Gründungen als Chance in Krisenzeiten

Von Landschaftsgärtnern und Rikschafahrerinnen

Mut, genaue Planung und solide Finanzen braucht es, um ein Unternehmen zu gründen. Aber wie gelingt das vor dem Hintergrund von Corona, Krieg und Energiekrise? Zumindest in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis ganz gut. Die IHK steht dabei den Gründerinnen und Gründern mit Rat und Tat zur Seite. Mit fünf von ihnen haben wir über ihre Gründung in schwierigen Zeiten gesprochen.

Coach werden, ein Café mit Yogakursen eröffnen oder ein Garten- und Landschaftsbau-Unternehmen gründen? Darüber hat Gernot Goossenaerts aus Bad Honnef lange nachgedacht. Dann aber hat er seinen Job gekündigt, ein Gründungs-Seminar der Agentur für Arbeit besucht und sich selbstständig gemacht. Als Garten- und Landschaftsbauer fällt er nun Bäume und macht Gärten zu Oasen. Beim Businessplan und dem Antrag für das Mikrodarlehen der NRW-Bank hat ihn Christian Pinnekamp von der IHK Bonn/Rhein-Sieg unterstützt. „Das war ein gutes Gefühl, weil ich mich mit so etwas bisher nicht auskannte. Die Beratung verhindert, dass man Termine verpasst oder bei Kreditgebern ins offene Messer rennt.“ 

Ursprünglich wollte er für seine Gründung keinen Kredit aufnehmen, alles aus eigenen Mitteln schaffen. Pinnekamp hat ihm aber nach der Durchsicht seines Businessplans dazu geraten, und mittlerweile ist der Unternehmer glücklich darüber. Von den 25.000 Euro, die er von der NRW-Bank bekommen hat, konnte er sich die erste Grundausstattung kaufen: Unter anderem ein Fahrzeug, einen Kleinhechsler und eine große Heckenschere. 

Eigene Prognose schon im ersten Jahr übertroffen

Die Geschäfte laufen gut; schon im vergangenen Jahr, dem ersten seiner Selbstständigkeit, hat Gernot Goossenaerts seinen im Businessplan angedachten Umsatz um zehn Prozent übertroffen. Dazu beigetragen hat auch, dass er sich und sein Unternehmen im Internet gut positioniert: „Das mache ich mit Google-Adwords. Dort investiere ich jeden Monat rund 300 Euro. Bei bestimmten Suchbegriffen wird meine Internetseite dann ganz weit oben angezeigt.“

Andere Unternehmer, aus dem Garten- und Landschaftsbau, berichtet er, hätten mittlerweile so viele Aufträge, dass sie ihren Online-Auftritt bewusst schlank halten. Er aber braucht noch einen festen Kundenstamm und erreicht ihn über diesen Weg. Die Pläne für 2023: Mitarbeiter suchen und langsam mit dem Unternehmen wachsen. 

Jörg Rossen, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Bonn„Gerade in den vergangenen Jahren hat sich ein starker Trend zu besonders kleinen Unternehmen, so genannten Ich-AGs gezeigt“, so Jörg Rossen, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Bonn. Offenbar eine Folge der unsicheren Zeiten. Viele verlassen sich am liebsten auf sich selbst und meiden langfristige Miet- oder Arbeitsverträge. Auch wenn in der Region nicht so viele Unternehmen gegründet werden wie zum Beispiel in Hamburg oder Düsseldorf, sind die neuen Betriebe dafür im Durchschnitt stabiler. Das zeigt die Creditreform-Studie "Wirtschaftsdynamik in der Region Bonn/Rhein-Sieg 2022“.

Weniger Gründungen als anderswo

Die Gründe dafür sieht Rossen vor allem in der Bevölkerungsstruktur. „Bonn ist traditionell Verwaltungssitz, das wirkt sich auf die ganze Region aus. Hier gibt es für die jüngere Generation also weniger unternehmerische Vorbilder in der eigenen Familie.“ Wenn jemand eine Neugründung angehe, wäre dafür aber mehr Kapital vorhanden. Das sei für die Kreditgeber attraktiv, da die Investition für sie dann weniger Risiko beinhalte. Und so gebe es in der Region bei den Gründungen meistens gut durchdachte Konzepte, die auch langfristig tragen.

