Stabil erfolgreich

Wirtschaftsfaktor Wachstum

Team Johannes Gerstaecker VerlagTeam Johannes Gerstäcker VerlagFachkräftemangel, Investitionszurückhaltung, schwache Konjunktur: Viele Unternehmen treten auf die Bremse. Andere nicht. Sie investieren, erschließen neue Märkte, entwickeln Produkte weiter oder stellen ihr Geschäftsmodell infrage. Vier Beispiele aus der Region zeigen, welche Strategien dahinterstecken. 

„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ – mit diesem Spruch beschreibt Stefan Brauweiler, einer der beiden Geschäftsführer der Rheindesign GmbH in Rheinbach, eine wichtige Erkenntnis aus seinem Unternehmeralltag. Schon bei der Gründung des Unternehmens im Jahr 2016 bewiesen Uwe Federholzer und er viel Mut. Seit sechs Jahren war Brauweiler mit seinem damaligen Kollegen Federholzer in einem renommierten Betrieb beschäftigt, der die Inneneinrichtung von Apotheken und Arztpraxen plante. Eine plötzliche Krankheit und kurz darauf der Tod des Chefs. Den beiden war direkt klar: „Das können wir auch selbst!“ und Rheindesign wurde gegründet.

Den Markt verstehen

„Das große Plus war von Anfang an, dass wir den Markt kannten und der Markt uns. Die Auftragsbücher waren direkt gut gefüllt.“ Dabei blieb es nicht: Rheindesign entwickelte sich zum Rundum-Dienstleister. Das Planungsbüro berät, setzt selbst oder mit festen Partnern die Einrichtungen um und unterstützt auf Wunsch auch beim Marketing. 

Stefan Brauweiler, Geschäftsführer von RheindesignStefan Brauweiler, Geschäftsführer von Rheindesign„Wir beobachten den Markt genau und wissen, wo es bei den Apotheken oder Praxen drückt. Dann bieten wir passende Lösungen, das kommt sehr gut an“, erzählt er. Ein Beispiel: Schon bei den ersten Ausbrüchen der Corona-Pandemie war Brauweiler klar, dass die Apotheken Schutz für die Verkaufstheken bräuchten. „So waren wir die ersten mit Plexiglaswänden und haben bei der späteren Preistreiberei mancher Anbieter nicht mitgemacht.“ Die Kunden honorierten es. 

Seit anderthalb Jahren sitzt Rheindesign in einem eigenen neuen Gebäude mit Büros  und Verwaltung in Rheinbach. Sechs Mitarbeitende zählt der Betrieb inzwischen. „Wir wachsen gesund“, sagt Brauweiler. Die Investition mitten in wirtschaftlich unsicheren Zeiten erforderte Überzeugungskraft. „Die Banken waren zunächst skeptisch, heute sehen sie den Erfolg. Denn mit mehr Fläche und mehr Personal können wir mehr Aufträge annehmen.“ 

Gegen den Trend innovativ 

Dabei hilft ihm, dass er seine Kunden versteht. „Ich kann ihre Herausforderungen genau nachvollziehen. Fehlendes Personal braucht zum Beispiel stringente Abläufe in einer Praxis oder einer Apotheke, das berücksichtigen wir bei der Planung.“ Die Strategie geht auf: Heute zählt sich Rheindesign zu den führenden Spezialanbietern in Deutschland. „Wir haben gelernt, dass es auch sinnvoll sein kann, gegen den Trend innovativ und wachstumsorientiert zu agieren. Letztlich sind Unternehmen, die sich etwas trauen, immer erfolgreicher!“ 

Was er allerdings auch nicht verschweigt: Der Erfolg erfordert hohen persönlichen Einsatz. „Die ersten paar Jahre war Urlaub einfach nicht möglich, und natürlich leidet darunter die Familie. Das würde ich heute vielleicht anders gewichten. Auf der anderen Seite: Ohne ausreichend Engagement und Fleiß gibt es auch keinen nachhaltigen Erfolg. Diese Mentalität würde ich mir heutzutage wieder von mehr Menschen wünschen.“ 

