Handeln für den Handel

Wie sich die Innenstädte nach dem Corona-Lockdown erholen können

Nach dem Dornröschen-Schlaf des Einzelhandels freuen sich die einen, endlich wieder in der Innenstadt einkaufen zu können. Andere haben sich umorientiert und den Onlinehandel ausprobiert oder stärker genutzt. Wie kann man die Innenstädte für die Kundinnen und Kunden wieder attraktiv machen? Wie den lokalen Handel stärken? Kommunen, Händler, Berater und Wirtschaftsverbände in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis lassen uns in ihre Pläne schauen.

Birgit Eschbach Auf ihrer Wirtschaftswunder-Tour hat Birgit Eschbach viel gesehen und erlebt. 25 Regionen hat die Unternehmensberaterin aus Bad Honnef im Sommer 2020 besucht, wichtige Handels-Player dort befragt. Nun ist sie sicher: In Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis jammern wir auf hohem Niveau. Mit Blick auf ihre Heimatstadt sagt sie, Bad Honnef habe viel zu bieten, mit seinem Mix aus rheinischem Fachwerk und Gründerzeitvillen. Der Einzelhandel sei ebenso vielfältig wie die Kundschaft. Und dennoch müsse sich einiges ändern.

Digitalisierung spielt dabei natürlich eine große Rolle. Das heißt aber nicht, dass nun jeder Händler seinen eigenen Online-Shop aufbauen soll. Das so genannte Social-Selling im Live-Format ist für die einzelnen Händler viel sinnvoller: Dabei können sie zum Beispiel Modenschauen auf Instagram zeigen.

Die Kunden wählen live aus, welche Kleidung sie sehen wollen. Aber auch vor Ort muss sich das viel beschworene „Einkaufserlebnis“ mit Leben füllen – und kann dann das wichtigste Alleinstellungsmerkmal für die Innenstädte werden: „Jeder Kunde sollte wie ein Gast behandelt werden“, so Eschbach. Ein Sofa in den Laden, ein Getränk in die Hand. Auch gemeinsame Themenwochen können die Erlebnisqualität für die Kunden steigern.

Online und offline greifen ineinander, etwa indem die Händler ihre Ideen über Facebook bewerben und die Kunden damit in die Läden locken. Wie Social-Selling und andere digitale Werkzeuge funktionieren, erklärt die Inhaberin der Agentur „Rheintöchter“ per Video, in einem Onlinekurs für Händler und Wirtschaftsförderer.

„Hier schlägt mein Herz, hier kauf ich ein“

Bad Honnef ist gut beraten, wenn es seine Stärken auch weiterhin ausspielt: Martinimarkt, Frühlingsfest, Rosenfest. Aber der Handel müsse eben auch viele Tage im Jahr ohne Feste auskommen, sagt Johanna Högner, Leiterin der Wirtschaftsförderung. Schon vor der Corona-Krise hat sie mit ihrem Team daher für mehr Gemeinschaft in der Händler-Szene geworben und das Kiezkaufhaus ins Leben gerufen. Dort können die Kunden online beim Händler ihrer Wahl bestellen und bekommen die Ware noch am gleichen Tag – mit einem Lastenrad nach Hause geliefert. Vor allem aber, und das ist das Wichtigste, kaufe der Kunde dort ein, wo sein Herz schlage und nicht bei einem weltweit agierenden Unternehmen.

„Die Standardlösung im Handel gibt es nicht mehr.“ Darauf können sich Andrea Hauser (links) vom Kiezkaufhaus, das Kunden mit einem Lastenrad nach Hause beliefert, Johanna Högner (Mitte) und City-Managerin Miriam Brackelsberg (rechts) einigen. Neue Ideen werden in Corona und Post-Corona-Zeiten benötigt.Die Lieferkosten liegen Kund*innen unterhalb des Paketversandes. Die Händler bekommen eine kleine Homepage und können bis zu 80 Artikel mit Preis einstellen. Bislang machen im Kiezkaufhaus 31 von rund 75 Einzelhändler*innen in  der Innenstadt mit, elf davon mit Shop für Online-Bestellungen. Andrea Hauser, die das Kiezkaufhaus für Bad Honnef betreut, lässt trotzdem nicht locker: „Wir hätten gern noch mehr Händler im Team“, sagt sie. „Das wäre für die Kunden wichtig.“ Wer mitmachen möchte, bekommt Beratung und Schulung kostenfrei.