In der Pandemie gab es besonders im IT-Bereich viele Startups, zeigen die Daten von Creditreform. Für Homeoffice und mobiles Arbeiten musste eine leistungsfähige und sichere Infrastruktur geschaffen werden. Für den Fachkräftemangel könnte sich die Digitalisierung als Segen erweisen, beispielsweise ließen sich so viele Verwaltungsprozesse im öffentlichen Dienst effizienter organisieren.

„Was es braucht, sind noch mehr Gründungsimpulse aus den Hochschulen“, so Jörg Rossen. „Idealerweise sollte es dort zentrale Ansprechpartner rund um das Thema Gründung geben, die den angehenden Unternehmerinnen und Unternehmern den Weg durch den Verwaltungs- und Förderdschungel weisen.“

Bis es soweit ist, können Gründende sich auch auf anderen Wegen vernetzen: „Die IHK, der Digital Hub, enaCom und CENTIM bieten gemeinsame Gründerstammtische an. So lernen Gründungswillige sich kennen und können sich austauschen“, rät Michael Pieck, der bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg für die Unternehmensförderung zuständig ist. 

Aus Projekt wird Unternehmen

Schon während ihres Studiums an der Alanus-Hochschule haben Lorentz Kampmeier, Marlin Hüser und Bastian Kesting ihr Projekt „seeds apparel“ gestartet. Im Jahr 2021 haben sie dann daraus offiziell eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gemacht. Die „Keimlings-Bekleidung“ besteht aus biologisch produzierten Rohmaterialien, Recycling-Material oder Upcycling-Textilien aus dem Second-Hand-Markt. Im Angebot sind T-Shirts, Taschen und Accessoires. In Zukunft will seeds apparel sich jedoch hauptsächlich auf Upcycling verlegen.

Dabei werden bestehende Textilien neu gestaltet. Der energieintensive Weg des Recycling fällt so weg. „Wir wollen Textilien in eine Kreislaufwirtschaft bringen und so zum längst notwendigen Wandel der Textilbranche beitragen“, sagt Lorentz Kampmeier. 

Dafür arbeitet seeds apparel mit Textil-Sortierern zusammen. Die gebrauchten Sachen werden einem Produkt zugeordnet und gereinigt. Sie werden zugeschnitten und genäht. Dann gehen sie in den Vertrieb. „Das machen wir vor allem online, um die Preise auf einem marktüblichen Niveau zu halten“, so Kampmeier. 

Gestaltungsfreiraum durch Gründerstipendium

Mit dem Gründerstipendium der NRW-Bank hatten die drei Gründenden mehr Freiraum für die Planung und Entwicklung ihres Unternehmens. 1.000 Euro bekam jeder von ihnen pro Monat, ein Jahr lang. Mit einer Crowdfunding-Kampagne haben sie zusätzlich das Geld für eine professionelle Zuschneide-Maschine gesammelt. Für einen Laser-Cutter aus deutscher Produktion hat ihnen die IHK  geraten,  ein Mikrodarlehen bei der NRW-Bank zu beantragen. Dies ist mittlerweile bewilligt und kann bald ausgezahlt werden. Auch über das Programm MID-Invest könnte ein Zuschuss kommen. Das ist ein Teilprogramm Bastian Kesting und Lorenz Kampmeier in ihrem Ladenlokalvon Mittelstand Innovativ und Digital, mit dem Digitalisierung und Innovationen in kleinen und mittelständischen Betrieben gefördert werden . Sobald, gedeckt aus diesen Geldern, der Zuschnitt automatisiert wird, kann das Unternehmen wachsen  . 

Das Ziel von Kampmeier, Hüser und Kesting ist nicht die Gewinnmaximierung. Vielmehr geht es ihnen darum, ihren und den Lebensunterhalt ihrer Mitarbeitenden zu decken und die Kreislaufwirtschaft in der Textilbranche zu stärken. Was sie anderen Gründenden raten? „Nicht zu lange abwarten“, so Lorentz Kampmeier. „Ein gewisses Wagnis gehört in einer frühen Phase einfach dazu. Wenn man das Unternehmen organisch wachsen lässt, bleibt alles überschaubar.“ Außerdem würde er sich beim nächsten Mal früher und stärker mit Partnern und Interessentinnen vernetzen. 

