Von alten und neuen Geschäften

Interview mit Stefan Lütke, Vorsitzender des Gewerbevereins Swisttal

Gut 100 Unternehmen haben sich im Gewerbeverein Swisttal zusammengeschlossen. Viele von ihnen waren von der Flut im Sommer vergangenen Jahres betroffen. Einige kämpfen noch immer mit den Folgen, andere haben sich neu erfunden. Über die aktuelle Situation haben wir mit Stefan Lütke gesprochen, dem Vorsitzenden des Gewerbevereins und Mitglied der IHK Vollversammlung.

IHK: Wie ist die Lage für die Unternehmerinnen und Unternehmen in Swisttal gut ein Jahr nach der Flut?

Stefan Lütke: Viele Menschen sind geschäftlich und privat betroffen. Als Eigentümer oder auch als Mieter. Und viele von ihnen kämpfen mit den psychischen Folgen der Flut. Einige bekommen Panik, wenn es anfängt zu regnen. Es sind auch Menschen aus dem Ortskern rausgezogen, um mehr Sicherheit zu haben. In Heimerzheim war ja der gesamte Ortskern überflutet. Wir hatten bis vor kurzem ein Containerdorf. Der letzte Container ist im September dieses Jahres abgeholt worden.

IHK: Es war ja schon kurz nach dem Ereignis schnelle und unbürokratische Hilfe zugesagt worden. Wie kam die an?

Stefan Lütke: Die Soforthilfe in Höhe von 5.000 Euro lief schnell an. Aber die Anträge, die nötig sind, um die 80 Prozent der Schadenssumme aus dem Fonds zu bekommen, sind ziemlich kompliziert. Die ganze materielle Abwicklung bisher hat sich unendlich hingezogen. Typisch bürokratisch. Einige Anträge sind zwar schon durch. Aber bei keinem schlimm betroffenen Betrieb kamen bisher alle Hilfen an. Die Leute sind mit ihrem Privatvermögen in Vorleistung gegangen oder haben in aller Eile hohe Kredite aufgenommen. Die waren ja damals Gott sei Dank noch günstiger. Aber je länger alles dauert, desto höher klettern jetzt die Baukosten.

IHK: Wie konnten und können Sie als Gewerbeverein helfen?

Stefan Lütke: Hauptsächlich, indem ich Vermittler bin. Einige Unternehmerinnen und Unternehmer kannten anfangs das Beratungsangebot der IHK noch nicht. Da konnte ich informieren. Und auch wir haben uns immer auf dem neuesten Stand gehalten, um den Leuten vor Ort Mut zu machen und Tipps zu geben. Die hatten ja anderes zu tun als die Nachrichten bis ins Kleinste zu lesen. In einer WhatsApp-Gruppe haben wir uns mit 70 betroffenen Unternehmen vernetzt. So lief die Kommunikation gut und schnell. Und alle hatten die wichtigsten Infos.

Wir tragen die Situation der Betroffenen in die kommunale Politik hinein. Die Zusammenarbeit mit Bürgermeisterin und Wirtschaftsförderung ist sehr gut. Und wir haben Veranstaltungen zusammen mit der IHK angeboten. Die fanden teils hier vor Ort statt, teils per Videokonferenz. Die Katastrophe Corona ist ja auch noch nicht vorbei.

IHK: Haben sich einige Geschäfte nach der Flut verändert?

Stefan Lütke: Die Betreiberin eines Sportladens hat ihr Geschäft nach der Flut auf Hybrid umgestellt. Sie macht viel mehr online und hat nur noch ein kleineres Ladenlokal. Ein Automobilzulieferer ist aus dem Ortskern raus an den Ortsrand gezogen. Eine Frau führt ihr Reisebüro nun vom heimischen Arbeitszimmer aus. Und der Betreiber eines Möbelladens wollte eigentlich in zwei Jahren in Rente gehen. Der Laden war schlimm betroffen von der Flut. Und der Mann steht jetzt vor den Trümmern seiner Existenz.

IHK: Waren viele nicht versichert?

Stefan Lütke: Nur etwa ein Viertel der Geschäftstreibenden hier hatten eine Elementarversicherung. Und selbst dann ist es noch fraglich, ob sie zahlt. Da laufen noch viele Verhandlungen. Und einige haben schon angekündigt, noch einen Antrag auf Hilfen aus dem Flutfonds zu stellen. Das geht bis zum 30. Juni 2023.

IHK: Wo sehen Sie Swisttal in zehn Jahren?

Stefan Lütke: In Heimerzheim hoffe ich, dass der Ortskern wieder so viele Läden bekommt wie zuvor. Hier entsteht im Norden ein neues Geschäftszentrum, das ihnen Konkurrenz macht. In Odendorf, das auch schwer betroffen war, wird es ein paar Veränderungen geben. Aber das Zentrum wird weiter lebendig bleiben. Und in Buschhoven kaufen viele Leute außerhalb ein. Dort gibt es keine Gewerbeflächen. Es soll aber bald ein Dorfladen kommen.