zu Rate gezogen, da er in der Szene für seine umfassenden Kenntnisse bekannt war. „Man hat mir Tiere gezeigt und gefragt, ob die von Steiff sind“, erinnert er sich, „und ich wußte es halt immer.“

Auf dem Weg zum Unternehmer

Nach Abschluss des VWL-Grundstudiums an der Uni Bonn führte ihn sein BWL-Studium nach Tübingen und damit in die Nähe des Steiff-Unternehmenssitzes und wichtiger Sammlerbörsen. „Mit dem Aufkommen von Internet und eBay konnte ich mein Steiff-Drucksachen-Archiv nahezu komplettieren und meinen Handel intensiv globalisieren“, berichtet er. Gegen Ende des Studiums reifte in ihm der Wunsch, sich mit einem weltweit einzigartigen Auktionshauses für Sammler selbstständig zu machen, das nur auf wertvolle Stofftiere und Teddybären spezialisiert ist. „Wenngleich ich damals erfolgreich als Fernsehredakteur für Frank Elstner gearbeitet habe, wollte ich lieber zurück zu den Steiff-Tieren.“

Im Sommer 2010 gründete Carsten Eßer dann das Unternehmen „TeddyDorado“. „Ich habe im Vorfeld relativ lange gebraucht, um meine Firma so zu positionieren, dass ich sagen konnte: Es klappt sicher von Anfang an.“ Denn für die erste Auktion, die im Oktober 2010 stattfand, sollte sichergestellt sein, dass genügend Ware reinkam und auch die entsprechende Nachfrage vorhanden war.

„Ich habe Jahre damit verbracht, Informationen zu sammeln über Leute, die regelmäßig Steiff-Tiere kaufen und verkaufen“, erzählt der Unternehmer. Das Ergebnis war eine Datei potenzieller Kunden, die er kontaktieren und zu Auktionen einladen konnte. „Ich hatte befreundete Sammler und Händler, denen ich mein Projekt vorgestellt habe“, so Eßer, „und die fanden alle toll, dass das kommt.“ Sie wollten ihn unterstützen und gaben ihm jeweils um die 50 Tiere als Einlieferung. „So konnte ich meine erste Auktion super bestücken.“ Kurze Zeit später folgte eine Anfrage von Steiff, ob er auch deren Auktionen in Giengen managen könne. Hinzu kamen Steiff-Schätztage und Fachvorträge auf Steiff-Club-Veranstaltungen.

Schätze unterm Hammer

Zweimal jährlich pilgern Steiff-Tier-Sammler im April und Oktober in die Stadthalle nach Bad Godesberg oder lassen sich als Fernbieter aus Japan oder den USA telefonisch zuschalten, wenn Carsten Eßer den Hammer schwingt. „Ich nehme im Wesentlichen nur an diesen beiden Tagen im Jahr Geld ein“, bemerkt der Auktionator, der nach eigenen Angaben eine Zuschlagsquote von mehr als 99,5 Prozent und pro Auktion einen Umsatz von ca. 100.000 Euro erreicht, der überwiegend aus dem englischsprachigen Ausland kommt. Seine Provision setzt sich aus einem Aufgeld von 19 Prozent und einem frei verhandelbaren Betrag der Einlieferer zusammen. „Bei den etwa 800 Teilen, die wir jeweils in der Auktion haben, müssen wir deutlich über 100 Euro im Schnitt erzielen“, rechnet er vor. Vergleicht man die Summe der Startpreise mit der Summe der Endpreise, beträgt der Faktor stets etwa 3,9. „Das kommt magisch immer irgendwie so hin“, ist Eßer selbst erstaunt.

Carsten Eßer leitete jahrelang neben den Godesberger
Versteigerungen auch die Steiff-Auktionen am Firmensitz
der Manufaktur in Giengen an der Brenz.

Zwischen den Auktionen hält der Steiff-Kenner Vorträge, erstellt Expertisen und hat ein Fachbuch geschrieben. Mehr Zeit bleibt ihm aber nicht, denn der Firmenchef kümmert sich höchstpersönlich um jedes eingelieferte Teil. „Wir haben pro Auktion etwa 15 bis 20 Einlieferungen, meist aus Sammlungsauflösungen oder Lagerbeständen.“ Hat man sich auf einen Startpreis geeinigt und den Einlieferungsvertrag unterzeichnet, werden von jedem Tier bewusst „nicht geschönte“ Artikelfotos von allen Seiten sowie Details wie Brustschild, Fahne und Zertifikat (ab 1980) gemacht und die Bildauswahl zusammen mit einer objektiven Artikel- und Zustandsbeschreibung online gestellt. „Die Texterstellung ist Chefsache“, so Eßer, der in seinem Wachtberger Büro lediglich eine feste Mitarbeiterin hat. „Unser Markt ist eben klein.“

Eine Auktion lebt von Unikaten, die Sammlerherzen höherschlagen lassen. So wie der schwarze Titanic-Trauerbär „Othello“ von 1912, der bei 25.000 Euro den Zuschlag erhielt. „Wir haben jedes Mal mindestens ein ‚Sahnestsück‘ und dafür auch ziemlich gute Preise gemacht, weil die Leute mir vertrauen.“ Das wiederum überzeugt Händler, die ihre Ware sonst auf dem Antikmarkt oder ebay verkauft hätten, ihr Stück lieber in die Auktion von Carsten Eßer zu geben. Doch der ist sehr wählerisch und zeigt nur bei etwa jedem Zehnten Interesse. „Wir nehmen eher die ‚Kunstobjekte‘ für Sammler als das Tier, das man im Bett zum Kuscheln hatte“, konstatiert er. „Wir sind eben mehr Juwelier als Second-Hand-Händler.“

Original oder Fälschung?

