„Regionale Herausforderungen lassen sich durch interkommunale Kooperationen überwinden.“

Interview mit Präsident Stefan Hagen zu den wirtschaftspolitischen Positionen der IHK Bonn/Rhein-Sieg

23.07.2020

Stefan Hagen, Präsident der IHK Bonn/Rhein-Sieg (Foto: B. Fromman)DIE WIRTSCHAFT: Herr Hagen, Corona hat in der Region für einen nie dagewesenen wirtschaftlichen Einbruch gesorgt. Wie geht es den Unternehmen aktuell?

 

Stefan Hagen: Viele Branchen sind nach wie vor stark betroffen und können noch nicht wirtschaftlich arbeiten. Hier kann ich beispielsweise Hotels, Restaurants, Messebauer oder auch Veranstaltungsagenturen nennen. Andere Unternehmen versuchen ausgefallene Umsätze aufzuholen oder müssen kurzfristig aufgenommene Kredite bedienen. Trotzdem gibt es auch einige Lichtblicke und viele Unternehmen schauen jetzt wieder optimistischer in die Zukunft.

In dieser schwierigen Phase stehen jetzt die Kommunalwahlen an. Die IHK hat aus diesem Anlass ihre Wirtschaftspolitischen Positionen verabschiedet. Was müssen Politik und Verwaltung hier bei uns konkret machen um den Unternehmen zu helfen?

 

Zunächst einmal ist uns bewusst, dass auch die Städte und Gemeinden durch die Coronakrise vor großen Herausforderungen stehen. Die Steuereinnahmen werden deutlich zurückgehen, gleichzeitig steigen die Ausgaben im sozialen Bereich. Um die Wirtschaft mittel- bis langfristig wieder auf Kurs zu bringen, sind trotzdem eine ganze Reihe von Maß-nahmen erforderlich.

Nennen Sie uns die drei wichtigsten Punkte?

 

Das ist natürlich nicht ganz einfach, aber ich will es versuchen. Zunächst bleibt der Ausbau und die Erneuerung der Infrastruktur eine gewaltige Aufgabe. An erster Stelle steht der Ausbau der Breitbandinfrastruktur. Um die Digitalisierung voranzutreiben und international mit-halten zu können, brauchen die Unternehmen Zugänge zum Internet, die dem aktuellen Stand der Technik entsprechen.

 

Das Thema Homeoffice kann nur ausgebaut werden, wenn auch im ländlichen Raum entsprechende Anschlüsse zur Verfügung stehen. Zudem muss hier das Thema Verkehr und die Erreichbarkeit der Arbeitsplätze und Innenstädte genannt werden.

 

Das Verkehrsaufkommen ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Dies kann nur mit einem vernünftigen Mobilitätsmix funktionieren. Der ÖPNV und P&R müssen ausgebaut und attraktiver werden, wir brauchen bessere Radwege und auch der Verkehr auf der Straße muss wieder ohne lange Staus fließen.

 

Außerdem benötigen die Unternehmen Flächen zur Ansiedlung und Erweiterung, die Fachkräfte bezahlbaren Wohnraum. Diese sich teilweise widersprechenden Ziele lassen sich nach meiner festen Überzeugung nur durch eine verstärkte interkommunale Kooperation erreichen.

Was wären die Punkte zwei und drei?

 

In der aktuellen Situation ist es für die Unternehmen besonders wichtig, dass die Rahmenbedingungen für Wachstum und Innovation stimmen. Hier will ich beispielhaft nur die Themen Kooperation Wirtschaft-Wissenschaft und die Förderung und Unter-stützung von Start-ups nennen. Auch hier spielt natürlich das Thema Digitalisierung eine bedeutende Rolle.

 

Neben dem schon genannten Breitbandausbau geht es hier auch um das notwendige Know-how, neue Technologien, Dienstleistungen, Netzwerke und Vertriebswege. Einen wichtigen Betrag hierzu leistet auch der Digital Hub.

 

Als letzten Punkt möchte ich noch die Situation auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt ansprechen. Die Unternehmen benötigen auch in Zukunft gut ausgebildete Fachkräfte. Hier muss schon in den Schulen und Kindergärten angesetzt werden. Die Kleinsten benötigen eine adäquate Betreuung, auch in Randzeiten. Die Schülerinnen und Schüler brauchen vernünftig ausgestattete, an die Digitalisierung angepasste Räumlichkeiten, mit entsprechenden Breitbandanschlüssen. Diese sind übrigens auch Voraussetzung für eine Beibehaltung oder Ausweitung des Anteils der Arbeitnehmer im Homeoffice.

Damit haben Sie die Forderungen der IHK zusammengefasst. Wo will die Kammer in den kommenden Monaten und Jahren besondere Akzente setzen?

 

Noch vor den Wahlen werden wir in einer Diskussionsrunde mit den Kandidatinnen und Kandidaten für die OB-Wahl in Bonn diskutieren. Dann freuen wir uns nach der Wahl auf den Austausch mit den neu gewählten Bürgermeister*innen, dem Landrat und den Fraktionen in den Räten.

 

Auch nach der Krise bleibt das Thema der interkommunalen und regionalen Ko-operation eines der Kernthemen. Unter anderem planen wir hierzu im kommenden Jahr gemeinsam mit der Bundesstadt und dem Rhein-Sieg-Kreis die Fortsetzung unserer Kooperationsoffensive. Auch die Themen Nachhaltigkeit, Ökologie und Ökonomie werden uns weiterhin stark beschäftigen.

 

Wirtschaftspolitische Positionen zur Kommunalwahl

Die Vollversammlung der IHK hat am 23. Juni 2020 neue Wirtschaftspolitische Positionen verabschiedet. In die Erstellung waren im Rahmen eines breiten Beteiligungsprozesses die Mitgliedsunternehmen, Wirtschaftsförderungen und Verwaltungen eingebunden. Die Positionen sollen der Politik als Richtschnur dienen und stellen die Legitimationsgrundlage für die politische und beratende Arbeit der IHK dar.

Ab 6. August finden Sie die aktuelle Version unter www.ihk-bonn.de | Webcode @2481.