Das Nadelöhr Straße

Verkehr in Bonn/Rhein-Sieg

Die Straßeninfrastruktur in Bonn/Rhein-Sieg ist extrem stark frequentiert und teils in einem schlechten Zustand. Viele Bauarbeiten sind im Gange und stehen in den nächsten Jahren bevor. Gleichzeitig pendeln etwa drei von fünf Erwerbstätigen im IHK-Bezirk zu ihrem Arbeitsplatz. Insbesondere zu den Hauptverkehrszeiten ist die Verkehrsinfrastruktur längst überlastet. Immer mehr Unternehmen klagen über Zeitverluste und steigende Kosten durch Staus und Umwege. Doch es gibt auch Ideen für eine bessere Mobilität. Auch Unternehmen reagieren auf die angespannte Verkehrssituation. 

Dirk MüllerDas Wörtchen hat nur einen Buchstaben mehr, ein kleines „t“, doch der ist entscheidend. „Hier läuft einiges verkehrt“, sagt Dirk Müller über den Verkehr in Bonn. „Note: mangelhaft“, urteilt der Unternehmer über die Situation in der Bundesstadt, die auch Auswirkungen auf die Region habe. Der Geschäftsführer der Dirk Müller Gebäudedienste GmbH ist frustriert. Die insgesamt 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien NRW-weit und bis nach Koblenz tätig. Die Objektleiter müssten regelmäßig in die Bonner Zentrale kommen. „Aber alle sind immer länger unterwegs und verbringen viel mehr Zeit in Staus und auf Umwegen als noch vor einigen Jahren“, beklagt Müller. „Der Zustand der Infrastruktur und die zahlreichen Staus, Baustellen, Sperrungen und Umleitungen sind zu einem kritischen Zeit- und Kostenfaktor für unser Unternehmen geworden.“ Man habe sogar die Beschäftigten angeschrieben, dass sie zu Stoßzeiten nicht ins Büro kommen sollen.

Noch hat das mittelständische Unternehmen seinen Stammsitz an der Adenauerallee. Noch. Denn: „Seit einiger Zeit befassen wir uns ernsthaft mit dem Gedanken, Bonn zu verlassen“, gibt Müller zu. Das werde ihm nicht leicht fallen, privat fühle er sich sehr wohl hier. „Aber aus unternehmerischer Sicht sehe ich hier kaum noch eine Perspektive.“ Müller muss sogar schon Kündigungen verkraften, und das in Zeiten des Fachkräftemangels. „Manche Mitarbeiter verlassen uns, weil sie einfach schneller zu ihrem Arbeitsplatz gelangen wollen“, bedauert er. Deshalb sehe er sich im Rhein-Sieg-Kreis nach einem geeigneteren Firmenstandort um, auch Köln sei schon im Gespräch gewesen.

Lange habe er gezögert. „Doch als dann im April auch noch die Nachricht kam, die Zuführung von der Anschlussstelle Poppelsdorf der A 565 zur Reuterstraße werde für über zwei Jahre komplett gesperrt, da war’s aus“, erzählt Müller, „da war für mich klar, wir müssen hier weg.“
 

Ein Fünftel Arbeitszeit im Stau

So weit geht Werner Vendel nicht. Der Gründer und Inhaber des Unternehmens Getränke-Service Vendel e. K. hegt keine Umzugsabsichten, zumindest nicht raus aus Bonn. Innerhalb der Stadt hat sich das Unternehmen trotzdem verändert. Es hat seinen Standort im Kurfürstenkarree vergrößert und dafür nach 30 Jahren den Standort an der Endenicher Straße komplett geschlossen. „Wegen der mehrjährigen Baustelle auf der Viktoriabrücke hatten wir in unserem Abholmarkt 30 Prozent unserer Kunden verloren, das war nicht mehr tragbar“, klagt Vendel. Auch nach Beendigung der Bauarbeiten rechnete der Unternehmer nämlich nicht mit einer Erholung. „Die Brücke verfügt nur noch über eine Spur in jede Richtung, viele Leute überlegten sich zwei Mal, ob sie noch mit dem Auto zu uns kommen sollten.“

Getränke-Service Vendel

Zurückgehende Kundenfrequenzen ist das eine. Es gibt aber noch ein weiteres Problem. „Wegen der vielen Baustellen und des starken Verkehrs verbringen unsere Auslieferungsfahrer teils bis zu einem Fünftel ihrer Arbeitszeit in Staus“, skizziert Vendel die Lage und fragt, wer das auf Dauer bezahlen solle. Auf der Suche nach Lösungen habe man sogar diskutiert, bereits morgens um fünf Uhr mit den ersten Fahrten zu starten. Das Unternehmen beliefert nämlich nicht nur tausende Privathaushalte in Bonn, sondern auch zahlreiche Seniorenheime und Krankenhäuser. „Das ist aber ein komplexes Thema“, berichtet Vendel, „und wegen zahlreicher Vorgaben und Einschränkungen nicht leicht umzusetzen.“