Was Stefan Brauweiler beschreibt, ist leider nicht typisch für das Gründungsgeschehen in der Region. Nach Angabe des Gründungsspezialisten der IHK Bonn/Rhein-Sieg, Christian Pinnekamp, scheitern rund achtzig Prozent der Gründungen bereits in den ersten fünf Jahren. Damit das nicht passiert, müssen Unternehmen früh die richtigen Weichen stellen. So wie Rheindesign: Den Markt beobachten und verstehen, neue Produkte und Trends entwickeln und sowohl in den Standort als auch in Personal investieren. 

Vom Zimmereibetrieb zur „Feels Wood“-Ikone

Während Rheindesign aus einer Krise gegründet wurde, stand Benjamin Stocksiefen in Niederkassel vor einer anderen Herausforderung: Die Nachfolge im Familienunternehmen. Der Betrieb hat 2024 den „Ludwig“ in der Kategorie Marketing gewonnen und war bereits auf vielen Veranstaltungen der IHK als Erfolgsbeispiel präsent. Stocksiefen führt das Unternehmen, das bereits seit 80 Jahren besteht, in vierter Generation. „Und wir wollen die 100 Jahre vollmachen“, sagt er lachend.

Benjamin Stocksiefen, Geschäftsführer Holzbau Stocksiefen GmbHBenjamin Stocksiefen, Geschäftsführer Holzbau Stocksiefen GmbHDabei sah es zunächst gar nicht nach einer rosigen Zukunft aus. Ein schwieriger und emotional herausfordernder Nachfolgeprozess war das eine. Hinzu kam, dass das bisherige Geschäftsmodell in die Jahre gekommen war. Der klassische Dachstuhlausbau verlor an Bedeutung. Stocksiefen entschied sich für einen Kurswechsel. 

Spezialisierung, Markenbildung und klare Leitplanken

Heute plant und baut das Unternehmen komplette Holzhäuser, stockt Gebäude auf und entwickelt anspruchsvolle Konstruktionen mit heimischen Hölzern. Hauptsächlich für Privatkunden, die Wert auf einen natürlichen und nachhaltigen Baustoff legen. Die Kunden liegen Stocksiefen am Herzen: „Ich möchte Menschen glücklich machen und bin da auch ein wenig missionarisch unterwegs.“ Wenn Leute viel in Eigenleistung beitragen möchten, dürfen sie auch schon mal die Halle am Wochenende nutzen. Nicht selten, dass daraus ein geselliger Familientag wird.

Ob im Kontakt mit Kunden oder in Netzwerken: Stocksiefen liebt es, seine Erfahrungen zu teilen. Das Nachfolgethema hat er in einem sehr persönlichen Buch aufgearbeitet, Fragen zum Holzbau in einem anderen. Hinzu kommen Auftritte als Speaker auf Messen und Kongressen. Videos mit Tipps zum Holzbau auf Youtube und anderen Social Media-Kanälen unter dem Namen „Feels Wood“ sorgen für Bekanntheit und Vertrauen bei den Kunden. „Auch Mitarbeitende kommen heutzutage über einen guten Social-Media-Auftritt“, sagt er. 

Die Erfolgsstrategie seines Unternehmens: Spezialisierung, Markenbildung und klare wirtschaftliche Leitplanken. Stocksiefen beschränkt sich auf die Gewerke, die das Unternehmen selbst durchführen kann und übernimmt beispielsweise keine Generalunternehmer-Funktion. Die Liquidität muss stimmen, weshalb ein größerer Posten bei Produktionsbeginn für die Materialbestellungen in Rechnung gestellt wird. Lediglich eine der großen Maschinen in der Halle ist kreditfinanziert. 