Corona hat natürlich auch im Bad Honnefer Einzelhandel Spuren hinterlassen, weiß City-Managerin Miriam Brackelsberg. „Viele Händler sind schon arg gebeutelt, aber die meisten nutzen diese Zeit auch, um sich weiterzuentwickeln. Verkaufen Ware über WhatsApp-Videoanruf. Manche haben Schilder ins Schaufenster gehängt, auf denen steht, wie sie auch im Lockdown für die Kunden da sind.“ Selbst ein Herrenmodenausstatter, der bereits der älteren Generation angehört, kommuniziere nun mit seinen Kunden über Facebook.

Eine gemeinsame Marke verkauft sich besser

Alle versuchen sich neu zu erfinden. „Das ist eben eine Folge unserer Zeit“, pflichtet Johanna Högner ihr bei. „Die Standardlösung gibt es nicht mehr.“ Für die Stadt insgesamt sei es aber wichtig, als Standort zu einer Marke zu werden. So könne sie ein Image entwickeln, das nach außen, aber auch nach innen wirkt.

Der Internethandel hat seinen Umsatz in der Corona-Krise noch einmal deutlich steigern können, meldet das Statistische Bundesamt. Besonders beliebt sind bei den Kund*innen im Netz Bekleidung und Schuhe. Dort stiegen die Umsätze von April bis Juni 2020 um gut 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Diese Entwicklung zeichnete sich aber auch vor Corona schon ab: Von 1999 bis 2019 konnte die Branche ihre Online-Umsätze mehr als verdoppeln.

Im gleichen Zeitraum halbiert sich beinahe der Umsatz der Kaufhäuser. Viele müssen schließen. Hauptgrund ist den Statistikern zufolge, dass ihr Sortiment nicht mehr mit der Vielfalt und den Angebotspreisen im Internet mithalten kann. Deutschlandweit mussten in den vergangenen zehn Jahren sechs Prozent der Einzelhändler*innen ihre Geschäfte schließen. Ein Trend, der durch Corona noch einmal verstärkt wurde.

Lieferservice für Bonn

Zusammenhalt tut also not. Zum Beispiel mit der Idee, die Puya Heidarian und Louis Deffor nun für Bonn haben: Mit ihrem neu gegründeten Unternehmen stadtfix möchten sie als starker Dienstleister an der Seite der Einzelhändler sein. Sie sehen darin das Potenzial, zwei Welten zu verknüpfen: Den Handel vor Ort und das Internet.

Handel vor Ort und im Internet zu verknüpfen und so ein lokales Amazon schaffen. Das ist die Vision von Puya Heidarian und Louis Deffor, die dafür ihr Unternehmen stadtfix gründeten.Denn viele Menschen, auch ältere, haben sich nun daran gewöhnt, online zu bestellen, so Heidarian. Dabei wollen sie zwar den lokalen Handel unterstützen, gehen aber häufig den einfacheren Weg und bestellen bei Amazon.

Die beiden Studenten der Wirtschaftsinformatik haben ihr Konzept schon vielen Händler*innen in Bonn vorgestellt und sind auf großes Interesse gestoßen: Sie wollen eine Infrastruktur für Lieferungen aufbauen, mit Lastenrädern und Autos, die einmal am Tag die Bestellungen aus der Innenstadt in die verschiedenen Bonner Viertel bringen. Kunden und Händler teilen sich die Lieferkosten, der Betrag ist gedeckelt.

Die Software für das System ist einfach zu bedienen; stadtfix will sie den Händlern zur Verfügung stellen. Auch beim Aufbau des Warenmanagements wollen die Jung-Unternehmer helfen und beim Fotografieren der einzelnen Produkte. Schon bald können die Kunden bei ihren Händlern telefonisch oder per WhatsApp bestellen. Mittelfristig soll aber in Bonn, später auch in anderen Städten, ein digitaler Marktplatz entstehen. Wenn genügend Händler*innen mitmachen, entstehe eine Art lokales Amazon.

„Handel ist Wandel“, heißt das klare Ergebnis der Bonner City-Konferenz 2020. So werden im Innenstadt-Bereich Gastronomie und Kultur, aber auch Dienstleistung und Wohnen weiter an Bedeutung gewinnen.

In diesem Strukturwandel muss der Handel sich neu erfinden, so Prof. Dr. Stephan Wimmers, Geschäftsführer Handel, Industrie, Verkehr, Tourismus und Kultur bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg. „Die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt muss gesteigert werden: Dazu gehören Sicherheitsmaßnahmen im Zusammenhang mit Corona, aber auch gestalterische und serviceorientierte Elemente. Die Händler*innen müssen nun, das Shoppen und Verweilen in der Innenstadt ein stückweit neu erfinden.“

Gerade der inhabergeführte Einzelhandel sei sehr flexibel, das habe auch die Vergangenheit schon gezeigt, so Wimmers weiter. Wer da eine passende Nische finde, könne in Zusammenhang mit guter fachlicher Beratung bei den Kunden punkten.

