IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


„Ein guter Beitrag zum Klimaschutz!“

Interview mit Professorin Dr. Stefanie Meilinger, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Professorin Dr. Stefanie Meilinger (© H-BRS, SFlessing)Das Internationale Zentrum für Nachhaltige Entwicklung (IZNE) an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS) ist interdisziplinär aufgestellt. Es ist in Lehre, Forschung und Beratung in Zusammenarbeit mit seinen internen und externen Partnern praxis- und unternehmensorientiert ausgerichtet.

Das Ziel ist die Schaffung einer Real- Werkstatt, einem Entstehungsort von Wissen für Reform-, Innovations- und Veränderungsprozesse. Nachhaltigkeit versteht das IZNE dabei mehrdimensional, nämlich als untrennbare Kombination ökonomischer, ökologischer und sozialer Fragestellungen.

Professorin Dr. Stefanie Meilinger lehrt und forscht seit 2013 an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und am IZNE Sie widmet sich insbesondere Nachhaltigkeitsaspekten regenerativer Energiesysteme. Außerdem hat sie an der Entwicklung des neuen Studienganges „Nachhaltige Ingenieurwissenschaft“ mitgewirkt. Bevor sie an die H-BRS berufen wurde, war sie unter anderem beim Deutschen Wetterdienst und der Lufthansa Systems AG beschäftigt.

Frau Professorin Meilinger, bei der Lufthansa haben Sie sich vier Jahre lang um „Environmental Flight Planning“ gekümmert. Ist die Luftfahrt dadurch ein Stückchen nachhaltiger geworden?

In der Tat trägt der Flugverkehr zum Klimawandel bei. Im Fokus der Öffentlichkeit stehen vor allem die CO2-Emissionen, die mit zirka zwei bis drei Prozent zur menschengemachten Erwärmung der Atmosphäre beitragen. Doch so einfach ist es nicht. Auch Kondensstreifen beeinflussen das Klima. Wir haben in vielen Untersuchungen erforscht, wo genau sich Kondensstreifen bilden und wie sich diese auswirken. Kondensstreifen können das Klima nämlich nicht nur erwärmen, sondern auch kühlen. Auf dieser Basis haben wir Flugrouten berechnet, die aufs Klima eher einen kühlenden Effekt haben, also die Erwärmung der Atmosphäre kaum begünstigen und ihr zum Teil sogar entgegenwirken.

Fliegen ist also umweltfreundlich?

Nein, es gibt ja noch weitere Umweltwirkungen und nicht nur den Einfluss auf das Klima. Aber durch das oben beschriebene Verfahren lassen sich die negativen Effekte aufs Klima deutlich reduzieren und zum Teil umkehren. Es ist schade, dass solche Ansätze nicht längst von der Politik aufgegriffen wurden und von den Luftfahrtunternehmen nicht viel systematischer genutzt werden.

Der Deutsche Wetterdienst war dann Ihre nächste Station.

Genau, dort habe ich in der Forschungskoordination gearbeitet. Damals startete dort gerade das Projekt „EWe-LiNE“, bei dem es um die möglichst exakte Vorhersage  von Wind und Sonnenstrahlung an einem bestimmten Ort geht, um so die Produktion an Wind- und Photovoltaikstrom besser vorhersagen zu können. Das ist wichtig für die Netzsteuerung oder für Ertragsprognosen im Zusammenhang mit Ausbauvorhaben von Windkraft- oder Photovoltaikanlagen. Solche Vorhersagen sind aber auch wichtig als Planungsgrundlage für den Ausbau von Energiespeicherkapazitäten. Dieses Thema – Energiemeteorologie – habe ich dann auch mitgenommen in meine jetzige Position an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Dort wirken Sie auch am Internationalen Zentrum für Nachhaltige Entwicklung. Was ist die Aufgabe dieses Instituts?

Es geht darum, auf wissenschaftlicher Ebene die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zu unterstützen. Dabei betrachten wir gesellschaftliche und technologische Veränderungsprozesse aus ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Sicht, deshalb verfolgen wir auch einen interdisziplinären Ansatz.

Welche Rolle spielt dabei nachhaltige Energie?

Eine zentrale Rolle! Ihr ist ein eigenes der UN-Ziele gewidmet. Wir wollen herausfinden, wie wir die Energieerzeugung in Deutschland so konzipieren können, dass sie ökologisch nachhaltig ist, aber eben auch ökonomisch machbar und gesellschaftlich überzeugend.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Zunächst einmal benötigen sie verlässliche Rahmenbedingungen. Es bedarf einer Zeit des Übergangs, weil Investitionen sorgfältig geplant und langfristig angelegt sein müssen. Gibt man ihnen diese Zeit, können sie ökologische Nachhaltigkeit in Einklang bringen mit wirtschaftlicher Nachhaltigkeit und Verantwortung gegenüber Beschäftigten und Gesellschaft.

Und dann klappt die Energiewende zugunsten des Klimaschutzes?

Davon bin ich überzeugt. Allerdings sehen wir immer deutlicher, dass sich auch technologisch noch viel tun muss. Wir brauchen beispielsweise riesige Speicherkapazitäten, dafür gibt es derzeit noch keine befriedigenden Lösungen. Wir an der H-BRS forschen derzeit an der Einbindung von Wasserstoffspeichern in regenerative Energieerzeugungsnetze. Wenn intelligent gespeichert werden kann, ist weniger Netzausbau nötig. Das wiederum würde die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende erhöhen.

Welchen Beitrag können Firmen denn jetzt schon leisten?

Viele Unternehmen setzen allein schon aus Kostengründen auf Energieeffizienz. Am besten ist ein systematischer Ansatz. Als erstes müssen sie – das ist technologisch ziemlich einfach – exakt und dauerhaft ihren Strom-, Wärme- und Wasserverbrauch ermitteln. Die nächsten Schritte sind eine genaue Steuerung des Verbrauchs und die Ermittlung von Einsparpotenzialen. Sodann kann man darüber nachdenken, wie sich erneuerbare Energien nutzen lassen, etwa in Form einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der Produktionshalle. Je nach Standort bietet sich auch die Möglichkeit mit anderen Firmen zu kooperieren, etwa zum Wärmeaustausch. Das wird bereits in einigen Industrieparks gemacht. Und weshalb beim Fuhrpark nicht auf E-Autos umsteigen, gespeist von dem Strom, den man vielleicht selbst erzeugt?

Das alles rechnet sich?

Ja. Energieeinsparung plus Kopplung von Wärme, Strom und Gas plus Kooperation – das ist wirtschaftlich sehr attraktiv und ein guter Beitrag zum Klimaschutz!

Was bedeutet das alles eigentlich für den Ingenieurnachwuchs, den Sie ausbilden?

Just in diesem Herbst startete bei uns der neue Studiengang „Nachhaltige Ingenieurwissenschaft“. Da kommen Elemente aus Elektrotechnik und Maschinenbau zusammen mit Aspekten der Nachhaltigkeit. Die Studierenden lernen, neue nachhaltige Produkte und regenerative Systeme zu entwickeln, aber auch eine Ökobilanz zu erstellen oder einen Business-Plan zu entwickeln. 60 junge Menschen haben sich für das neue Angebot entschieden, davon 30 Prozent Frauen. Wir hoffen auf viele neugierige Unternehmen hier in der Region, die zum Beispiel Praktikumsplätze anbieten. Dieser Studiengang ist in Deutschland ziemlich einmalig, wir sind ein bisschen stolz darauf.

Lothar Schmitz, Wirtschaftsjournalist, Bonn

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