Nach der Flut: Solidarität auf allen Ebenen

Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli hat in Swisttal und Rheinbach vieles verändert. Die sonst so beschaulichen Flüsse Swist und Orbach wurden zu reißenden Strömen. Vor allem Heimerzheim und Odendorf waren von der Flut stark betroffen. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer überlegen nun, ob und wie sie ihr Geschäft wieder aufbauen sollen.

„Man steht vor den Trümmern und weiß nicht, was man machen soll. Wo man anfangen soll. Und ob man das überhaupt schafft.“ Jörg Freyer, der mit seiner Frau Astrid das Café von Sturm in Odendorf betreibt, sieht die Verwüstung in seinem Haus erst zehn Tage nach der Katastrophe. So lange war das Paar mit vielen anderen Odendorfern evakuiert.

Einen großen Motivationsschub gaben ihnen die vielen Helfer, die in den ersten Wochen mit anpackten. Nun aber stehen die großen Aufgaben an: Mit den Versicherungen verhandeln, finanzielle Hilfen beantragen und Handwerker sowie Material für den Wiederaufbau organisieren. Das Café ist seit 1912 in Familienbesitz. Und so soll es auch bleiben.

„Zu meiner Frau habe ich gesagt: Lass uns jetzt nach vorne schauen, den Kopf mal frei bekommen“, so Freyer. Sein Privathaus ist zurzeit nicht bewohnbar, der Schaden liegt bei etwa 300.000 Euro. Für das Café sieht es etwas besser aus. Hier liegen erste Schätzungen bei 80.000 Euro. Zusammen mit ihrem 22-jährigen Sohn und der Schwiegermutter wohnen Jörg und Astrid Freyer jetzt über dem Café. Einen Raum haben sie an andere Flutopfer vermietet. Man rückt zusammen, in der Not.

Normalität: möglichst schnell möglichst viel

Wilfried Rang hat seit 20 Jahren eine Fahrschule im Herzen von Heimerzheim. In der Flut standen die Kellerräume komplett unter Wasser, das Archiv-Material ist hinüber. Die Schulungsräume waren allerdings schon kurz nach der Katastrophennacht wieder nutzbar; dort stand das Wasser nur fünf Zentimeter.

Deshalb und aus Solidarität mit den anderen Gewerbetreibenden engagiert sich Rang seit Mitte Juli dafür, dass Heimerzheim den Weg zurück in die Normalität schafft. 70 Unternehmer haben sich nun zusammengeschlossen, tauschen sich regelmäßig aus und gewinnen dadurch neuen Mut.

Vor allem wünschen sich die Betroffenen Planungssicherheit für alle weiteren Schritte. „Die Leute sind jetzt müde und abgekämpft, müssen teilweise auch wieder arbeiten gehen. Eigentlich müsste die Gemeinde jetzt übernehmen“, so Wilfried Rang. Dass diese die Kosten für die Schuttcontainer nicht übernehmen will, hält er für keinen guten Anfang.

Unterstützung durch die IHK

Die IHK Bonn/Rhein-Sieg ist sich der Sorgen der Unternehmerinnen und Unternehmer bewusst. Regina Rosenstock, Gesamtbereichsleiterin der Unternehmensförderung, stellt mit ihrem Team zu jeder Zeit die aktuellsten Informationen zur Verfügung (siehe Info-Kasten unten).

Aber auch die seelische Dimension des Unglücks spielt eine große Rolle: „Wir wollen Verständnis schaffen für die Not der betroffenen Unternehmen in Swisttal und Rheinbach. Sie haben ja schon in Corona eine harte Zeit gehabt. Und jetzt müssen sie alle Kräfte, die sie eigentlich gar nicht haben, nochmal einsetzen“, so Rosenstock. Natürlich bietet die Kammer ihren Mitgliedern Stundungen oder Ratenzahlungen ihres IHK-Beitrags an.

Die IHK vermittelt auch Fachleute für Hilfsmittel, Fördermittel und Kredite. Grundlegend wichtig ist aber auch, sich schon jetzt Gedanken über die Zukunft zu machen: Wie sollen Häuser so aufgebaut, Kanalsysteme so saniert und Infrastrukturen so eingerichtet werden, dass nicht beim nächsten Hochwasser wieder alles zerstört wird.

Eine weitere Überlegung ist, zusammen mit anderen IHKs Unternehmen in der Region so  miteinander zu vernetzen, dass von der Flut betroffene Selbstständige einen vorübergehenden Arbeitsplatz finden. Eventuell soll dafür auch die Börse für Unternehmens-Nachfolgen genutzt werden. Damit die kleinen Zentren im Rhein-Sieg-Kreis ihren Charme behalten und für die Bürgerinnen und Bürger auch weiter Versorgungssicherheit besteht.