Vernetzen ist Trumpf

Vernetzen: Genau damit verbringt Andrea Heister vom Kulturbüro Bonn im Moment sehr viel Zeit. Nur kurz hatte sie vor ihrer Gründung überlegt, ob sie mit über 50 eventuell zu alt sein könnte. Aber dann hat sie sich mitten in der Corona-Pandemie, als die Kulturbranche so gut wie brach lag, mit ihrer Künstler-Andrea Heister - Foto: Lars KienleAgentur selbstständig gemacht. Nach gut 25 Jahren, in denen sie die als künstlerische Leitung das Bonner Kabarett Springmaus gemanagt hat. „Jetzt kann ich auf viele Kontakte zurückgreifen, das ist das halbe Kapital“, sagt Heister. Für verschiedene Künstlerinnen und Künstler organisiert sie jetzt deutschlandweit Auftritte.

Dass sich dann Firmen-Events zu einem zusätzlichen Standbein ihrer Agentur entwickeln würden, war für die Unternehmerin am Anfang nicht absehbar: „Als ich 2021 meinen Businessplan geschrieben habe, war die Buchungslage für künstlerisch Tätige natürlich sehr schlecht. Das dauert auch jetzt noch an. Denn viele Veranstaltungen sind ja um ein Jahr verschoben worden.“ Da sie provisionsabhängig arbeitet, musste sie sich also breiter aufstellen. Und mittlerweile laufen die Firmen-Events sehr gut, so Heister. 

Passgenaue Hilfe von der IHK

Ihr Büro ist in einem Coworking-Space in der Innenstadt, um während der Arbeit im Austausch zu bleiben. Den Tipp hatte sie von der IHK bekommen, die sie auch beim Verfassen des Businessplan unterstützte. Von der Agentur für Arbeit gab es dann in den ersten sechs Monaten der Selbstständigkeit einen Gründungszuschuss und zusätzlich 300 Euro im Monat für die soziale Absicherung, wie zum Beispiel Krankenversicherung.

Aus heutiger Sicht würde Andrea Heister alles wieder genauso machen. „Vielleicht würde ich nicht mehr so lange warten. Einfach machen. Wenn man loslegt, dann kommen die richtigen Dinge zu einem“ sagt sie und lacht. 

Marion Reiners präsentiert die Lieblingsplätzchen aus der Box von Genussbotschafter Ursel (91)So ging es auch Marion Reiners aus Bonn. Mit ihrem Unternehmen „Kuli Hood“ setzt sie sich ein klares Ziel: „Rettet Omas Lieblingsrezepte!“. Die Idee zum Projekt hatte sie schon 2019 und konnte sie dank eines Beratungsstipendiums des „Social Impact Lab“ reifen lassen.

Im Jahr darauf bewarb sie sich für ein Gründerstipendium NRW und konnte anschließend loslegen: Über Aufrufe in den lokalen Medien bekam sie handgeschriebene Rezepte und teils sehr alte Kochbücher von älteren Menschen. Die veröffentlicht sie dann auf ihrer Internetseite (www.rettet-omas-lieblingsrezepte.de), mit passenden Bildern und Videos zur Zubereitung. 

Einsamkeit und Altersarmut bekämpfen

Mittlerweile gibt es auch Angebote im Online-Shop, denn für die beteiligten Seniorinnen und Senioren soll auch etwas dabei herausspringen. „Viele sind von Einsamkeit, aber auch von Altersarmut betroffen. Beiden Problemen wollen wir mit Kuli Hood entgegenwirken“, so Reiners. „Wir fragen beim ersten Kontakt immer, wieviel und in welchen Bereichen sie sich engagieren möchten.“ So schicken manche nur Rezepte, andere helfen auch bei den Videos oder packen Kuli Hood-Schürzen in Gläser, die dann verkauft werden.

