IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Netzwerk bonn.realis: Wirtschaft und Wissenschaft brauchen einander

Interview mit Prof. Dr. Brigitte Petersen und Dr. Alexander Ellebrecht

Dr. Alexander Ellebrecht und Prof. Dr. Brigitte PetersenDie hohe Dichte an Forschungseinrichtungen in der Region Bonn/Rhein- Sieg und die unmittelbare Nähe zu möglichen Kooperationspartnern gilt als einer der wichtigsten Standortfaktoren. Zugleich halten viele Wissenschaftsvertreter regionale Kooperationen für weiter ausbaufähig. Welcher Grad an gelingender Zusammenarbeit erreicht werden kann, zeigt das Beispiel von bonn.realis (www.bonnrealis.de).

In diesem Netzwerk wirken Wissenschaftseinrichtungen, regionale Wirtschaftsfördergesellschaften, Unternehmen, Verbände und Bundeseinrichtungen zusammen. Ein wichtiger Schwerpunkt: die Sicherheit von globalen Lebensmittel- und Futtermittelwarenströmen.

Über das Miteinander von Wirtschaft und Wissenschaft sprachen wir mit bonn.realis-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Brigitte Petersen, Professorin für Präventives Gesundheitsmanagement an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn, und Dr. Alexander Ellebrecht, Prokurist des Bonner IT-Unternehmens ChainPoint GmbH.

„Die Wirtschaft“:
Frau Professorin Petersen, Sie sind Tierwissenschaftlerin, Ihr Spezialgebiet ist Forschung zum präventiven Gesundheitsmanagement. Herr Dr. Ellebrecht, Sie sind Prokurist in einem Bonner IT-Unternehmen. Wenn Sie nicht zufällig im selben Tennisverein spielen, dann würden Sie sich im „normalen Leben“, jenseits von Clustern und Netzwerken, vermutlich niemals begegnen. Wie kommen eine Tierwissenschaftlerin und ein IT-Spezialist an einen Tisch?

Prof. Dr. Brigitte Petersen: Herr Dr. Ellebrecht, bitte lüften Sie das Geheimnis!

Dr. Alexander Ellebrecht: Wir sitzen an einem Tisch, weil ich bei Frau Professor Petersen promoviert und zuvor schon meine Diplomarbeit geschrieben habe. Es stellt sich also eher die Frage: Wie bin ich als Agrarwissenschaftler zur IT gekommen?

Also?

Ellebrecht: Frau Petersen hat schon früh gesagt: Wenn wir das Tiermanagement optimieren und dabei möglichst alle Landwirte einbeziehen wollen, müssen wir Vernetzung zwischen allen Stufen der Wertschöpfungskette herstellen. Die Idee stammt von ihr – und ich bin dann in die IT-Branche gewechselt, habe mir das notwendige Wissen angeeignet, um sie umzusetzen.

Wie kommt man auf die Idee, ein Cluster wie bonn.realis zu identifizieren und als aktives Netzwerk zu entwickeln?

Petersen: Das Besondere hier am Standort Bonn ist: Wir haben als einzige Universität in NRW eine Landwirtschaftliche Fakultät, die sich allen Facetten rund ums Lebensmittel widmet, aber auch der Gestaltung des ländlichen Raums. Auch Geodäsie und Geoinformatik sind hier vertreten. Meine Professur ‘Präventives Gesundheitsmanagement‘ ist sogar einmalig in Deutschland. Dabei spielen auch humanmedizinische und hygienische Aspekte eine Rolle – auch diese Disziplinen sind an der Universität Bonn vertreten. Dieses Zusammenkommen unterschiedlicher wissenschaftlicher Strömungen rund um die Sicherheit globaler Lebensmittel- und Futtermittelwarenströme ist allein schon ein ungewöhnliches Cluster.