Rhein-Sieg-Kreis richtet Wiederaufbau-Stab ein

Das ist auch Dr. Hermann Tengler von der Wirtschaftsförderung des Rhein-Sieg-Kreises sehr wichtig: „Die Unternehmen müssen neben den Wiederaufbauleistungen möglichst schnell wieder Einnahmen erzielen.“ Vor allem in seinen Gesprächen mit Einzelhändlern und Gastronomen aus den betroffenen Gebieten erlebt er viel Verzweiflung. Einige sagen, dass ihnen die Kraft zum Weitermachen fehle.

Der Kreis hat einen Wiederaufbau-Stab eingerichtet, der Mitte August die Arbeit aufgenommen hat. Er ist direkt dem Landrat unterstellt und kann so möglichst schnelle Entscheidungen fällen.

Tengler hofft auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Land NRW und der Bundesregierung. Der nun beschlossene Wiederaufbaufonds von 30 Milliarden Euro sei da schon ein positives Signal. „Wichtig ist, dass die ersten Gelder nun auch schnell eingesetzt werden. Die Menschen und die Unternehmen brauchen Perspektiven und Planungssicherheit für den Neuanfang.“

Mitte Juli kann die Bahn S23 zwischen Bonn und Euskirchen nicht fahren. Betroffen sind davon unter anderem rund 13.000 Pendler, die jeden Morgen nach Bonn fahren. Diese Infrastruktur, aber auch die zerstörten Brücken und Straßen sowie die Autobahn 61, müssen möglichst bald wieder hergestellt werden, um den Unternehmern, aber auch den Bürgern in der Region ihre Mobilität wieder zu geben.

Von der Flut verschont

Darauf hofft auch die Union Betriebs GmbH in Rheinbach. Das Unternehmen betreibt ein Rechenzentrum, in dem Datenbanken vieler Kunden lagern; außerdem gibt es einen Verlag und eine Druckerei. Die Halle liegt direkt neben dem Campus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Diese ist von der Flut so schwer betroffen, dass noch nicht klar ist, wann dort wieder Studierende die Labors und Hörsäle nutzen können.

Die Union Betriebs GmbH ist dagegen mit einem blauen Auge davongekommen, so Geschäftsführer Jürgen von Meer. „Offenbar hat uns das große Kellersystem der Hochschule gerettet. Das fasst so viel Wasser, dass es zu uns nicht mehr kam.“

Probleme gab es dennoch, denn die Server fielen auch beim IT-Dienstleister aus. Die Telekom hat sie auf andere Leitungen geschaltet. Nach 24 Stunden war der Spuk vorbei. Nun bietet die Union Betriebs GmbH den umliegenden Firmen Hilfe an. Die Mitarbeitenden werden freigestellt, um zu Hause oder bei anderen Betroffenen mit anzupacken.

Wer am Park von Schloss Miel vorbeispaziert, könnte meinen, auch dort wäre schon wieder alles in Ordnung. Der Golfplatz ist zum großen Teil wieder bespielbar; im Restaurant erinnert ein brauner Streifen in 1,20 Meter Höhe an den Hochwasserpegel von Mitte Juli.

Aber der Schein trügt, so Geschäftsführer Alexander Thelen: „Das Restaurant muss kernsaniert werden, da behelfen wir uns im Moment mit einem Imbiss- und einem Getränkewagen. Wie wir an Geld, Handwerker und Material kommen, wissen wir bisher noch nicht.“

Unbürokratische Lösungen stoßen auf Skepsis

Die 35 Mitarbeitenden sind zum Teil in Kurzarbeit, helfen aber jeden Tag mit. Und auch von freiwilligen Helferinnen und Helfern gab es jede Menge Unterstützung. An die unbürokratischen Lösungen, die die Politik nun angekündigt hat, mag Alexander Thelen hingegen nicht so recht glauben: „Wenn ich so etwas höre, gehen bei mir direkt die Alarmglocken an. Nachher werden die Regeln wieder geändert und man ist plötzlich doch nicht mehr berechtigt, die finanzielle Unterstützung zu bekommen.“

Nun ist es an Politik und Verwaltung zu zeigen, was und vor allem wie schnell sie helfen können. Mit der Soforthilfe, einer Aussetzung der Insolvenzantragspflicht und dem versprochenen Fluthilfefonds der Bundesregierung sind die ersten Schritte getan.

Die IHK und sicher auch alle Unternehmerinnen und Unternehmer aus den betroffenen Regionen werden das weiter beobachten, eigene Ideen einbringen und ihre Rechte vertreten.

Marion Theisen, freie Journalistin, Bonn

 

Hier erhalten Sie Unterstützung

IHK-Hotline zur Hochwasserkatastrophe: 0228 2284-228

Unter www.ihk-bonn.de | @3787 finden Sie alle relevanten Informationen für Unternehmen zur Hochwasserkatastrophe, unter anderem:

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