Sonderkonjunkturbericht der IHK Bonn/Rhein-Sieg zum Frühsommer 2020

Corona: Schwerste Wirtschaftskrise seit 1945

25.05.2020

Der IHK-Konjunkturklimaindikator

In den vergangenen Wochen hat die Corona-Epidemie das öffentliche Leben in großen Teilen zum Erliegen gebracht und auch tiefe Einschnitte im Alltag vieler Menschen hinterlassen. Von den damit verbundenen Einschränkungen ist natürlich, trotz erster Lockerungen, auch die regionale Wirtschaft sehr stark betroffen. Der Kammerbezirk erlebt einen in dieser Form einmaligen Einbruch der Konjunktur.

Klimaindex, Lage und Erwartungen

Der IHK-Geschäftsklimaindex stürzt auf 67 Punkte ab. Dies bedeutet einen absoluten Tiefststand seit der Erhebung dieser Daten. In den vergangenen Jahren lag der Index immer deutlich über der 100-Punkte-Grenze.

Nach vielen Jahren des Aufschwungs und meist guter Entwicklung der Geschäfte bremsen das Coronavirus und die damit zusammenhängenden Maßnahmen des Lockdowns die regionale Wirtschaft massiv aus. Die Hälfte der Unternehmen bezeichnet seine aktuelle Geschäftslage als schlecht. Dem stehen nur noch 15 Prozent mit einer anhaltend guten Situation gegenüber. Bis zum Jahresbeginn waren immerhin 40 Prozent mit ihrer Situation zufrieden.

Da für viele Branchen zum Zeitpunkt der Umfrage (Ende April) noch immer keine Perspektive für eine Wiedereröffnung bzw. für eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen bestand, sind auch die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate sehr pessimistisch.
Jedes zweite Unternehmen rechnet mit einer weiteren Verschlechterung der Geschäfte, nur 18 Prozent erwarten eine Zunahme. Insbesondere im Gastgewerbe, in der Logistikbranche und im Einzelhandel sind die Aussichten sehr düster. Dazu trägt neben den gesetzlichen Beschränkungen auch die gesunkene Konsumlaune bei.

Beschäftigung, Innovation, Exporte

Der IHK-Beschäftigungsindikator zeigt deutlich nach unten. Ein Saldo von -32 Punkten deutet auf einen deutlichen Arbeitsplatzrückgang in den kommenden Monaten hin. 38 Prozent der befragten Unternehmen planen derzeit einen Personalabbau, nur sechs Pro-zent wollen ihre Beschäftigungsumfänge erhöhen.

Die negativen oder zumindest ungewissen Einschätzungen der nächsten Monate wirken sich auch stark bremsend auf die Investitionsbereitschaft aus. 58 Prozent wollen ihre Investitionen zurückfahren, nur noch zehn Prozent planen eine Erhöhung. Diese Entwicklung zieht sich durch alle Branchen, aber auch hier sind das Gastgewerbe und der Verkehrssektor besonders stark betroffen.

Durch die weltweite Ausbreitung des Coronavirus und die damit verbundene Unterbrechung vieler Logistikketten werden auch die Exporte aus unserer Region stark schrumpfen. Zwei Drittel der exportieren-den Unternehmen rechnen mit einem Rückgang der Ausfuhren.

Corona: Auswirkungen auf die Geschäfte

Auslöser für die beschriebenen Entwicklungen ist eindeutig die Corona-Pandemie. 84 Prozent der befragten Unternehmen spüren direkte negative Auswirkung auf ihre Geschäfte.

Dies bedeutet für zwei Drittel der Unternehmen eine geringere Nachfrage nach den eigenen Produkten und Dienstleitungen. Jeweils über 40 Prozent sind von der Absage von Messen und Veranstaltungen bzw. von der Stornierung von Aufträgen betroffen. 30 Prozent berichten von Liquiditätsengpässen und mehr als jedes fünfte Unternehmen muss sogar einen Stillstand der geschäftlichen Tätigkeit verkraften.

Die Erwartungen der Branchen zum Jahresbeginn 2020

Bezogen auf die erwarteten Umsätze für das Jahr 2020 bedeutet dies für 15 Prozent einen Einbruch von 50 Prozent oder mehr. 22 Prozent rechnen mit einem Rückgang zwischen 25 und 50 Prozent und weitere 27 Prozent kalkulieren mit einer Reduzierung der Umsätze zwischen 10 und 25 Prozent.

Wenn sich die Geschäfte kurz- bis mittelfristig nicht wieder verbessern, wird das für viele Unter-nehmen zwangsläufig in die Insolvenz führen. In den kommenden vier Wochen halten immerhin noch 78 Prozent bei den derzeitigen Rahmenbedingungen eine Insolvenz für ausgeschlossen oder unwahrscheinlich.
Sollte sich auch in den kommenden drei Monaten die Situation nicht verbessern, kalkulieren 14 Prozent mit einer Insolvenz. Nur noch jedes vierte Unternehmen hält auch in diesem Szenario eine Insolvenz für ausgeschlossen.

Bewertung der Unterstützungsmaßnahmen

Um der Wirtschaft durch diese Krise zu helfen, hat die Politik in den vergangenen Monaten zahlreiche Maßnahmen beschlossen. Bis jetzt hat knapp die Hälfte der antwortenden Unternehmen eine oder mehrere der zur Verfügung stehenden Hilfsmaßnahmen genutzt.

Am häufigsten werden aktuell das Kurzarbeitergeld und die Soforthilfe von Bund und Land genutzt. 72 Prozent der Unternehmen, die Hilfe angenommen haben, haben Kurzarbeitergeld beantragt. 67 Prozent haben einen Antrag auf eine Soforthilfe in Form eines Zuschusses gestellt. Fast 40 Prozent haben zudem die Möglichkeit genutzt und Steuerstundungen oder Herabsetzungen von Vorauszahlungen vereinbart.
Das Kurzarbeitergeld wird besonders in der Industrie und im Gastgewerbe genutzt. Die Soforthilfe erzielt im Verkehrssektor und bei den Dienstleistern die höchsten Beteiligungsquoten.

Sehr zufrieden sind die Unternehmen bisher mit den Verfahren zur Beantragung von Kurzarbeitergeld, der Soforthilfe und von Steuerstundungen. Bei den Themen Vergabe von Bankkrediten, Darlehen, Bürgschaften und Exportkreditversicherungen halten sich positive und negative Bewertungen jeweils in etwa die Waage.

Die Bewertung des Krisenmanagements auf den unterschiedlichen politischen Ebenen fällt durchaus differenziert aus. Mit einer Durchschnittsnote von 2,3 liegt die Bundesregierung ganz vorne. An zweiter Stelle folgt mit einer Durchschnittsnote von 2,7 die Landesregierung. Deutlich zurück fällt dagegen die Einschätzung der Politik in der Coronakrise auf EU-Ebene.

Der komplette Wirtschaftslagebericht kann als PDF-Datei (706 KB).