Doch wollen wir nicht nur Forschungsergebnisse erzielen, sondern sie in anwendungsorientierte Lösungen überführen. Dazu kommt es verstärkt auf IT und Telekommunikation an, weil sich die Landwirtschaft und globale Lebensmittelproduktion immer stärker digitalisieren. Als wir uns deshalb hier in Bonn umschauten, stellten wir schnell fest, dass sich hier im Laufe der Jahre viele spannende IT- und Telekommunikationsunternehmen angesiedelt haben, die zu uns passen.

Ihr Unternehmen, Herr Dr. Ellebrecht, passt somit perfekt zu bonn.realis.

Ellebrecht: In der Tat. Wir bei ChainPoint sind überzeugt, dass Zusammenarbeit und Informationsaustausch in der Lieferkette Voraussetzung für die effizientere Produktion von qualitativen, sicheren und nachhaltigen Produkten sind. Produzenten und Markeninhaber wollen einerseits eine durchgehende Produktversorgung sicherstellen, andererseits ist heute mehr Transparenz gefordert, Warenströme müssen sich lückenlos rückverfolgen lassen.

ChainPoint hat eine sichere Online-Software-Plattform für die Verwaltung und Weitergabe von Informationen über Produkte, Prozesse und Lieferanten entwickelt – vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt. Mit dieser Software und unseren Dienstleistungen helfen wir Unternehmen bei der Verbesserung von Qualität und Nachhaltigkeit sowie der Senkung von Kosten und Risiken. Und ermöglichen den Datenaustausch mit Organisationen wie etwa Fair Trade oder FSC, aber auch staatlichen Kontrollstellen. Es geht dabei auch um Krisenprävention – und Krisenbewältigung. Mit einem gut strukturierten und organisierten Datenfluss ist das wesentlich einfacher.

Wer wirkt denn bei bonn.realis alles mit?

Petersen: Ganz grundsätzlich erlaubt es unsere Mitgliederstruktur, eine Innovationskette von der Grundlagenforschung über die Konzeption und Entwicklung neuer Produkte, Prozesse und Dienstleistungen, ihre Erprobung in Pilotprojekten bis zur Markteinführung zu schließen.

Auf Seiten der Forschung wirken die Universität Bonn, die UN-Universität und die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg jeweils mit mehreren Instituten mit. Außerdem einige Fraunhofer-Institute aus der Region sowie ZB Med, die Zentralbibliothek des Landbaus, und das Food-NetCenter Bonn, eine Forschungseinrichtung innerhalb der Uni Bonn, die ihrerseits eine Forschungsgruppe aus drei Fakultäten repräsentiert.

Zur Konzeption und Entwicklung erweitert sich der Kreis dann um IT-Unternehmen wie ChainPoint, Systementwickler und weitere spezifische Dienstleister für die Agrar- und Ernährungswirtschaft. Zusätzliche Akteure treten für die pilotmäßige Erprobung und den Wissenstransfer hinzu, bevor es dann zur Implementierung, Anwendung und Vermarktung kommt in Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft, im Lebensmittelhandel, in Logistikunternehmen sowie in der öffentlichen Verwaltung, im Verbraucher- und Zivilschutz.

Die Hochschulen haben sich also stark geöffnet?

Petersen: Auf jeden Fall. Zum einen hat sich der Druck erhöht, öffentliche Fördermittel einzuwerben. Mittlerweile sind alle EU-Programme so ausgerichtet, dass Forschungseinrichtungen mit Firmen kooperieren müssen, um gefördert zu werden. Die Wertschöpfungskette der Innovation bis hin zur Anwendung muss dargestellt werden. Das kann eine Hochschule allein nicht leisten.

Zum anderen können Innovationen nur entstehen, indem viele Akteure ihr Know-how kombinieren und dabei auch langfristige Strukturen über eine Förderperiode von Projektlaufzeiten von drei Jahren hinaus geschaffen werden, um Entwicklungen auszuprobieren und umzusetzen.

Weshalb ist für ein Unternehmen wie ChainPoint so wichtig einem derartigen Cluster anzugehören?

