Mobilität: Wirtschaft drängt auf regionales Verkehrskonzept

Verkehrsplaner plädieren in neuer Studie für Hauptroutennetz

Angesichts der Verkehrsmisere in der Region rufen die Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg, die Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg sowie die Handwerkskammer (HWK) zu Köln zu verstärkter regionaler Kooperation in Fragen der Mobilität auf. So gibt es bislang kein integriertes Verkehrskonzept, das Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis ganzheitlich betrachtet. Mit einer Studie zeigen die Wirtschaftsverbände nun auf, worauf es für sie bei einem solchen Konzept ankommt. Am Dienstagabend (26. Mai) haben sie die Erkenntnisse mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verwaltung in der IHK diskutiert.

„Zustand der Infrastruktur ist zu Belastung geworden“

„Die Infrastruktur war für unsere Region lange ein eindeutiger Standortvorteil, in den vergangenen fünfzehn Jahren ist ihr Zustand mehr und mehr zu einer Belastung geworden. Das zeigt sich bei der Nordbrücke, aber auch an anderen Stellen“, sagt IHK-Präsident Stefan Hagen. „Die Gründe dafür sind vielschichtig: Zu geringe Investitionen, lange Planungsverfahren, ‚not-in-my-backyard‘-Mentalität. Klar ist: Raus kommen wir nur gemeinsam. Wir freuen uns, dass unsere Idee eines regionalen Verkehrskonzepts in der Politik aufgegriffen worden ist. Mit der Studie wollen wir deutlich machen, was bei der Umsetzung für die Wirtschaft wichtig ist.“

„Wirtschaftsverkehr bislang nicht ausreichend berücksichtigt“

In der Untersuchung haben Verkehrsplaner der Durth Roos Consulting GmbH sowie der isi GmbH analysiert, worauf es bei der Erarbeitung eines regionalen Verkehrskonzepts aus Sicht der Wirtschaft ankommt. „Bei der Umsetzung des 2012 aufgestellten Verkehrsentwicklungsplans hat die Stadt Bonn den Wirtschaftsverkehr nicht ausreichend berücksichtigt“, sagt Prof. Dr. Rainer Hess von der Durth Roos Consulting GmbH. „Es ist von entscheidender Bedeutung, in einem zukünftigen Verkehrskonzept die potenziellen Auswirkungen von Maßnahmen auf die Wirtschaft vor Ort sorgfältig zu analysieren und zu bewerten.“

In der Studie sprechen sich die Verkehrsplaner für einen integrierten Mobilitätsplan für Bonn/Rhein-Sieg aus. Konzepte wie der sogenannte nachhaltige urbane Mobilitätsplan sowie der nachhaltige urbane Logistikplan bieten dafür entsprechende Leitfäden. Weitere Handlungsempfehlungen sind u.a. die Definition eines leistungsfähigen Hauptroutennetzes für den Wirtschaftsverkehr, die Stärkung von ÖPNV und Radverkehr sowie eine im Tagesverlauf flexible Nutzung von Fahrspuren auf geeigneten Abschnitten.

Gute Ansätze bei den Wirtschaftsparkplätzen

Auch das Handwerk plädiert für mehr Zusammenarbeit. „Für unsere Mitgliedsbetriebe ist es unerlässlich, dass sie möglichst reibungslos zu ihren Kunden kommen. Das ist zuletzt leider immer schwieriger geworden“, sagt Kreishandwerksmeister Michael Christmann. „Wir sprechen uns für klar definierte Hauptrouten für den motorisierten Verkehr aus. Die guten Ansätze bei den Wirtschaftsparkplätzen für die ‚letzte Meile‘ sollten wir weiterverfolgen. Und gegenüber Berlin und Düsseldorf muss die Region mit einer Stimme sprechen, wenn es um Themen wie die Nordbrücke geht.“

Zu dem Treffen am Dienstagabend hat die IHK die Spitzen von Politik und Verwaltung sowie die Verkehrsexperten aus den Kommunen in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis eingeladen. In der Diskussion vertritt Thomas Radermacher, Präsident der Handwerkskammer zu Köln, die Positionen des Handwerks. Er sagt: „Die positiven Ansätze wie die gemeinsamen Initiativen von Stadt und Kreis für Park-and-Ride-Plätze und der gelungene Kompromiss rund um den S13-Start stimmen mich zuversichtlich, dass wir in der Region auch bei anderen Baustellen noch besser vorankommen können.“

Hintergrund:

Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis sind als Wirtschaftsregion vielfältig verflochten. Bis zu 145.000 Menschen, davon ein erheblicher Teil aus dem Rhein-Sieg-Kreis, kommen für die Arbeit täglich nach Bonn. Mehr als 60.000 Bonnerinnen und Bonner arbeiten außerhalb der Bundesstadt. Supermärkte oder Industriebetriebe sind auf regelmäßige LKW-Lieferungen angewiesen, Handwerker müssen ihre Kunden erreichen. Der Rhein ist dabei für die Schifffahrt ein Verkehrsweg, für die Region Bonn/Rhein-Sieg aber auch eine natürliche Trennung, die durch Brücken und Fähren überwunden werden muss. Straßen- wie Schieneninfrastruktur sind vielerorts an der Kapazitätsgrenze und/oder überaltert. Zielgerichtete und effiziente Investitionen in die Infrastruktur sind deshalb äußerst dringlich.