Und verschiedene Unternehmens- und Finanzberater haben Stocksiefen in den entscheidenden Phasen der Entscheidungen begleitet. „Davon habe ich unglaublich profitiert“, sagt er. Das Engagement gibt er durch seine Nachfolge-Expertise und beispielsweise als Beirat bei der VR-Bank weiter. „Daher mein abschließender Tipp: Netzwerke sind Gold wert!“

Schnelle Entscheidungen mit Substanz

Die Johannes Gerstäcker Verlag GmbH steht für eine andere Form des Wachstums: Internationalisierung. Das Unternehmen mit rund 280 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Standort Eitorf ist als Versandhändler für Künstlerbedarf europaweit bekannt, aber auch im stationären Handel aktiv. Die Historie des Unternehmens ist eine Geschichte von wegweisenden Entscheidungen und sehr viel unternehmerischem Mut. 

Peter Schnur-Kamita, Geschäftsführer der Johannes Gerstäcker Verlag GmbHPeter Schnur-Kamita, Geschäftsführer der Johannes Gerstäcker Verlag GmbH„Jedoch immer auf der Basis von einer sehr genauen Kenntnis des Marktes und der Kunden“, sagt Peter Schnur-Kamita, einer der vier Geschäftsführer. So galt es nach der Wiedervereinigung den Markt in den neuen Bundesländern für Gerstäcker zu gewinnen. „Dort waren sie andere Preise gewöhnt“, so Schnur-Kamita. „Letztlich hat unsere hohe Lieferfähigkeit und die riesige Auswahl überzeugt.“ 

Das Unternehmen arbeitete hoch profitabel, als Ende der 90er-Jahre der nächste strategische Schritt anstand. Der zuvor in der Künstlerpapierindustrie tätige Schnur-Kamita brachte bei Eintritt ins Unternehmen Kenntnisse des Marktes in Frankreich mit.  Ende 1999 wagte sich die Firma an das erste Auslandsgeschäft. Detaillierte Marktstudien bereiteten die Aktion  vor, mit der in kürzester Zeit die Marktführerschaft von Gerstäcker in dem Flächenstaat gelang. „Mit einem jungen französischen Team, genau auf die Kultur und die Kundenwünsche im Land abgestimmten Katalogen, aber der verlässlichen deutschen Logistik im Hintergrund“, erzählt Schnur-Kamita. 

Nach ähnlichem Muster verlief der Markteintritt in England. Eine Zeit hoher Investitionen in Logistik und ERP-Systeme. Auch hier machte Schnelligkeit den Unterschied: Bereits 2002 gab es in Frankreich den ersten Webshop – nach schon einem Monat hatte sich die Investition rentiert. „Wir haben auf zügiges Wachstum gesetzt. Dabei muss man beachten, dass unser Markt klein ist: Wir sprechen höchstens sieben Prozent der Bevölkerung an. Bei uns ist die Auswahl entscheidend, die Verlässlichkeit bei der Lieferung, ein attraktives Preisgefüge und der enge Kontakt zu unseren Kunden.“ Dieser entsteht zum einen durch ein Call-Center, seit Jahrtausendbeginn auch durch eigene Ladengeschäfte.

Zusammenarbeit mit Netzwerken, Influencern und Meinungsbildnern

„Die persönliche Beratung und die Inspiration in unseren Läden führt zu einer sehr hohen Verweildauer“, beschreibt Schnur-Kamita den Vorteil der Doppelstrategie. Auch hier ist der Kundenwille entscheidend. Die Zusammenarbeit mit Künstler-Netzwerken, mit Influencern und Meinungsbildnern schafft Vertrauen und eine hohe Bekanntheit. „Die hohe Qualität und das Vertrauen sind unsere strategischen Vorteile gegenüber Billig-Anbietern oder globalen Versendern“, sagt der Geschäftsführer. „Wir kaufen global ein, agieren vor Ort jedoch ganz im Sinne der lokalen Kultur.“ 

Ob die Strategie funktioniert, zeigt sich in klaren Zahlen: Zum Beispiel beim Auftragseingang, der Höhe des durchschnittlichen Einkaufs im Warenkorb  und der Gewinnung von Neukunden. Fundierte Entscheidungen, die dann auch schnell umgesetzt werden, bestimmen bis heute den Unternehmenserfolg. 

