IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


„Jugendliche wissen noch viel zu wenig über das Berufsleben“

Interview Sabine Baumann-Duvenbeck, Viktor Baumann GmbH & Co. KG

Sabine Baumann-DuvenbeckDie Viktor Baumann GmbH & Co. KG, spezialisiert auf Schwertransporte und Autokrane, bildet in den Berufen Kaufmann/-frau für Spedition und Logistikdienstleistung, Kaufmann/-frau für Büromanagement und Mechatroniker/-in für Nutzfahrzeuge aus.

Sabine Baumann-Duvenbeck ist geschäftsführende Gesellschafterin des Unternehmens mit Sitz in Bornheim und Vize-Präsidentin der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Sie appelliert an Wirtschaft und Politik, bei der Suche nach Auszubildenden neue Wege zu gehen.

„Ausbildung ist doch nur was für Hauptschüler.“ So denken viele Teenager, die das Abitur anstreben und studieren wollen. Was ist da falsch gelaufen?

Politik und Gesellschaft haben das Studium in den vergangenen Jahren sehr gepuscht. Den jungen Menschen wird vorgegaukelt, dass sie als Akademiker über eine höhere Ausbildung verfügen und mehr Geld verdienen als Handwerker oder der klassische Kaufmann. Doch viele gehen mit falschen Erwartungen ins Studium. Als Folge haben wir heute zahlreiche Sachbearbeiter mit akademischem Abschluss. Selbst wer Medizin studiert, verdient möglicherweise weniger als ein Industrie-
meister.

Wissen Schüler zu wenig über das Berufsleben, das auf sie zukommt?

Ja, die meisten kennen die Berufe ihrer Eltern sowie die typischen Berufe aus dem Fernsehen: Arzt, Anwalt oder Polizist. Einen Job als Profiler in einer US-Großstadt finden sie toll. Aber so ist das Berufsleben nun einmal nicht.

Es gibt bereits zahlreiche Programme, um Schule und Wirtschaft enger zu verknüpfen. Was fehlt?
Berufsfelderkundungs- und Projekttage sind prima. Doch es müsste mehr Praktika geben, auch an den Gymnasien. Schülerinnen und Schüler brauchen mehr Gelegenheit, um sich auszuprobieren. Meine jüngere Tochter hat z.B. ein Praktikum in einem Seniorenheim gemacht. Am letzten Tag hat sie fast geweint, weil sie gern geblieben wäre. Damit hatten wir vorher nicht gerechnet.

Wie könnte mehr für die duale Ausbildung geworben werden?
Die Bundesregierung macht viele Kampagnen. Wir brauchen auch eine Kampagne für die duale Ausbildung. Auch die Unternehmen sollten umdenken. In vielen Großunternehmen wird ein Studium erwartet, wo eine duale Ausbildung mindestens ebenso sinnvoll wäre. In mittelständischen Familienunternehmen ist eher das Praktische gefragt. Leider werden sie immer weniger.

Beim Projekt Ausbildungsbotschafter werben Auszubildende in Schulen für die Ausbildung. NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann möchte das erfolgreiche Projekt beenden. Das Geld werde benötigt, um dem Ausbildungskonsens NRW neue Impulse zu geben. Eine gute Entscheidung?
Ich finde das sehr engstirnig. Diese Idee wird den heutigen Anforderungen an den Fachkräftemangel nicht gerecht. Im Gegenteil: Die Ausbildungsbotschafter leisten wertvolle Arbeit, da
sie die Schüler sehr gut erreichen. Sie sprechen deren Sprache, sind nur wenige Jahre älter. Das macht sie so überzeugend für die Jugendlichen. Die Vollversammlung der IHK hat daher auch beschlossen, auf die Landesregierung einzuwirken um den Ansatz im Übergang Schule-Beruf fortzuführen.

Kommen wir zu Viktor Baumann: Welche Strategien verfolgen Sie, um gute Auszubildende zu finden?

Wir probieren Formate wie Tage der offenen Tür, Speed-Dating und Ausbildungsmessen aus. Sehr gute Erfahrungen haben wir beim Tag der offenen Tür in der Europaschule Bornheim gemacht. Die beiden Mitarbeiterinnen an unserem Stand wurden fast überrannt, weil das Interesse riesig war. Wir denken auch darüber nach, über das Programm Relaunch your Career der IHK Bonn/Rhein-Sieg Studienaussteiger zu Kaufleuten für Büromanagement auszubilden.

Haben Sie als Vizepräsidentin der IHK Bonn/Rhein-Sieg Empfehlungen an andere Unternehmen?
Ich könnte mir gut vorstellen, dass mehrere Unternehmen aus einem Stadtteil oder einem Gewerbegebiet einen gemeinsamen Präsentationstag ausrichten. Man könnte einen Bus chartern und interessierte Schülerinnen und Schüler zu einem Kennenlerntag einladen. Entscheidend ist, dass wir auf die Schüler zugehen.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

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