Vendel findet, dass Infrastrukturprobleme und steigende Pendlerströme nicht dazu führen dürfen, dass die verlässliche innerstädtische Belieferung nicht mehr sichergestellt werden kann. „Ich wünsche mir ein tragfähiges Verkehrskonzept, das neue Ansätze verfolgt, aber auch die Aufrechterhaltung des wichtigen Wirtschaftsverkehrs beinhaltet.“
 

Vier Herausforderungen gleichzeitig

Damit rennt Vendel bei Institutionen wie der IHK Bonn/Rhein-Sieg offene Türen ein. Verkehr und Infrastruktur sind zwei Dauerbrenner der IHK-Arbeit. Sie kritisiert nicht die Baustellen und Sanierungsmaßnahmen. „Wir sind jetzt und in Zukunft auf eine einwandfrei funktionierende Infrastruktur angewiesen“, betont Prof. Dr. Stephan Wimmers, Geschäftsführer Industrie, Handel und Raumplanung der IHK Bonn/Rhein-Sieg, „und diese muss nun einmal erhalten, ertüchtigt und bisweilen auch erweitert werden.“ Was der IHK hingegen zunehmend Sorgen bereitet, ist das Zusammentreffen gleich mehrerer Herausforderungen.

Da ist erstens der enorme Sanierungsstau vor allem bei den Bundesautobahnen und Autobahnbrücken, der seit einiger Zeit und künftig verstärkt zu langjährigen Baumaßnahmen mit beträchtlichen Auswirkungen auf das gesamte Verkehrsnetz der Region führt. So stehen auf Stadt- und Kreisgebiet unter anderem der sechsstreifige Ausbau der A 565 zwischen Bonn-Endenich und Bonn-Nord – „Tausendfüßler“ –, der Ersatzneubau der Anschlussstelle „Endenicher Ei“, die Sanierung der Anschlussstelle Bonn-Poppelsdorf oder der Ausbau der A 59 zwischen Köln-Porz und Bonn-Nordost, um nur wenige besonders große und folgenreiche Projekte zu nennen.

Damit nicht genug, beeinträchtigen auch andere Infrastruktur-Bauprojekte das Verkehrsgeschehen, zuletzt etwa die Baustelle auf der Viktoriabrücke oder am Koblenzer Tor. Oder das DB-Großprojekt S 13 zwischen Troisdorf und Bonn-Oberkassel.

Dritte Herausforderung: die Verkehrswende. „Sie ist politischer Wille und damit ein Faktum, mit dem alle Betroffenen umgehen müssen“, sagt IHK-Verkehrsexperte Wimmers, „der motorisierte Individualverkehr in Bonn wird systematisch entschleunigt.“ So werden etwa Fahrspuren umgewidmet zu Umweltspuren und Fahrradwegen, auf zahlreichen Verbindungen wird Tempo 30 eingeführt, hinzu kommen verstärkte Parkraumbewirtschaftung und Durchfahrtsbeschränkungen.

Das alles – vierte Herausforderung – beeinträchtigt eine Verkehrsinfrastruktur, die den aktuellen Verkehrsströmen ohnehin schon lange nicht mehr gewachsen ist. Allen seriösen Prognosen zufolge nehmen die Güter- und Wirtschaftsverkehre weiter zu, außerdem sorgen gerade in Regionen wie Bonn/Rhein-Sieg die erheblichen Pendlerströme für zeitweise Überlastungen des Systems. Drei von fünf Erwerbstätigen im IHK-Bezirk pendeln zu ihrem Arbeitsplatz.

Das alles sowie eine häufig als mangelhaft empfundene Abstimmung der zahlreichen Projekte aufeinander sorgen für viel Unmut bei Unternehmen.
 

„Wir brauchen bessere Lösungen“

Die IHK bündelt die Stimmen aus der Wirtschaft und bringt sie zu Gehör. Erst Ende Juli hatte sie zu einer Pressekonferenz geladen, um über die Verkehrssituation in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis zu berichten. Die Kernbotschaft: Die Verkehrsinfrastruktur ist zu den Hauptverkehrszeiten überlastet. Damit die dadurch verursachten Probleme bewältigt werden können, halte auch die IHK eine Verkehrswende für notwendig. „Diese sollte jedoch nicht mit vielen Einzelmaßnahmen und Verboten umgesetzt werden, sondern durch ein durchdachtes Gesamtkonzept, welches auf Alternativen und Anreizen zu Verhaltensänderungen basiert“, sagte IHK-Vizepräsidentin Sabine Baumann-Duvenbeck.

