Fachkräfte-Engpässe in vielen Berufen

Interview mit Stefan Krause, Agentur für Arbeit Bonn

Ob nun im produzierenden Gewerbe, im Verkauf oder im Dienstleistungsbereich: Fachkräfte werden im Moment überall händeringend gesucht. Über die aktuelle Situation und über Lösungsmöglichkeiten haben wir mit Stefan Krause gesprochen, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung bei der Agentur für Arbeit Bonn.

IHK: In welchen Berufsgruppen suchen die Unternehmen zurzeit am dringendsten?

Stefan Krause: Besondere Engpässe gibt es im Bereich Gesundheit und Soziales. Aber auch in den Bereichen IT, Bau, Produktion und Fertigung oder auch im Einzelhandel wird dringend gesucht. „Engpass“ heißt übrigens, dass es durchschnittlich weniger als drei Bewerbungen pro Stelle gibt. Wenn im Durchschnitt weniger als eine Bewerbung kommt, spricht man von einem „Mangel“.

IHK: Was empfehlen Sie den Unternehmerinnen und Unternehmern in der Region?

Stefan Krause: Wenn sie wissen, dass sie demnächst eine freie Stelle haben, sollten sie die zum einen direkt bei der Agentur für Arbeit melden. Zum anderen aber auch selbst möglichst früh mit der Suche anfangen. Unsere Erfahrung zeigt, dass sie häufig unterschätzen, wie lange es dauert, bis die Suche nach qualifizierten neuen Mitarbeitenden Erfolg hat. Diese Zeit, in der Stellen unbesetzt bleiben, nennen wir Vakanzzeiten. Die liegen in Bonn für die Fachkräfte bei 125 Tagen. Im Rhein-Sieg-Kreis sind es 143 Tage.

IHK: Gute Planung ist das eine. Aber die Unternehmen müssen sich ja auch ins rechte Licht rücken, um attraktiv für die Bewerberinnen und Bewerber zu werden. Wie machen sie das am besten?

Stefan Krause: Tatsächlich ist es so, dass das Bewerbungsverfahren genau umgekehrt läuft wie noch vor einigen Jahren: Die Firmen bewerben sich bei den Bewerbern. Dafür wäre es ratsam, auch die eigene "innere Haltung" gegenüber den Bewerbenden zu reflektieren. Die Zeiten, in denen man jemanden eingestellt hat und dafür Dankbarkeit und Treue erwartete, sind definitiv vorbei. Daher sollten Unternehmen schon auf ihrer Homepage und auch in den Stellenanzeigen deutlich machen, was sie den Bewerberinnen an Mehrwert bieten können. Dazu gehören auch Möglichkeiten zur Weiterbildung, familienfreundliche Arbeitszeiten und Nachhaltigkeit.

IHK: Sagen wir mal, dass ich das als Unternehmerin alles schon biete. Und trotzdem keine neuen Mitarbeitenden finde. Was dann?

Stefan Krause: Selbst auszubilden, ist auf jeden Fall der stärkste Hebel, um die passenden Fachkräfte für die Zukunft zu finden. Viele Firmen nehmen diese Botschaft auch schon sehr ernst. Dennoch sind es im Jahr 2019 bundesweit nur 19,6 Prozent der Unternehmen, die selbst ausbilden. Das muss mehr werden. Mindestens so viel, dass alle ausbildungswilligen und –fähigen Schülerinnen und Schüler ein Angebot erhalten können. Um die jungen Leute schon früh auf sich aufmerksam zu machen, empfehlen wir, Praktikumsplätze anzubieten. Oder bei den Speeddatings von der Agentur für Arbeit und der IHK mitzumachen.

IHK: Die Zahl der Ausbildungsplätze ist im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen, um 3,5 Prozent. Die Zahl der Bewerbungen sogar noch mehr (6,4 Prozent). Welchen Einfluss hat Corona auf die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsmarkt?

Stefan Krause: Die Pandemie hat hier sicherlich einen verstärkenden Einfluss. Viele Berufsorientierungsmessen und Beratungen konnten nicht stattfinden. Wir sind zwar häufig auf Online-Formate ausgewichen. Manche Bewerberinnen und Bewerber konnten wir damit aber nicht erreichen. Trotzdem ist die Pandemie nicht die grundlegende Ursache des Rückgangs der Bewerbenden für die duale Ausbildung. Vielmehr ist Bonn/Rhein-Sieg schon über Jahre hinweg eine Region, in der viele einen höheren Schulabschluss anstreben. Überdurchschnittlich viele Jugendliche machen Abitur und gehen dann ins Studium. Sie und auch ihre Eltern wissen nicht, dass es mit einer klassischen Ausbildung ganz hervorragende Berufs- und Aufstiegschancen gibt.

Das Interview führte Marion Theisen, freie Journalistin, Bonn

 

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