Ellebrecht:
Erstens stimmen die thematischen Schwerpunkte mit unserem Tun und den Bereichen überein, in denen unsere Kunden angesiedelt sind. Zweitens erhalten wir innerhalb des Cluster-Netzwerks viele wertvolle Informationen, die uns beispielsweise helfen, uns als Unternehmen weiterzuentwickeln und Zukunftsfelder zu identifizieren.

Die Zusammenkünfte innerhalb des Netzwerks sind für uns hochgradig effizient. Allein für sich ist es für ein Unternehmen viel schwieriger Innovationen zu entwickeln. Wir brauchen die Wissenschaft – und die Wissenschaft braucht die Wirtschaft.

Wie sieht denn die Zusammenarbeit im Cluster ganz praktisch aus?

Ellebrecht:
Für uns als Unternehmen sind die regelmäßigen Treffen ganz wichtig. Die werden stets sehr gut vorbereitet und generieren einen Mehrwert.

Petersen: Mindestens zwei Mal im Jahr gibt es einen solchen Jour fixe. Anfang Juli fand bereits das 21. Treffen statt. Es lädt stets ein Akteur ein und stellt zunächst sich und sein Tun vor. Im Anschluss findet ein intensiver Austausch statt.

Wie netzwerken Sie zwischen den Treffen?

Ellebrecht: Die Frage ist berechtigt, denn natürlich sollte es nicht beim Reden bleiben. Deshalb: Das ganze Jahr über laufen ja Förderprojekte, in denen unterschiedliche Akteure des Clusters kooperieren.

Wie wichtig ist Ihnen denn der Austausch mit anderen Unternehmen innerhalb des Netzwerks?

Petersen: Die Firmen hier ergänzen sich gut, deshalb profitieren sie sehr von dem Austausch mit und untereinander. Ohne bonn.realis wären die Unternehmen zwar auch am Standort, es wäre aber viel umständlicher, sich zu den sechs Leitthemen von bonn.realis untereinander auszutauschen.

Das Netzwerk bietet einen strukturierten und auch geschützten Rahmen dafür. Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass das FoodNetCenter der Universität Bonn dabei den größten Beitrag leistet, dass das Netzwerk zusammenbleibt und langsam wächst.

Können Sie bei ChainPoint denn nicht auch selbst forschen und entwickeln und Ideen bis zur Marktreife und Umsetzung vorantreiben?

Ellebrecht: Natürlich geht das. Wir haben eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung und sind da gut aufgestellt. Aber: Unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit wird durch die Kooperation im Rahmen von bonn.realis viel effizienter. In den Gesprächen mit Forschern und anderen Unternehmen bekommt man ein Gefühl dafür, welche Innovationen Chancen im Markt haben.

Das ist für die eigene Arbeit ganz elementar, lässt sich aber nicht mal eben durch eine Recherche im Internet herausfinden.Durch den Austausch im Netzwerk können wir Ideen und Innovationen viel besser bewerten. So gelangen Erkenntnisse in unsere Projekte, die zu deren Erfolg beitragen.

Und was können Sie, Frau Professor Petersen, als Wissenschaftlerin den Unternehmen bieten?

Petersen:
Forschung ist ja im Grund per se international vernetzt. Es gibt im Grunde kein wichtiges Forschungsprojekt, in dem nicht Wissenschaftler in vielen Ländern mitwirken. Wir bieten also internationale Expertise. Und zwar verteilt auf viele und immer neue und kluge Köpfe – nämlich die zahlreichen Absolventen der Hochschulen. Diese wiederum können interessant sein als Nachwuchs- und Führungskräfte für die an unseren Projekten beteiligten Firmen.Unser „Produkt“ aus den Hochschulen sind die vielen Absolventen, die für Firmen und Institutionen in der Region den demografischen Wandel leichter machen.

Ellebrecht: Das stimmt. ChainPoint hat einige gute Mitarbeiter, die einst auf Seiten der Wissenschaft an bonn.realis-Projekten beteiligt waren. Etwa die Leiterin unseres Qualitätsmanagements. Das ist effiziente Personalakquise.

Lothar Schmitz, Wirtschaftsjournalist, Bonn