IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Die Nacht als Arbeitstag

Eine Reise von Hamburg nach Königswinter

Die Nacht als Arbeitstag (Fotomontage E. Mantouvalou/ylucheung, AdobeStock.com)Der Wirtschaftsstandort Bonn/Rhein-Sieg ist auch deshalb erfolgreich, weil in zahlreichen Unternehmen nachts gearbeitet wird. Sie gehören zu Branchen wie Logistik, Industrie, Verkehr, Gastronomie und Hotellerie, Gesundheitswesen, Bewachungsgewerbe und vielen anderen. Die Wirtschaft holt die Nachtarbeiter ans Licht.

15:08    Start in einer Postfiliale

Ein Dienstagnachmittag in der Weihnachtszeit. Schnei-
derin Inka Voss bringt ein Paket zur DHL Filiale Schanzenpost in Hamburg. Darin liegt eine handgenähte Tasche aus japanischen Stoffen. Nicht nur die Tasche ist unverwechselbar, auch das Paket. Denn bereits in der Filiale wird ein Strichcode aufgeklebt, der sogenannte Ident-Code. Die Reise kann beginnen.

Eine Kundin von Voss aus der Rheinallee in Königswinter hat die Tasche bestellt. In weniger als 24 Stunden und nach mehr als 600 Kilometern wird DHL-Zusteller Mohamad Shikh ihr das Paket aushändigen. Es kommt über Nacht. Eine Selbstverständlichkeit? Keineswegs. Hinter dem Transport steht ein ausgefeiltes logistisches System.

„Unternehmen, in denen nachts gearbeitet wird, machen unsere Wirtschaft effizient und produktiv“, sagt Prof. Dr. Stephan Wimmers, Geschäftsführer Handel, Verkehr, Tourismus und Kultur der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Menschen, die zwischen 23:00 und 6:00  Uhr arbeiten, tragen zur Standortsicherung bei, ob als Zerspanungsmechaniker im Dreischichtbetrieb, als Fahrer eines nächtlichen Schwertransports oder als Intensivschwester im Krankenhaus. „Zusätzlich zur Wirtschaftskraft ermöglichen diese Unternehmen unauffällig aber zuverlässig einen Komfort, den wir nicht als selbstverständlich betrachten sollten“, meint Wimmers.

18:41    Die erste Rutschpartie

Per Lkw trifft das Paket mit der Tasche aus japanischen Stoffen im Paketzentrum Hamburg-Allermöhe ein. In der Weihnachtszeit herrscht Hochbetrieb. „An den Tagen direkt vor Heiligabend rechnen wir mit neuen Rekordmengen von über 8,5 Millionen Paketsendungen täglich“, sagt Thomas Schneider, Produktionschef PeP bei der Deutschen Post DHL Group. Zu anderen Jahreszeiten sind es täglich 4,3 Millionen.

Im Paketzentrum Allermöhe laden DHL-Mitarbeiter den LKW aus und legen das Paket auf ein Transportband – mit dem Ident-Code und dem Adressaufkleber nach oben. Ein Scanner liest den Code aus und wandelt die handschriftlich geschriebene Adresse in einen weiteren Strichcode um. Von nun an kann jeder Scanner lesen, dass das Paket nach Königswinter soll. Um viele Kurven gelangt es per Transportband zur ersten Rutsche seiner Reise. An Tor 35 erhält das Paket einen kleinen Schubs und rutscht Richtung Container nach Neuwied – dem zweiten Paketzentrum seiner Reise.

Das Paket ist ein kleiner Baustein in der Wachstumsstrategie des Bonner DAX-Konzerns. Die Deutsche Post DHL Group hat auch im dritten Quartal 2017 den Umsatz deutlich gesteigert. Die Erlöse stiegen um 5,6 Prozent auf 14,6 Milliarden Euro. „Im boomenden Paketgeschäft in Deutschland sind wir die unbestrittene Nummer eins“, sagt Vorstandschef Frank Appel. Nicht nur das nationale, sondern auch das internationale Geschäft wächst. Appel hat die Vision der „Vereinigten Paketstaaten von Europa“. In 26 Staaten Europas ist DHL am Markt.

20:57    Auf zum Koffertausch

Der Lkw nach Neuwied startet mit zwei vollen Containern, in denen sich jeweils etwa 1.000 Pakete befinden. Etwa zur gleichen Zeit macht sich in Neuwied eine Fracht nach Hamburg-Allermöhe auf den Weg. Die beiden Fahrer treffen sich auf einer Autobahnraststätte zum sogenannten Koffertausch. Mitten in der Nacht übernimmt jeder Fahrer mit seiner Zugmaschine die beiden Container des anderen und fährt zurück zu seinem Standort.

„DHL betreibt 34 Paketzentren, die über ganz Deutschland verteilt sind. Alle sind gleich aufgebaut. Aus allen startet mindestens ein Lkw zu allen anderen 33 Zentren“, sagt Thomas Heimersheim, Leiter der DHL-Zustellbasis in Bonn-Buschdorf, in der das Hamburger Paket erst noch ankommen muss. Je nach Paketaufkommen werden mehr oder weniger Disponenten, Aufleger, Fahrer und Zusteller benötigt. „Wir spinnen das gesamte Paketnetz jeden Tag neu“, sagt Heimersheim.

