„Nicht ausgebildet zu sein, ist ein schwerer Mühlstein.“

Interview mit Stefan Krause, Vorsitzender der Geschäftsführung Agentur für Arbeit Bonn

12.03.2018
Stefan Krause, Vorsitzender der Geschaeftsfuehrung Agentur fuer Arbeit BonnSeit dem 1. Februar 2018 ist Stefan Krause neuer Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bonn. Der Jurist ist seit 1993 in unterschiedlichen Positionen für die Arbeitsagentur tätig – immer im Rheinland und zuletzt in Bergisch Gladbach. Für „Die Wirtschaft“ blickt er einerseits als Arbeitsmarktexperte auf den Fachkräftemarkt in Bonn/Rhein-Sieg. Andererseits hat er noch den unverstellten Blick des Neuankömmlings.

„Die Wirtschaft“: Welche Besonderheiten sind Ihnen angesichts des Fachkräftemangels in Bonn/Rhein-Sieg sofort aufgefallen?

Stefan Krause: Die Region ist ein Eldorado für Menschen mit hoher Qualifikation. Wissensintensive Dienstleistungen werden von den beiden DAX-Konzernen, IT-Unternehmen, den Hochschulen, der UNO und anderen internationalen Organisationen stark nachgefragt. Das heißt im Umkehrschluss allerdings auch, dass Geringqualifizierte es nicht leicht haben.

In welchen Branchen sehen Sie einen besonders hohen Bedarf?

In Bonn fehlen Fachkräfte besonders in den IT-Berufen. In den Produktionsbetrieben des Rhein-Sieg-Kreises wird der Kunststoffformgeber stark nachgefragt. In anderen Berufen liegt die Region im Bundestrend. Besonders gesucht sind Fachkräfte in Pflege und Erziehung, Mechatronik und Automatisierung, Fleischerei und Bäckerei. Und wer eine neue Heizung braucht, muss unter Umständen ein ganzes Jahr darauf warten, denn die Sanitär-, Heizungs- und Klima-Branche sucht händeringend.

Einerseits wird das duale Ausbildungssystem Deutschlands weltweit gelobt. Andererseits haben wir einen eklatanten Fachkräftemangel. Wie konnte das passieren?

Wer eine duale Ausbildung absolviert, profitiert ein ganzes Berufsleben lang von deren Vorteilen. Proble-matisch wird es für diejenigen, die keine Ausbildung haben oder die nie in ihrem erlernten Beruf gearbeitet haben. Nicht ausgebildet zu sein, ist ein schwerer Mühlstein. Leider hat Ausbildung heute keinen hohen Stellenwert mehr. Wer vor 20 Jahren einen Ausbildungsvertrag unterschrieb, erntete Schulterklopfen. Heute fragen Gleichaltrige: „Was, du gehst arbeiten?“

Haben die Unternehmen es verschlafen, genug Fachkräfte aus- und weiterzubilden?

Einer Erhebung des Bundesinstituts für Berufliche Bildung (BIBB) zufolge bilden bundesweit drei Viertel der Unternehmen nicht aus. Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Viele Unternehmen haben den Zug der Zeit zu spät erkannt. Früher konnten sie sich die Bewerber aussuchen. Heute können die Bewerber sich ein Unternehmen aussuchen. Das müssen viele Unternehmen noch lernen. Für sie ist es sehr schwierig, verlorenen Boden wieder gut zu machen.

Der Höhepunkt der Flüchtlingswelle liegt zweieinhalb Jahre zurück. Ist es gelungen, geflüchtete Menschen auszubilden und in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Die Bundesagentur für Arbeit hat 2015 gesagt: „Das ist kein Sprint, das wird ein Marathon.“ Inzwischen sind wir höchstens bei Kilometer 25 angelangt. Denn ohne die deutsche Sprache geht es nicht. Es reicht nicht aus, Deutsch zu verstehen und zu sprechen. Viele Bewerber scheitern am Lesen und Schreiben. Die Durchfallquoten bei den Prüfungen der Deutschkurse sind hoch. Danach geben viele auf. Sie sollten durchhalten, viele Kandidaten sind es wert.

Wie wichtig sind Einwanderer, um den Fachkräftemangel zu beheben?

Wir benötigen eine bedarfsgesteuerte Zuwanderung von Menschen mit bestimmten Kompetenzen. Gerade in den wissensintensiven Berufen verabschieden sich in Bonn/Rhein-Sieg bald zahlreiche Arbeitnehmer in den Ruhestand. Wir haben zu wenig junge Menschen, um sie zu ersetzen. Mit geflüchteten Menschen lässt sich dieser Mangel nicht ausgleichen.

Wie stehen die Chancen, aus dem Kreis der Geringqualifizierten Fachkräfte zu gewinnen?

In Bonn/Rhein-Sieg sehe ich wegen der vielen Dienstleister in Gesundheit, Pflege und im öffentlichen Dienst bessere Chancen als in Regionen mit viel produzierendem Gewerbe. Doch Qualifizierung ist ein langer Weg von mehreren Jahren. Es gibt finanzielle und psychologische Hürden. Wer 20 Jahre lang in einem angelernten Beruf sein Auskommen hatte, steht mit Transferleistungen während der Qualifizierungsmaßnahme finanziell deutlich schlechter da. Reserven sind schnell aufgebraucht. Außerdem müssen viele Teilnehmer lernen, wieder zu lernen. Sie haben Angst, durch die Prüfung zu fallen.

Wie lassen sich diese Hürden nehmen?

Die Berater der Agentur für Arbeit und der Jobcenter brauchen dazu mehr als ein halbstündiges Beratungsgespräch. Wir müssen Stärken herausarbeiten und helfen, neuen Mut zu entwickeln. Das ginge durch Vorbereitungsmaßnahmen vor der eigentlichen Qualifizierung. Bei der Finanzierung gibt es mehrere Möglichkeiten. So fördern wir über das Programm WeGeBau Unternehmen, die Bewerber mit dem Potenzial einer Fachkraft beschäftigen, u.a. mit einem Zuschuss von etwa 50 Prozent des Lohnes.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, für "Die Wirtschaft"