Dieses Prinzip würde sich Schnur-Kamita auch bei dem Bürokratiewust in Deutschland wünschen : „Auf uns treffen ungewöhnlich viele  Verordnungen zu, weil wir mit 70.000 Artikeln über ein extrem breites Angebotsspektrum verfügen. Zum Beispiel auch die Elektroverordnung, weil unter anderem ein elektrischer Anspitzer im Katalog ist. Das ist unglaublich viel Aufwand für uns, den ich aus anderen europäischen Ländern in diesem Ausmaß nicht kenne.“ 

Kontinuierlich zeitgemäß

Ganz anders die Herausforderung bei Verpoorten in Bonn. Das Traditionsunternehmen feiert in diesem Jahr 150-jähriges Jubiläum. Wie schafft man es, Eierlikör über diese lange Zeit erfolgreich am Markt zu halten und immer wieder neue Generationen von dem Getränk zu überzeugen? 

William und Viktoria VerpoortenWilliam und Viktoria Verpoorten„Wir denken in langfristigen Linien und gehen immer von den Bedürfnissen der Kunden aus“, sagt Geschäftsführer William Verpoorten. Das Unternehmen setzte auf unterschiedliche Konsumanlässe und entwickelte neue Geschmacksvarianten sowie Lizenzprodukte in den Bereichen Pralinen, Eis oder Backwaren. „So konnten wir die Sichtbarkeit der Marke in unterschiedlichen Vertriebskanälen und Sortimenten steigern!“

Strategische Entscheidungen prägten immer wieder die Geschichte. Dafür sorgten zum Beispiel die veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Standortwechsel gehörten dazu – sei es wegen Kriegszerstörungen oder auch mal wegen der fehlenden wichtigsten Ressource, dem Ei. Verpoorten sagt: „Mit der Grundsteinlegung der Produktionsstätte in  Bonn im Jahr 1952 wurde eine zukunftsweisende Entscheidung getroffen. Hier waren wir im bevölkerungsreichen NRW unseren Kunden deutlich näher.“ 

Langfristiges Denken statt kurzfristiger Effekte

Die Zusammenlegung der Betriebe in Berlin und Bonn nach dem Mauerfall, der konsequente Ausbau in Bonn und die Erschließung internationaler Exportmärkte sind weitere wichtige Stationen. „Die Fähigkeit, Herausforderungen als Chancen zu begreifen und entschlossen zu handeln, ist bis heute ein wesentlicher Faktor des Familienunternehmens“, so Verpoorten. 

Kontinuität ist ein weiteres Merkmal des Betriebs. Seit 2025 ist Verpoortens Tochter Viktoria als sechste Generation im Unternehmen. Und Kontinuität zeichnet auch das Produkt aus. „Unsere Überzeugung ist, dass Markenstärke durch Fokus entsteht und nicht durch Lautstärke. Deshalb orientieren wir uns weniger an kurzfristigen Trends. So bleiben wir authentisch.“ 

Langfristiges Denken statt kurzfristiger Effekte macht die Strategie aus. Verpoorten legt dabei großen Wert auf die Gemeinschaft im Unternehmen, zu der jeder Mitarbeitende beitrage. Nachhaltiges Wachstum im Kerngeschäft, die Stärke der Marke und langfristige Zufriedenheit der Kundschaft beschreibt Verpoorten als die wesentlichen Ziele des Wachstums.

Handeln statt abwarten

Was verbindet diese vier Unternehmen? Sie kennen ihren Markt genau, investieren gezielt und handeln entschlossen. Die Beispiele zeigen: Wer seinen Markt kennt und entschlossen handelt, kann auch in schwierigen Zeiten wachsen. So sieht das auch IHK-Experte Christian Pinnekamp: „Marktdurchdringung, Produktentwicklung, Marktentwicklung und Diversifikation – die vier vorgestellten Unternehmen zeigen genau diese vier Erfolgsstrategien. Entscheidend ist, dass Unternehmen nicht abwarten, sondern handeln.“

Von Dr. Susanne Hartmann, freie Journalistin, Köln