Die meisten DHL-Beschäftigten, die nachts arbeiten, sind Männer. Für die Logistik-Branche ist das typisch. Im Gesundheitswesen hingegen übernehmen mehr Frauen die Nachtschichten. Insgesamt sind fast zwei Drittel der Beschäftigten in Wechselschicht mit Nachtschicht männlich. Meist haben sie einen niedrigen oder mittleren Bildungsgrad. Wer hochqualifiziert ist, sucht sich eher einen Job mit Tageslicht. Selbstständige Unternehmer haben ein etwas anderes Muster: Sie arbeiten häufig bis spät in den Abend hinein, nutzen aber die Nachtruhe. So die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

3:31    Kurzschichten zu nächtlichen Spitzenzeiten

Ausladen, scannen, rutschen – mitten in der Nacht wechselt das Paket erneut die Richtung. Über Tor 312 des Paketzentrums Neuwied gelangt es in den Lkw zur Zustellbasis Bonn-Buschdorf. Während der Westerwald im Dunklen liegt, treffen Lkws aus allen Himmelsrichtungen am hell erleuchteten Paketzentrum ein.

Von wenigen Stunden am Sonntag abgesehen ist es rund um die Uhr geöffnet. Nach 1:00 Uhr bis zum frühen Morgen ist besonders viel zu tun. Für diese Spitzenzeiten hat DHL Kurzschichten von wenigen Stunden eingerichtet. Die Mitarbeiter kommen kurz nach Mitternacht. Sie gehen zu Bett, wenn die ersten Westerwälder aufstehen.

7:58    Kinderfahrrad, Kaminholz, Katzenstreu

Zusteller Mohamad Shikh trifft in der Zustellbasis Bonn-Buschdorf ein. Mit etwa 25 Kollegen – alle in rot-gelber Dienstkleidung – holt er sich im Dispositionsraum Scanner, Drucker und Fahrtenbuch. Kurz darauf packt er sein Fahrzeug für den Zustellbezirk 776 in Königswinter. „Heute habe ich etwa 190 Pakete“, sagt der junge Mann, der erst vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland floh.

In den Regalen seines Fahrzeugs ordnet er große und kleine Pakete mit den Klebestreifen bekannter Onlinehändler, Aufdrucken angesagter Modelabels und bunten Weihnachtsaufklebern. „Es gibt fast nichts, was wir nicht transportieren“, sagt er. Kinderfahrrad, Kaminholz, Katzenstreu – alles ist möglich.

Als das schwächelnde Versandhaus Quelle 1999 mit Karstadt fusionierte und aus den Köpfen der Kunden verschwand, sah es für den Versandhandel schlecht aus. Den Anstoß zu einer neuen Blüte gab das Online-Auktionshaus eBay. Inzwischen wächst der Online-Handel seit Jahren kontinuierlich, und mit ihm DHL. Das Unternehmen entwickelte mehrere Neuerungen, damit seine Kunden möglichst bequem an ihre Pakete kommen.

2001 starteten die ersten Versuche mit Packstationen, an denen die Kunden Pakete rund um die Uhr abholen und einliefern. Heute können sowohl Versand- als auch Empfangskunden ständig online verfolgen, wo ihr Paket sich befindet. Sind sie nicht zuhause, reicht eine kurze Mitteilung an den Zusteller, bei welchem Nachbarn oder hinter welchem Blumenkübel ein Paket deponiert werden darf.

Die Deutsche Bahn AG hat das Nachsehen. Ihre Strukturen sind zu langsam für den flexiblen Transport über Nacht. Lkws, die schnell beladen werden können und auf relativ freien Autobahnen zügig vorankommen, sind nicht zu toppen.

14:26    Ankunft in der Rheinallee

Ein Mittwochnachmittag in der Weihnachtszeit. Eine handgenähte Tasche aus japanischen Stoffen erreicht ihre neue Besitzerin.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

(Die vollständige Titelgeschichte mit weiteren Reportagen und Informationen zur Nachtarbeit im Groß- und Einzelhandel, Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der Industrie lesen Sie in der PDF )

Zahlen und Fakten zur Nachtarbeit

Mit 80 Prozent arbeitet die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten üblicherweise zwischen 7 und 19 Uhr. Etwa 8 Prozent haben versetzte Arbeitszeiten zum Beispiel mit festen Früh- oder Spätschichten, die in die Nacht hineinreichen können. 7 Prozent arbeiten in Wechselschicht mit Nachtanteilen oder in Dauernachtschicht und 5 Prozent arbeiten in Wechselschicht ohne Nachtarbeit.
Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

In Deutschland wird überdurchschnittlich häufig nachts gearbeitet. Im Jahr 2016 waren es 8,6 Prozent der Erwerbstätigen. Der Anteil lag schon höher, wie der Blick auf die vergangenen 25 Jahre zeigt: 2007 arbeiteten 9,3 Prozent der Erwerbstätigen nachts, nur zwei Jahre später sackte der Wert nach der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise auf 8,2 Prozent.
Zum Vergleich: Im Euroraum liegt der Schnitt bei 6,7 % der Erwerbstätigen, in der EU bei 6,1 Prozent. Die Slowakei liegt mit Abstand an der Spitze (16,4 Prozent), Schlusslicht ist Polen (2,5 Prozent).
Quelle: eurostat

Die Wirtschaft

Aktuelle Ausgabe

Downloads

Ansprechpartner

Photo of Stephan  Wimmers

Geschäftsführer Handel, Verkehr, Tourismus und Kultur
Tel.: 0228 2284-142
Fax.: 0228 2284-223
Photo of Till  Bornstedt

Tel.: 0228 2284-145