Der neue Bonner Puppenkönig

Einer, der nun in Bonn neu als Händler anfängt, ist Alexander B. Jentsch. Eigentlich ist er Industrie- und Handelsmakler, aber ein Objekt hat es ihm so sehr angetan, dass er dafür  Gesellschafter geworden ist: Der Puppenkönig.

Das Bonner Traditionshaus Puppenkönig wird renoviert – nicht nur Kinder freuen sich auf die Wiedereröffnung.Voraussichtlich im Sommer wird der Laden wiedereröffnet, mit gleichem Namen und neuem Gesicht: als Playmobil-Erlebniswelt. „Das Alleinstellungsmerkmal für den stationären Handel ist auch weiterhin die Fachberatung“, so Jentsch. „Aber es braucht mehr.“ So können im neuen Puppenkönig Kinder und Erwachsene spielen oder auch im hauseigenen Bistro entspannen.

Der Online-Shop soll schon im Frühjahr eröffnen. Alleinstellungsmerkmal dort: Die Kunden werden auch Produkte finden, die sonst nicht mehr verfügbar sind.

„Eine gute Mischung aus Emotion und Kommunikation“ soll der Laden werden, so Alexander B. Jentsch. Vor allem der Keller biete tolle Möglichkeiten. Um spannend zu bleiben, wird sich der Puppenkönig aber auch weiterhin stetig verändern.

Alexander B. Jentsch erweckt die Bonner Institution Puppenkönig zu neuem Leben.Kinder-Events am Samstag oder auch eine Neuauflage der Männerabende, die viele schon aus dem Puppenkönig kennen, bieten Erlebnisse vor Ort. Zusammen mit seinem zwölfjährigen Sohn Henri freut er sich schon jetzt darauf, dass es bald losgeht. Ein Jahr lang musste er seine Pläne ihm gegenüber geheim halten. „Das ist mir schon schwer gefallen, denn der Puppenkönig ist für mich als Bonner Emotion pur.“

Wer viel zu bieten hat, sollte auch darüber reden

Emotionen und Erlebnisse – das könnte auch in Troisdorf helfen, die Innenstadt nach der Corona-Krise wieder auf die Beine zu bringen. Stephanie Orefice ist Vorsitzende von „Troisdorf Aktiv“, und sie findet, dass die Stadt eigentlich viel zu bieten habe: „Unsere Fußgängerzone ist einen Kilometer lang und hat Potenzial für große und kleine Events, Räume und Plätze zum Verweilen für die Besucher.

Außerdem haben wir tolle Ausflugsziele, viel Kultur und natürlich eine ideale Lage mit Nähe zum Flughafen, aber ohne den entsprechenden Lärm“, sagt sie und ihre Begeisterung wird spürbar. Der Knackpunkt sei aber, dass man das auch nach außen vermitteln müsse, sagt sie weiter.

Und dafür müssen alle Beteiligten zusammenwirken. Die Händler*innen. haben es sehr schwer im Moment: Drei Jahre lang war die Innenstadt eine große Dauer-Baustelle. Neues Pflaster in der Fußgängerzone, Bäume und Sitzbänke waren gerade fertig, da fing die Corona-Krise an.

Umso wichtiger, gemeinsame Pläne für die Zukunft zu schmieden, so Orefice. Auf jeden Fall sollte der Abendmarkt wieder aufleben, sobald Veranstaltungen stattfinden dürfen, findet sie. Von Mai bis Oktober wird die Troisdorfer Innenstadt dann jeden ersten Freitag im Monat zum Außen-Wohnzimmer der Bürgerinnen und Bürger. Sie möchte aber auch weitere kleine Veranstaltungsformate nach vorne treiben.

Stephanie Orefice (links) ist Vorsitzende von „Troisdorf Aktiv“ macht Werbung für ihre Stadt und sucht nach Lösungen für die Zukunft.Es gebe ja auch noch die kleineren Zentren wie Spich und Sieglar,  die ebenfalls über eine ausgezeichnete Infrastruktur verfügen. Ganz wichtig und grundsätzlich: Dranbleiben, denn „Marketing ist keine Momentaufnahme, das ist ein Dauerzustand.“

Was die Digitalisierung betrifft, empfiehlt Orefice den Händlern eher gemeinsame Lösungen. Nicht jeder brauche in der jetzigen Zeit und mit womöglich wenig finanziellen Mitteln eine eigene Homepage, findet sie.

