Die größeren Betriebe machen weiter

Interview mit Wolfgang Löhrer

Wolfgang Lährer kümmert sich bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg um die Anträge von UnternehmenWenige Tage nach der Flutkatastrophe hat die IHK Bonn/Rhein-Sieg ein internes Team zur Unterstützung der betroffenen Unternehmen abgestellt. Eine telefonische und eine E-Mail-Hotline standen zur Verfügung. Und die Informationen im Netz wurden täglich aktualisiert. Wolfgang Löhrer ist einer von zwei Mitarbeitern, die sich schwerpunktmäßig um die Anträge der Unternehmen auf finanzielle Hilfen kümmern.

Die viele Anträge haben die Geschäftsleute in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis denn insgesamt gestellt?

Wolfgang Löhrer: Wir haben bisher nur 55 Anträge bekommen. 40 davon sind von der NRW.Bank schon bewilligt worden. Eigentlich hätten wir mit viel mehr Andrang gerechnet. Das kann aber noch kommen. Denn das Portal ist noch bis zum 30. Juni 2023 offen. Viele sind mit privatem Vermögen in Vorleistung gegangen, damit die Sanierung schnell geht. Andere mussten extrem lang auf Gutachter warten, um den Antrag in Angriff nehmen zu können. Die kommen jetzt.

Die Gutachter kamen mit der Arbeit nicht hinterher. Dazu kommt, dass in vielen Betrieben Fachwissen nötig ist, um einzuschätzen, wie hoch der Schaden ist. Zum Beispiel wenn Maschinen zum Einsatz kommen.

Das ist richtig. Deshalb haben wir schon früh eine Liste gemacht mit Gutachtern, die solche Aufträge übernehmen können. So mussten die Unternehmerinnen und Unternehmer nicht unnötig lange herumtelefonieren. Trotzdem gab es teils lange Wartezeiten.

Die Anträge scheinen ja doch etwas komplizierter zu sein als ursprünglich angekündigt. Wie können Sie da unterstützen?

Wir besprechen mit den Leuten, welche Unterlagen sie brauchen und können auch beraten, wo man diese neu beantragen kann. Vieles ist ja in der Flut verloren gegangen. Liegt der Antrag auf dem Tisch, prüfen wir ihn auf Vollständigkeit und fügen ein Begleitschreiben bei. So weiß der Sachbearbeiter bei der NRW.Bank, dass die IHK schon vorgeprüft hat. Mit diesem Vorgehen machen wir und natürlich auch die Unternehmen in unserem Kammerbezirk sehr gute Erfahrungen.

Was wird im Einzelnen erstattet? Es geht ja immerhin um 80 Prozent der Schadenssumme.

 Es gibt zwei Arten von Hilfen. Zum einen geht es um Reparaturen und Sanierung von beschädigten Wirtschaftsgütern. Das muss mit Kostenvoranschlägen oder Rechnungen nachgewiesen werden. Zum anderen kann man Einkommenseinbußen geltend machen. Dazu muss man den Zeitraum vom 15. Juli 2021 bis zum 15. Januar 2022 mit den letzten fünf Jahren vergleichen. Die Differenz wird ebenfalls zu 80 Prozent erstattet.

Wie reagieren die Unternehmen auf die in Aussicht gestellten Hilfen?

Bei denen, die den Antrag stellen, ist die Hoffnung groß, damit wieder gut starten zu können. Gleichzeitig bleibt die Angst, dass man plötzlich doch etwas zurückzahlen muss. Das ist aber bisher noch nicht vorgekommen. Was allerdings klar sein muss: Man bekommt den Zeitwert der Gebäude und Gegenstände ersetzt, nicht den Neuwert.

Was ist denn, wenn der Antrag läuft und die Versicherung dann doch bezahlt?

In diesem Sonderfall muss natürlich das Geld zurückbezahlt werden. Aber es steht ja dann von anderer Seite zur Verfügung. In einigen wenigen Fällen gab es schon eine Überkompensation. Wenn die Versicherung zum Beispiel 83 Prozent des Schadens bereits gezahlt hat, hat sich der Antrag erledigt.

Können Sie einschätzen, wie viele Geschäftsleute nach der Flut nicht wieder den Betrieb aufnehmen werden?

Die größeren Betriebe machen alle weiter. Bei den kleineren schätze ich, dass etwa zehn Prozent der Unternehmen in der bisherigen Form nicht weiter geführt werden. Entweder die Leute verlagern sich auf neue Geschäftsfelder, suchen sich irgendwo eine Anstellung oder sie waren sowieso schon im Rentenalter und möchten nicht noch einmal neu anfangen. Allen, die noch überlegen, wie der Weg hin zu einem Neuanfang sein kann, möchte ich aber sagen: Wir sind auch weiterhin für sie da. Mit Beratung und Unterstützung.

Interview: Marion Theisen, freie Journalistin, Bonn