IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Das besondere Unternehmen: Schloss Drachenburg in Königswinter

Phantastische Wesen im Siebengebirge

Schloss Drachenburg in Königswinter (© IHK /Ursula Katthöfer)Schloss Drachenburg in Königswinter bildet das Tor zum Rhein. Der prachtvolle Bau aus dem 19. Jahrhundert wurde nach seiner Sanierung zum Anziehungspunkt für Besucher aus dem In- und Ausland.

Um 0:30 Uhr schlug die Alarmanlage an. Der Sicherheitsdienst rief Joachim Odenthal an, es könne ein Einbrecher im Schloss sein. Odenthal warf sich etwas über und sah nach. Am Vorabend hatte eine Gruppe amerikanischer Filmproduzenten im Schloss getagt. Odenthal wollte nachsehen, ob er einen US-Bürger aus der Not befreien müsse. Nein, Fehlalarm, das passiert schon mal.

Joachim Odenthal ist Geschäftsführer der Schloss Drachenburg gGmbH. Er wohnt im Schloss, sein Büro liegt in der Vorburg. „Ich lebe in einem Gemälde, das sich täglich verändert“, sagt er. Als der Betriebswirt vor 15 Jahren ans Schloss kam – damals noch in einer anderen Funktion – konnte er den Baustaub auf der Zunge spüren: Von 1995 an wurde das Schloss saniert und restauriert. Besucher konnten die Verwandlung von Vertäfelungen, Prunkdecken und Parkettfußböden live erleben. Die Sonderausstellung „Wegen Renovierung geöffnet“ zeigte die einzelnen Bauabschnitte. 2010 öffnete das restaurierte Schloss seine Pforten offiziell für das Publikum. Als die Drachenfelsspitze 2013 wiederhergestellt war, gingen die Besucherzahlen deutlich nach oben. Inzwischen bezeichnen Stammgäste es als „ihr Schloss“.

Exzentriker und ihre Ideen

Bauherr Stephan Sarter war nur der erste Exzentriker in einer langen Reihe von Besitzern, die Schloss Drachenburg mit unterschiedlichem finanziellen Erfolg nutzten. Sarter legte den Grundstein 1882. Er plante das Schloss als Wohnsitz im Siebengebirge, ohne jemals darin zu wohnen. Er blieb und starb in Paris.

Es folgten Besitzer, die aus dem Schloss eine Art Gesellschaftshaus mit Restaurant und zu besichtigenden Räumen (1903) machten, vergeblich einen Vergnügungspark (1910) planten, es als Genesungsheim für Frauen nutzten (1923) und in ein christliches Internat (1931) umwandelten. Im Zweiten Weltkrieg war das Schloss nationalsozialistische Eliteschule, bevor es zerstört wurde. Seit 1986 steht es unter Denkmalschutz.

Heute sind die NRW-Stiftung, die Stadt Königswinter und die Stiftung Naturschutzgeschichte Gesellschafter der Schloss Drachenburg gGmbH. Sie haben es zu einem Publikumsliebling gemacht. Allein 56.000 Menschen kamen 2016 an den vier Adventswochenenden zu „Einzigartige Weihnachtszeit“. So heißen die Veranstaltungen, in deren Mittelpunkt die Inszenierung von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte steht. Auch in diesem Jahr wird Hauptfigur Ebenezer Scrooge die Besucher ins 19. Jahrhundert entführen. Zusätzlich bieten etwa 40 Aussteller sowohl außergewöhnliches Kunsthandwerk als auch kulinarische Köstlichkeiten an.

Von Schtonk bis Babylon Berlin

Es kommen sowohl private Besucher aus der Region als auch Unternehmen aus aller Welt. Die Gäste besuchen das ganze Jahr über Führungen, nehmen an Team-Events und Tagungen teil. Sie besichtigen prunkvolle Räume wie das Nibelungenzimmer, das Speisezimmer oder die Kunsthalle, deren Bleiglasfenster im Zweiten Weltkrieg verloren gingen. Eines konnte dank einer Erbschaft rekonstruiert werden. Sein Blickfang sind die Maler Rubens, Dürer und Rembrandt.

Auch als Filmkulisse dient das Schloss. „Wir haben zwischen 15 und 30 Produktionen pro Jahr“, sagt Odenthal. Schon vor Jahren bildete es den Hintergrund für einen Ball in der Filmkomödie Schtonk um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Vor kurzem drehte Regisseur Tom Tykwer für die Fernsehserie Babylon Berlin.

Gut in Erinnerung blieb dem Schloss-Team die japanische Filmcrew, die einen Werbespot für den Reifenhersteller Bridgestone drehte. Die Hauptdarstellerin – ein Top-Star des japanischen Kinos – reiste mit ihrem Privatbutler an und freute sich über Flammkuchen. Denn Schloss Drachenburg bietet auch Catering an.

Reizvolle Drachenmythologie

„Wo ist der König?“, fragt der dreijährige Sohn von Constantin Gabrysch mehrmals täglich. Der kleine Kölner verbringt mit seinen Eltern einen Kurzurlaub in der Suite des Schlosses. Ein Bett im Turm, silberne Kerzenleuchter und ein herrschaftliches Wappen an der Wand – da muss es doch einen König geben. „Der ist verreist“, erklärt der Vater, „deshalb dürfen wir in seinen Gemächern wohnen.“

Schloss Drachenburg regt nicht nur die Phantasie von Dreijährigen an. „Es sieht aus wie das Cinderella- Schloss in Disney World Orlando. Das habt ihr abgeguckt“, meinte ein Mitglied der amerikanischen Filmcrew, die in Königswinter Aufnahmen für den Disney-Channel machte.

Die Chinesen fühlen sich von der Rheinromantik angezogen: „Goethe war am Rhein, Heinrich Heine, Lord Byron“, schwärmt Man-Ni Yang aus Taiwan. Sie lebt seit 1979 in Bonn und führt einen chinesischen Gast durchs Schloss, der wegen einer medizinischen Konferenz an der Universität Bonn ins Rheinland gekommen ist. Für ihn ist die Drachenmythologie reizvoll. „Im Abendland gilt der Drache als böse. In Asien wird er als Gott angebetet“, erläutert Yang.

Zuckerbrot und Peitsche

Während die Asiaten durch das glanzvolle Haupttreppenhaus hinauf zur Beletage schreiten, kommt ihnen eine Gruppe der DRK-Schwesternschaft entgegen. Die Schwestern haben sich von Fräulein von Rode, einer Gouvernante mit strengem Dutt und ganz in Schwarz, zum Thema „Zuckerbrot und Peitsche“ durch das Schloss führen lassen. So lautet nur eine der Themenführungen, für die Museumsführer in Kostüme schlüpfen. Bei der Tour „Harte Arbeit, schöner Schein“ geht es mit einem Dienstmädchen über Hintertreppen durchs Schloss, um Fußböden zu scheuern und Silber zu putzen.

Schloss Drachenburg ist und war von Anfang an eine Inszenierung. „Eigentlich ist es weder Schloss noch Burg“, sagt Geschäftsführer Odenthal, „sondern eine Villa.“ Eine Villa, die zum Träumen und zum Geschichtenerzählen einlädt. Das mag den Besucher darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der gGmbH um ein Unternehmen handelt, das wirtschaftlich arbeiten muss. Umso erfreuter ist Odenthal, dass das operative Geschäft im vergangenen Jahr durch die Einnahmen gedeckt wurde: „Wir haben die schwarze Null erreicht, sogar mit einem kleinen Überschuss. Das gelingt nicht jedem Kulturbetrieb.“

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

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