R-Cycle bringt Kunststoff in die Kreislaufwirtschaft

Initiative für Nachhaltigkeit

Mülltrennung spielt in Deutschland eine große Rolle. Allerdings wird aus diesem getrennten Müll lange nicht alles recycelt. Was die gelbe Tonne angeht, sind es gerade einmal sechs Prozent, die gleich- oder höherwertig wiederverwertet werden. R-Cycle möchte das ändern. Die Firma Reifenhäuser hat das Konsortium 2020 ins Leben gerufen. Jetzt öffnet es sich für alle Unternehmen.

Es geht um Nachhaltigkeit. Und es geht um Digitalisierung. Zwei Themen, die die Wirtschaft nicht nur in Bonn und dem Rhein/Sieg-Kreis zurzeit sehr beschäftigen. Die Firma Reifenhäuser aus Troisdorf baut Maschinen für Folien und Vlies-Stoffe und muss sich, ebenso wie ihre Kunden, für die Zukunft aufstellen. So entstand eine Idee, die bald um die ganze Welt gehen könnte.

R-Cycle steht dafür, dass alles aus Kunststoff bald einen digitalen Produktpass haben soll. Alle Unternehmen, die an Produktion, Verkauf und Entsorgung von Kunststoff beteiligt sind, können dann über ein digitiales Wasserzeichen oder einen QR-Code ganz schnell Informationen über das Material bekommen: Aus welchen Stoffen besteht es? Woher kommt es? Wofür wurde es verwendet? Auch für Handels-Unternehmen und nicht zuletzt für den Endverbraucher sind solche Daten interessant. Zeigen sie doch, ob alle am Herstellungs- und Entsorgungsprozess Beteiligten auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit achten.

Transparenter Datenfluss im Produktkreislauf

Dr. Benedikt BrenkenDer Datenfluss zwischen Produktion und Entsorgung führt dazu, dass alle Kunststoffverpackungen, die aus einem sortenreinen Material bestehen, immer wieder recycelt werden können: Eine Chipstüte zum Beispiel, die einen entsprechenden Code enthält, kann von den Sortiermaschinen der Entsorgungsunternehmen automatisch und eindeutig einer Kunststoffart zugewiesen werden. Daraus entsteht ein sortenreines Granulat, das wiederum zu Chipstüten in gleicher Qualität verarbeitet werden kann. Problem bisher: So eine eindeutige Zuordnung ist bei den meisten Verpackungen und Plastikprodukten nicht möglich. Es kommt zum Downcycling, etwa in Form von Abwasserrohren, Parkbänken oder schwarzen Plastiksäcken. Kunststoffabfall enthält oft auch andere Stoffe, die nicht herausgefiltert werden können. Ist zu viel davon enthalten, wird der Kunststoff verbrannt. In Deutschland sind das bisher rund 65 Prozent.

R-Cycle, das diese Kreislaufwirtschaft ermöglichen soll, ist im Moment noch in der Entwicklungsphase. Seit Mitte 2020 arbeiten 13 Maschinenbau-Firmen aus Deutschland an der neuen Technologie für das datenbasierte Recycling. Im Laufe dieses Jahres sollen nun auch das produzierende Gewerbe und große Marken mit an Bord kommen. Diese so genannte Community entwickelt das System dann bis zur Marktreife und stellt es allen anderen Unternehmen zur Verfügung. „Für uns ist das ein sehr wichtiger Schritt“, so Alina Ott, Projektmanagerin bei Reifenhäuser. „Die Produzenten am Markt bringen ihre Perspektive ein. Für uns ein guter Input, um das System zur Marktreife zu bringen.“

Internationaler Standard ab 2025

Parallel laufen Verhandlungen mit dem Unternehmen GS1, das auch im ursprünglichen Konsortium dabei war. GS1 Deutschland ist Teil eines Netzwerks von Non-Profit-Organisationen, die für unternehmensübergreifende Prozesse weltweite Standards entwickeln, aushandeln und pflegen. Die nationale Anwendungsempfehlung auf Basis von R-Cycle könnte bis Ende dieses Jahres stehen, schätzt Alina Ott. Der internationale Standard soll dann 2025 in Kraft treten können. Dass die in vielen Jahren ausgearbeitete Idee und Technik später für alle Unternehmen nutzbar sein soll, stört die Mitglieder des R-Cycle-Konsortiums nicht.

Thomas Hartkämper„Wir als Industrie müssen Verantwortung übernehmen“, sagt Thomas Hartkämper, Geschäftsführer von Kautex Maschinenbau und Mitdenker von R-Cycle. „Kunststoff ist einer der nachhaltigsten Werkstoffe. Allerdings nur dann, wenn wir das Recycling auch ernst nehmen.“ Kautex habe sich schon seit Jahren für die Nachhaltigkeit gut aufgestellt, sagt er weiter. Nicht zuletzt, weil auch Politik und Kunden das so verlangten. So zählt der digitale Produktpass zu den Vorschlägen der EU-Kommission zur Umsetzung des so genannten Green Deal. Mit ihm will die Europäische Union die Treibhausgasemissionen senken und bis 2050 auf Null bringen. Kautex sei dankbar dafür, zusammen mit den Firmen Arburg und Brückner als so genannte „First Mover“ von Reifenhäuser ausgewählt worden zu sein. Durch die Zusammenarbeit im Konsortium haben die Unternehmen in ein neues Beziehungsniveau erreicht. Und durch den regelmäßigen Austausch profitieren alle.

Der Aufwand lohnt sich

Warum der Aufwand sich für die Unternehmen lohnt, dazu nennt Hartkämper ein Beispiel: Ein Kunde der Firma Kautex baut aus den gelieferten Kunststoffen Kajaks. Die halten lange, daher war Recycling bisher nicht das Hauptthema des Unternehmens. Vielleicht freuen sich aber seine Kunden, die die Kajaks kaufen oder mieten, wenn sie wissen, dass der Hersteller sich für eine nachhaltige Produktion und Entsorgung einsetzt. Der QR-Code auf den Kajaks zeigt, dass der Kunststoff in Deutschland hergestellt wurde, dass er zum Beispiel schon drei Mal recycelt ist und dass das Kajak als Ganzes wiederum recycelt werden kann.

Um diesen Kreislauf zu ermöglichen, hat sich die Kunststoffindustrie noch ein anderes Thema auf die Agenda gesetzt: Es sollen mehr Verpackungen auf den Markt kommen, die aus nur einem Material bestehen. Wenn in Schichten mehrere Materialien zusammenhängen, können die Sortiermaschinen sie nicht richtig zuordnen. Ein Recycling in gleicher Qualität ist nicht möglich. Auch zu Druckfarben und Klebstoffe müssen entsprechende Informationen im Code hinterlegt sein.

Ausgezeichnete Idee

Für seine Offensive in Richtung Kreislaufwirtschaft hat R-Cycle schon in der Entstehungsphase einen wichtigen Preis bekommen: 2021 ging der Deutsche Award für Nachhaltigkeitsprojekte in der Kategorie „Verpackung“ an das Konsortium. Für 2022 sind die 13 Unternehmen für den Deutschen Innovationspreis Klima und Umwelt (IKU) nominiert. Die Zeit ist reif für diese neue Idee, meinen auch Alina Ott von Reifenhäuser und Thomas Hartkämper von Kautex Maschinenbau. Und wenn wir in einigen Jahren das R-Cycle-Zeichen auf Lebensmittelverpackungen und anderen Produkten sehen, dann wissen wir auch: Das ist Fortschritt made in Bonn/Rhein-Sieg.