Raritäten erkennt der Spezialist schon auf den ersten Blick. „Ich habe das Sortiment im Kopf und weiß sofort, wenn ich eine Sonderanfertigung oder Material- bzw. Größenvariante vor mir habe.“ Die genaue Taxierung erfolgt über die Erkennungsmerkmale Brustschild, Knopf und Fahne mit Artikelnummer, in der bis 1968 Körperhaltung, Material und Größe des Steiff-Tieres codiert wurden. Später wurde das System immer wieder abgeändert; es kamen Seriennummern und Tiernamen hinzu. „Das ist schon eine Wissenschaft für sich, in der ich aufgewachsen bin.“

Sind bei einem historischen Steiff-Tier alle Erkennungsmerkmale vorhanden, erhöht das dessen Wert enorm. „Mit Brustschild wird es doppelt so wertvoll“, erläutert Eßer, „und mit gut lesbarer Fahne verdoppelt sich der Wert noch einmal.“ Das ruft immer wieder Fälscher auf den Plan, die Exemplare ohne diese Merkmale entsprechend „nachrüsten“.

So geschehen bei zehn hochwertigen Artikeln aus der Vorkriegszeit, die Eßer für eine Auktion erhielt. Der Marktwert ohne Markenzeichen lag zusammen bei etwa 8000 Euro und mit den Erkennungsmerkmalen, sofern sie echt gewesen wären, bei ca. 75.000 Euro. „Rote Steiff-Ohrfahnen, die es von 1929 bis 1934 gab, habe ich traurigerweise außerhalb von Giengen leider mehr falsche als echte gesehen“, beklagt Eßer, der den Vorfall umgehend der Firma Steiff meldete. Dort war man unsicher und ließ die Markenzeichen kriminaltechnisch untersuchen mit dem Ergebnis, das alle gefälscht waren. „Man muss schon wachsam sein“, mahnt Eßer, auf dessen Expertise sich hochkarätige Sammler aus aller Welt verlassen. Und selbst das Museumsarchiv der Firma Steiff schickt ihm in Zweifelsfällen eine kurze Mail mit einem Foto und der Frage: „Ist das von uns?“

Zweifaches Jubiläum

Die nächste Auktion von „TeddyDorado“ findet am 18. April 2020 in der Godesberger Stadthalle statt. „Das ist unsere 25. und von daher eine Art ‚Silberjubiläum‘“, sagt Carsten Eßer. Außerdem feiert das Unternehmen 10-jähriges Bestehen. Passenderweise hat er als Einlieferung aus dem Lager eines 1976 geschlossenen Spielwarenladens über 100 nagelneue Tiere erhalten. Darunter „Cosy Blanko“, ein Spitz aus Dralon®-Plüsch, der im Original-Pappkarton in Folie verpackt strahlend weiß geblieben ist. „Der zieht normalerweise im Regal stehend den Staub an, sodass sein schneeweißes Fell ergraut“, weiß Eßer und rechnet damit, dass sich der Startpreis von 30 bis 40 Euro am Ende verzehnfacht. „Das macht dann auch mir Freude, wenn ich so etwas Erstaunliches bieten kann.“

Er selbst besitzt kein einziges Steiff-Tier mehr. „Als ich ‚TeddyDorado‘ gegründet habe, beschloss ich, nicht mein bester Kunde zu sein und auch nicht in Versuchung geführt zu werden, meinen Kunden und Sammlern die besten Sachen vorzuenthalten“, so seine Begründung. Selbst wenn die Firma Steiff ihm aus Dankbarkeit etwas schenkt, verschenkt er es weiter.

Steiff Chef-Designer Dietmar Simon (re.) und Carsten Eßer mit dem Original und der Replik des „Black Jack“ im Geburtshaus von Margarete Steiff.

Blick in die Zukunft

An den Aufbau- und Auktionstagen wird Carsten Eßer von einem Team aus 20 bis 25 freien Mitarbeitern unterstützt, darunter seine Ehefrau und die beiden 14 und 16 Jahre alten Töchter. Sie sind zwar in das Thema reingewachsen, interessieren sich aber für andere Dinge. „Ich war auch nicht familiär vorbelastet und habe das machen dürfen, was ich wollte“, sagt der Familienvater, „und das sollen meine Kinder auch.“

Hinzu käme, dass „TeddyDorado“ schon sehr stark auf seine Person fixiert sei, räumt er ein. „Ich stehe mit meiner Kompetenz, Ehrlichkeit und Gradlinigkeit für den ganzen Ablauf ein.“ Das sei nicht so ohne weiteres übertragbar. Ebenso wenig sein umfangreiches Wissen, dass er sich über Jahrzehnte anhand der gesammelten Kataloge angeeignet hat, die jetzt in gut sortierten Hängeregistraturschränken griffbereit liegen. „Solche Sachen kann man nicht online recherchieren“, meint er. „Da besitze ich ein Spezialwissen, das man nicht kopieren kann.“

Der Steiff-Liebhaber zeigt sich zuversichtlich, „das Ganze auf jeden Fall über 65 Jahre hinaus“ zu machen und hat auch schon Ideen, wie er sein Unternehmen „altersgerecht“ umstrukturiert, wenn er die körperlich sehr anstrengenden Auktionen nicht mehr selbst abwickeln kann. „Dann werde ich einen Weg finden und komplett die Online-Schiene gehen.“

Martina Sondermann,
freie Journalistin, Bonn