Die Boutiquenbesitzerin zum Beispiel könne ebenso im Stadtportal präsent sein und ihre Kundinnen zusätzlich über Facebook und andere soziale Kanäle auf dem Laufenden halten. Im Stadtportal sind unter www.troisdorf.city die Händler mit Bildern, kurzen Beschreibungen und ihren Kontaktdaten vertreten.

Zusätzlich bietet die Händler-Gemeinschaft einen Stadt-Gutschein an, den die Kunden an vielen Stellen kaufen und bei 70 Händlern einlösen können. Diese Idee, zusammen mit der TroCard, die ebenfalls für Kundenbindung sorgt, hat Orefice vor fünf Jahren zusammen mit den Stadtwerken, der Kreissparkasse und der VR-Bank umgesetzt.

Troisdorf will eine Million für den Handel spendieren

Nun erfährt die Idee eine Weiterentwicklung, erzählt Alexander Biber, Bürgermeister von Troisdorf. Ab Mai sollen die Kunden für einen Stadt-Gutschein nämlich nur noch drei Viertel des Preises zahlen. Wer also einen 100-Euro-Gutschein kauft, zahlt 75 Euro. Den Rest spendieren Stadt und Händler, wobei die Stadt 20 Prozent und die Händler fünf Prozent übernehmen. Eine Million Euro will Troisdorf sich das voraussichtlich kosten lassen. Das Ziel: Fünf Millionen Euro Umsatz für die Händler*innen.

Das Familienfest ist eins der Highlights in der Troisdorfer Innenstadt.„Viele Händler in Troisdorf verzeichnen durch Corona Umsatz-Einbrüche im Schnitt von bis zu 70 Prozent“, so Biber. Wer seinen Laden im eigenen Haus hat, für den gehe es noch. Es gebe aber auch schon viele Leerstände, und die Lage könne sich noch weiter verschärfen. Der Bürgermeister berichtet von einer Tendenz, dass immer mehr Dienstleister in die Innenstadt kommen.

Nun macht er sich, zusammen mit den Stadtverordneten, schon Gedanken darüber, wie man die Situation in Zukunft baurechtlich begleiten kann: „Wir könnten zum Beispiel den Handel in einem Teil der Fußgängerzone konzentrieren, und dann stückweise nach außen gucken: Was lassen wir zu? Vielleicht muss sich die Troisdorfer Innenstadt tatsächlich gesund schrumpfen.“

Dass die Stadt bei 80.000 Einwohnern ein funktionierendes Zentrum braucht, sei klar. Zwischen den Polen Köln und Bonn ist es aber eine Herausforderung, für die Kunden attraktiv zu bleiben. Kundenbindung durch Stadt-Gutscheine und TroCard sind da schon mal ein guter Anfang.

Mehr Zusammenhalt: online und offline

Was braucht es also, um die Innenstädte in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis auch nach Corona zukunftsfähig zu machen? Wichtig ist sicherlich digitales Know-how. Die Händler vor Ort entdecken Stück für Stück die Macht der Sozialen Medien. Gerade lokal und regional können Facebook und Instagram starke Werkzeuge für die Kundenbindung sein. Es braucht aber auch Zusammenhalt: Warum sollten die Händler*innen nicht die Posts der anderen mit ihren Kunden teilen? Sie positiv kommentieren? Oder auch ein gemeinsames Vertriebs- und Liefersystem auf die Beine stellen?

Nicolaus Sondermann von der IFH KölnBei Veranstaltungen vor Ort oder gemeinsamen Themenwochen können die Kunden dann ein Gefühl dafür entwickeln, was Einzelhandel kann. In der Studie „Vitale Innenstädte 2020“ hat das Institut für Handelsforschung (IFH) Köln die drei häufigsten Kernaussagen von Kunden über die Shopping-Meilen in der Innenstadt herausgestellt: „ein Ort zum Wohlfühlen und Leute treffen“, „ein Ort zum Bummeln und Shoppen“ und „ein Ort zum Ausgehen“. Auf den Mix kommt es also an. Und je mehr Händler und Gastronomen ihre  Kund*innen auch nach Corona begeistern können, desto schöner wird das alte, neue Gesicht unserer Innenstädte.

Von Marion Theisen, freie Journalistin, Bonn