Die Einnahmen kommen zu einem Teil den helfenden Seniorinnen zugute, die von Altersarmut betroffen sind. Denn Kuli Hood ist ein gemeinnütziges soziales Startup. Alle Einnahmen müssen auch wieder ins Unternehmen fließen, da ist das Gehalt von Frau Reiners und die Gelder für die Seniorinnen und Senioren natürlich dabei. „Und besonders unsere Omas blühen auf, das ist sehr schön zu sehen. Was wir machen, ist wirklich für alle ein Gewinn.“

Passend zur Weihnachtszeit hatte Marion Reiners mit ihren Helferinnen eine hochwertige Box mit Plätzchen-Rezepten entwickelt, mit „Oma Margitts Bethmännchen, Oma Marias Kokosmakronen oder Opa Friedels Vanille-Plätzchen. Mittlerweile gibt es schon einige Kooperationen, zum Beispiel mit verschiedenen Supermärkten in Bonn, wo die Produkte verkauft werden oder auch mit Tante Almas Hotel in Poppelsdorf, wo nun regelmäßig Veranstaltungen stattfinden.

Diesen Zweig möchte Reiners gern ausbauen. Sie sucht daher weitere Partner-Unternehmen, die mit den Omas und ihren Lieblingsrezepten zum Beispiel ein Charity-Backen oder -Kochen organisieren möchten. Sie können Kurse buchen, live oder online. Auch gebrandete Rezept-Boxen wären denkbar, für Weihnachten und vielleicht demnächst auch für Ostern.

Social Startups und das Geld

Ein anderes Social Startup ist „Radeln ohne Alter“. Natalie Chirchietti und Caroline Kuhl haben sich für die Rechtsform des Vereins entschieden .   Als Geschäftsführerinnen möchten sie nun die in Bonn gut funktionierende Idee deutschlandweit skalieren. Ihr Motto: „Jeder hat ein Recht auf Wind in den Haaren“. So kaufen die Vereine in verschiedenen Städten Rikschas, suchen nach Freiwilligen „Piloten“ und bieten älteren Menschen kostenlose Fahrten zu selbst gewählten Zielen an.

Natalie Chirchietti (li) und Caroline Kuhl

Das Geld kommt aus Spenden, die natürlich immer willkommen sind. Entstanden ist Radeln ohne Alter 2012 in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. 2017 hat Natalie Chirchietti das Konzept aus Berlin nach Bonn gebracht. Damals hatte sie gerade den Bachelor in BWL beendet. Mittlerweile gibt es mit den 18 Bonner Rikschas rund 1.500 Fahrten pro Jahr. Und entsprechend viele glückliche Seniorinnen und Senioren. 

Zusammen mit Caroline Kuhl entschied sich Natalie Chirchietti 2019, ihr Hobby zum Beruf zu machen. In Schulungen geben sie Menschen in anderen Städten weiter, was sie während der vergangenen Jahre gelernt und entwickelt haben. „Unser Ziel ist, dass es bald in allen Städten Deutschlands solche Projekte gibt. Wenn dann die Einsamkeit im Alter besiegt ist, wenn alle die Möglichkeit von gesellschaftlicher Teilhabe und Mobilität haben, dann suchen wir uns die nächste Aufgabe“, sagt sie.

Erfahrung haben die beiden Gründerinnen mittlerweile auch beim Anwerben von Sponsoren. So sind sie froh, dass es Unternehmen gibt, die die Aktion unterstützen. Denn die Rikschas, Reparaturen, Versicherungen, Garagen und Gehälter müssen regelmäßig bezahlt werden. 

Infos zu Förderung im Podcast #UnternehmenZukunft

Die fünf Beispiele aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis zeigen, wie vielfältig die Gründungen sind. Experten sehen gerade in den Bereichen Klimaschutz und Mobilität gute Chancen für neue und innovative Geschäftsmodelle. In unserem Podcast #UnternehmenZukunft berichtet der Berater Christian Pinnekamp, wie sich die künftigen Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Geschäfte fördern lassen können und was sie dafür tun müssen .

Wie es mit dem Gründungsgeschehen in unserer Region weitergeht, bleibt spannend. Jörg Rossen, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, ist mit Prognosen zurückhaltend. Noch fehlen die passenden Daten. Wahrscheinlich gebe es Mechanismen in beide Richtungen, vermutet er: Unsicherheit und höhere Zinsen könnten zu weniger Gründungen führen. Aber in Zeiten der Krise entstünden typischerweise auch gute und wichtige Innovationen. Wenn etwas nicht mehr so funktioniere wie gewohnt, rege das eben die Kreativität an. In Sachen Klimaschutz und Mobilität könnte das für viele gute Chancen sorgen.

Marion Theisen, freie Journalistin, Bonn