Jemand sollte es tun, warum nicht wir?

Interview mit Stefan Maier von Prior1

Stefan Maier ist Unternehmer und KlimaschützerFrüher mochte Stefan Maier, der Geschäftsführer von Prior1, schnelle Autos und hat sich über Treibhausgase nicht so viele Gedanken gemacht. Seit der Geburt seiner Tochter im Jahr 2000 sieht er das anders. Ein Buch hat ihn schließlich zum radikalen Umdenken gebracht. Prior 1 mit Sitz in Sankt Augustin baut sichere und energieeffiziente Umgebungen für Rechenzentren. Das Interview führte Marion Theisen.

Was war denn das für ein Buch, das diesen Wandel bei Ihnen angestoßen hat?

Stefan Maier: Es war „Die Entscheidung Kapitalismus versus Klima“ von der kanadischen Journalistin Naomi Klein. Darin geht es nicht nur um den CO2-Ausstoß, sondern sie fordert eine Umstellung des kompletten Wirtschaftssystems. Und dazu stellt sie auch mögliche Lösungen vor. Als ich das 2014 gelesen habe, konnte ich meinen Panzer des Verdrängens nicht länger aufrechterhalten und ich habe vieles in meinem Leben geändert. Das zeigt sich natürlich auch in meinem Unternehmen.

Was hat sich seit der Lektüre konkret geändert?

Stefan Maier: Ich fliege nicht mehr und habe privat auch kein Auto. Außerdem bin ich vom Vegetarier zum Veganer geworden. Ehrenamtlich engagiere ich mich bei Greenpeace, damit verbringe ich viel Zeit. Es ist manchmal wirklich irritierend, wie schwer es ist, andere Menschen in Richtung Klimaschutz mitzunehmen. Denn wir wissen doch seit Jahrzehnten, was da passiert. Jemand sollte etwas tun! Warum nicht wir?

Und in der Firma?

Stefan Maier: Umgebungen für Rechenzentren zu bauen, ist ein ziemlich energieintensives Geschäft. Daher setzen wir zum einen auf Strom aus regenerativen Energien, zum anderen auf ökologische Baustoffe. Natürlich kostet das für die Kunden erst einmal etwas mehr. Die meisten sind aber schnell überzeugt. Und mittelfristig sparen sie ja auch Energie. Ein Problem bleibt die Kühlung für die Klimaanlagen, die die Geräte aber unbedingt brauchen. Da sind wir auf der Suche nach innovativen Lösungen.

Ein Mitarbeiter checkt die Verbindungen im RechenzentrumGanz zentral ist für uns das Mobilitätskonzept von Prior1. Wir reisen mehr als eine Million Kilometer pro Jahr und hatten das große Ziel, die CO2-Emissionen dafür stark zu reduzieren. Das ist uns gelungen: Die Mitarbeitenden bekommen Prämien, wenn sie kleinere Autos wählen, die mit Elektromotor laufen. Eine Tanksäule haben wir im Unternehmen. Wer ganz aufs Auto verzichtet, bekommt eine Bahncard 100 für die erste Klasse.

Wie sehen das ihre 70 Mitarbeitenden? Sind die alle auf Ihrer Linie?

Stefan Maier: Natürlich denken da nicht alle so kompromisslos wie ich. Dazu kann man auch keinen zwingen, wir sind ja keine Sekte. Wir können nur Einladungen und Angebote machen. Der erhobene Zeigefinger nutzt gar nichts. Und ein Umdenken braucht Zeit. Vor kurzem hat die Frau eines Mitarbeiters mir erzählt, dass ihr Mann zu Hause nun ein neues Wertesystem in Sachen Klimaschutz eingeführt hat. Mülltrennung war da großes Thema. Und den Jeep holen die beiden kaum noch aus der Garage.

Rechnet sich das ökologische Denken und Handeln auch ökonomisch?

Stefan Maier: Ich denke, das wird sich mittelfristig in den Kosten aufheben. Wir investieren im Moment zwar viel in die ökologische Nachhaltigkeit. Aber wir haben durch diese Ausrichtung auch schon große Aufträge bekommen von Unternehmen, die darauf achten wollen und nicht viele Angebote am Markt gefunden haben.

In Rechenzentren muss die Umgebung kühl und keimfrei sein.Außerdem unterstützen die meisten unserer Mitarbeitenden unsere Linie. Viele sind sogar genau deshalb bei Prior1 oder bewerben sich bei uns. Diese Konstanz in der Mitarbeiterschaft ist auch ein ökonomischer Vorteil. Wir müssen nicht ständig neue Leute suchen und einarbeiten.

Ihre Werte und die Entwicklung der Firma machen Sie regelmäßig in Ihrer Gemeinwohl-Bilanz deutlich. Was steht da alles drin?

Stefan Maier: Da geht es natürlich um ökologische Nachhaltigkeit. Aber auch um Solidarität und Gerechtigkeit sowie um Transparenz in den Unternehmensentscheidungen. Man schaut auf die Lieferketten und auf mögliche Beiträge zum Gemeinwesen. All das muss eine Firma leisten, um in unserem Sinne nachhaltig zu sein. Die Bilanz erarbeiten wir partizipativ mit unseren Mitarbeitenden. Das ist zwar zeitlich recht aufwendig, aber es macht uns und den Menschen, die für uns arbeiten, vieles deutlich.

Was planen Sie für die nächste Zeit?

Stefan Maier: Wir haben beschlossen, ab 2023 keine Kältemittel mehr einzusetzen. Das braucht man bis jetzt für kleine bis mittelgroße Klimaanlagen, aber die CO2-Bilanz ist katastrophal. Im Moment nehmen wir viel Geld in die Hand, um alternative Lösungen zu finden. Denn wenn das nicht gelingt, werden wir mehrere Millionen Euro Umsatz pro Jahr verlieren. Dennoch: Unser Entschluss steht fest.