Die IHK fordert einen Masterplan Verkehr für die gesamte Region. Im Rahmen eines solchen Gesamtkonzeptes müssten Wirtschaftsverkehre reibungslos und zum Nutzen aller abgewickelt werden können. „Das ist für einen modernen Wirtschaftsstandort unabdingbar“, betonte Prof. Dr. Stephan Wimmers bei der Pressekonferenz. Eine weitere Forderung der IHK in diesem Zusammenhang: eine deutliche Reduzierung der Pendlerverkehre. Dazu seien allerdings einige Voraussetzungen nötig, etwa der Ausbau des ÖPNV, der Ausbau der Fahrradinfrastruktur und – in Kooperation zwischen Bonn und den Gemeinden des Rhein-Sieg-Kreises – die gemeinsame Schaffung von Park-&-Ride-Plätzen.

Außerdem regt die IHK an, dass sich größere Unternehmen in Bonn und der Region mit ihren Home-Office-Strategien aufeinander abstimmen. „Wenn an allen fünf Werktagen jeweils 20 Prozent der Pendlerinnen und Pendler von zu Hause aus arbeiten würden, hätte das einen erheblichen positiven Effekt auf die Infrastruktur“, ist Till Bornstedt, Teamleiter Standortpolitik der IHK, überzeugt. Bei der Pressekonferenz Ende Juli schlug die IHK überdies erstmals öffentlich eine voll digitale Citymaut für Bonn vor, mit der sich die Überlastung der Straßen vermeiden lasse. Die Idee dahinter: Anreize setzen und Verbote vermeiden. „„Es ist nicht zielführend, Wirtschaftsverkehre oder Kunden durch Durchfahrtsbeschränkungen und verkehrsberuhigte Zonen zu behindern,“ argumentierte Baumann-Duvenbeck. Damit schaffe man derzeit allenfalls weitere „Nadelöhre“, weil sich die Verkehre andere Wege suchen würden. „Damit ist niemanden geholfen und man verschärft die Probleme nur“, so die Unternehmerin und IHK-Vizepräsidentin. „Wir brauchen bessere Lösungen – und die gibt es.“

Die Vorschläge der IHK stießen in Bonn auf ein geteiltes Echo. Insbesondere was die City-Maut betrifft, äußerten sich die Stadt sowie Institutionen wie der Einzelhandelsverband kritisch. In einigen Unternehmen jedoch wird längst an besseren Lösungen gearbeitet.

Doris SommerZum Beispiel bei der Pflegeteam Wentland GmbH & Co. KG aus Rheinbach. Das Unternehmen bietet klassische ambulante Pflege, Pflege in speziellen Wohngemeinschaften sowie Tagespflege an, vor allem im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis, aber ab Januar 2023 verstärkt auch in Bonn. Dazu richtet es in Endenich ein ambulantes Büro ein. 360 Beschäftigte zählt Wentland – und etwa 120 Fahrzeuge. „Auf die sind wir insbesondere im ländlichen Raum weiterhin angewiesen“, erklärt Geschäftsführerin Doris Sommer, „die Wege zwischen den einzelnen Haushalten und Einrichtungen sind einfach zu groß.“ Dennoch denkt man bei Wentland angesichts zunehmender Parkprobleme und zeitlicher Verzögerungen über Alternativen nach.

„Für den neuen Standort Endenich könnten E-Bikes und E-Roller eine gute Möglichkeit sein“, sagt Sommer, die sich auch ehrenamtlich in der IHK-Vollversammlung engagiert, „das werden wir ernsthaft prüfen.“ Zudem habe man bereits drei kleine Elektroautos für Bonn angeschafft. Der ÖPNV komme hingegen nicht in Frage. „Das derzeitige Jobticket-System ist kompliziert, teuer und veraltet“, kritisiert sie, „es bietet keine Anreize für ein Unternehmen wie unseres.“ Hauptproblem: Das Ticket muss für alle Beschäftigten bestellt werden – auch wenn längst nicht alle es benötigen. Außerdem seien häufig die Verbindungen schlecht. „Der ÖPNV bietet derzeit wenig Anreize zum Umstieg“, bedauert Sommer.

Flexible Jobzeiten, hybride Arbeitskonzepte

Auch Großunternehmen wie die Telekom beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Mobilität. Der Dax-Konzern zählt allein am Standort Bonn rund 13.000 Beschäftigte. Viele davon pendeln mit dem Pkw zur Arbeit. „Wir wissen aus Befragungen, dass beispielsweise viele Mitarbeitende auf dem Weg zur Arbeit die Kinder zum Kindergarten oder zur Schule bringen, also mehrere Fahrtanlässe verknüpfen, das ist mit ÖPNV oder Fahrrad natürlich oft nicht möglich“, berichtet Dr. Olga Nevska, Geschäftsführerin der Konzerntochter Telekom MobilitySolutions (TMS), die für den gesamten Konzern die Mobilität verantwortet.

Dazu gehört mit 23.000 Fahrzeugen eine der nach Unternehmensangaben größten Geschäfts- und Dienstwagenflotten Deutschlands. Doch die Zahl schrumpft langsam aber stetig. Denn: „Wir schaffen Anreize, die es unseren Beschäftigten leichter machen, vom eigenen Pkw oder Dienstwagen auf andere Formen der Mobilität umzusteigen“, sagt Nevska. Dazu entwickelte die TMS vor drei Jahren eine konzernweite Mobilitätsstrategie. Darin kommen auch weiterhin Geschäfts- und Dienstwagen vor. Aber auch eine eigene Carsharing-Flotte. Und über 8.000 Job-Fahrräder. Außerdem ein Shuttle-Service Service „on demand“ sowie Mikromobilitäts-Angebote in Form von Pool-Bikes oder Scootern. Eine Rolle spielen dabei auch flexible Arbeitszeiten und Mobile-Working-Konzepte.

Das entscheidende Stichwort lautet: bedarfsorientierte Mobilität. Ziel ist eine Mobilitätsgarantie für alle Beschäftigten, aber eben nicht zwangsläufig mit eigenem Fahrzeug. Stattdessen kann man zum Beispiel mit dem Zug bis zur Haltestelle UN-Campus fahren und dort in einen Shuttlebus steigen, der alle Telekom-Standorte in Bonn verknüpft. Oder man fährt im Winter mit einem Dienst-Pkw, im Sommer aber mit einem E-Bike. Darüber hinaus wird diesen Herbst eine Mobilitäts-App an den Start gehen, mit der Telekom-Beschäftigte für jede Fahrt ermitteln können, welche Kombination aus Verkehrsmitteln am betreffenden Tag am schnellsten ans Ziel führt.

„Mit einer solchen Vernetzung bieten wir wirklich ernstzunehmende Alternativen zur ausschließlichen Fahrt mit dem eigenen Pkw“, fasst Nevska zusammen, „und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung des Pendlerverkehrs in der Region.“

Ein anderes Beispiel ist die CONET-Unternehmensgruppe aus Hennef. Auch sie nimmt die Herausforderung Straßenverkehr an – und hat sich sogar für einen Umzug nach Bonn entschieden. An den Neuen Kanzlerplatz an der Reuterbrücke, also mittenrein in die Verkehrsproblemzone. Im Herbst ist es so weit.

Anke HöferMehrere Gründe haben das IT-Unternehmen mit 1.500 Beschäftigten, davon knapp die Hälfte im IHK-Bezirk, zu dem Schritt bewogen, unter anderem kann es am neuen Standort die bislang über drei Standorte verteilten Mitarbeitenden wieder an einem Ort zusammenziehen. Auch die Nähe zu wichtigen Kunden in Bonn spielt eine Rolle.

Auf die Verkehrs- und Planungssituation in Bonn „blicken wir durchaus mit einem aufmerksamen Auge“, sagt Anke Höfer, CEO der Unternehmensgruppe, „wir hoffen sehr, dass Stadt, Kreis und Kommunen ihre verkehrspolitische Verantwortung ernst nehmen und die Verkehrssituation in Bonn nachhaltig verbessern.“

In jedem Fall bereite das Unternehmen sich und die Belegschaft bestmöglich vor. „Mit unseren ohnehin schon flexiblen Job-Zeiten und erweiterten, hybriden Arbeitskonzepten – vor Ort, im Homeoffice oder von unterwegs – sollten unsere Mitarbeitenden die gravierendsten Staulagen in Stoßzeiten vermeiden können“, ist Höfer überzeugt. „Auch ein Jobrad-Modell im Rahmen unseres Gesundheitsmanagements und das Angebot von Jobtickets für unsere Mitarbeitenden am Kanzlerplatz sind wichtige Bestandteile unserer Nachhaltigkeits- und Mobilitätsstrategie.“

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn